Macht ist ... Verantwortung

Umfrage:

4. Dezember 2018
Harvard Business Manager

Einer meiner Lieblingssprüche ist: "Aus großer Kraft folgt große Verantwortung." Für mich geht das immer Hand in Hand. Ich glaube, dass es für Menschen in einflussreichen Positionen sehr wichtig ist, sich der Konsequenzen der Einflussnahme und Machtausübung bewusst zu sein.

Die bestimmt edelste Form ist, die Macht positiv einzusetzen - etwa durch eigene Entscheidungen Gutes und Werthaltiges zu produzieren und soziale Verantwortung zu übernehmen. Das hat eine Menge mit Demut und Dankbarkeit zu tun. Wir können dann sagen: "Ich habe jetzt einiges geschaffen und mir aufgebaut, und anstatt nun nach unten zu treten und meine Macht auszunutzen, sollte ich versuchen, diese Möglichkeiten so einzusetzen, dass viele andere Menschen auch etwas davon haben." Macht wird immer nur geliehen, wir besitzen sie nicht. Darüber muss man sich in meinen Augen im Klaren sein.

Macht verändert sich ständig, geht einher mit Abhängigkeiten in anderen Lebensbereichen. Und sie kann sich auch schlagartig verändern. Man kann machtlos in eine machtvolle Situation gelangen, oder umgekehrt. Deshalb sind Demut, Verständnis und Empathie für die jeweils andere Perspektive sehr wichtig. Und man sollte sich an seinem ethischen Kompass orientieren. Ich habe Macht selbst aus zweierlei Perspektiven erlebt. In meiner Rolle als Start-up-Unternehmer war ich abhängig von Investoren und ihrem Geld, heute bin ich selbst Investor und erlebe das ganze Thema von der anderen Seite.

Als Start-up-Unternehmer, der Venture-Capital aufnehmen muss, um wachsen zu können, begibt man sich in Abhängigkeit von einem Finanzprodukt, von dem man immer mehr braucht. Wenn ein Investor den Geldhahn zudreht, fährt man automatisch gegen die Wand. Man ist in einer solchen Situation komplett abhängig von den Entscheidungen einer anderen Person, die sich in dem Moment gefühlt über einen beugt und sagt: "Tut mir leid, aber ich habe meine Gründe, das nicht zu tun und nicht weiter zu investieren." Auf einmal steht man da und ist Opfer der Entscheidung eines anderen Menschen, auf die man keinen Einfluss mehr nehmen kann. Dann ist man machtlos.

Ich habe Ähnliches erlebt und eine Firma in den Sand gesetzt. Ich hätte eigentlich mein Team entlassen müssen. Meine Mitgründer und ich sind jedoch einen anderen Weg gegangen, indem wir unserem Team versprochen haben, niemanden zu entlassen und allen besser bezahlte Jobs zu besorgen. Das war im Nachhinein nicht gerade clever, weil wir damit eventuell gegen deutsches Recht hätten verstoßen können, wonach ich eine Massenentlassung hätte durchführen müssen. Aber unsere Devise war: "Wir stellen uns vor euch, hier wird niemand untergehen, wir kümmern uns um euch." Wir haben unser Versprechen gehalten und jeden der 30 Mitarbeiter vermittelt - samt besserer Bezahlung.

Darauf sind wir sehr stolz. Wir haben uns auch in dieser eigentlich ohnmächtigen Lage - keine Zeit, kein Geld- die Macht und Kontrolle zurückgeholt. Wir waren hoch motiviert, den Menschen, die uns so viel Vertrauen entgegengebracht haben, unsere Dankbarkeit zu zeigen. Es war nicht schlau, weil wir dafür auch eine Menge Ärger hätten bekommen können. Aber wir hatten das Gefühl: "Wir können etwas Gutes tun, und wir schaffen das." Selbst wenn es Konsequenzen für einen persönlich hat.

Das ist übrigens ein schönes Beispiel für den Satz, dass aus großer Kraft auch große Verantwortung folgt. Ich glaube, dass uns die Angst vor eigenen Konsequenzen daran hindert, gute Entscheidungen zu treffen, weil wir uns selbst viel zu ernst und zu wichtig nehmen. Menschen, die mehr Macht bekommen, denken automatisch, dass sie wichtiger geworden sind. Das schaukelt sich so auf. Für mich ist eher das Gegenteil wichtig: Menschen, die mehr Macht bekommen, tragen mehr Verantwortung für andere. Die meisten Menschen praktizieren das leider anders.

Heute bin ich auf der Investorenseite. Es gehört zu unserem Geschäft, Start-up-Investments abzuschreiben, wenn das Start-up nicht funktioniert. Aber durch meine eigene Erfahrung mit einem Start-up kann ich das Gefühl eines Gründerteams in schweren Zeiten nachvollziehen. Machtausübung kann in diesen Fällen auf zwei Arten geschehen: Ich kann die Gründer morgen anrufen und sagen, wir investieren nicht mehr. Oder wir können gemeinsam einen Weg über mehrere Monate definieren, in dem wir festmachen, wie wir uns verhalten werden, wie viel Transparenz wir aufbringen, und es uns damit ermöglichen, einen anderen Weg zu finden, anstatt einfach nur den Geldhahn zuzudrehen.

Wir ziehen diesen zweiten Weg dem ersteren vor, denn wir wissen, wie es ist, mit Gründern und Unternehmern sehr nah und eng in schwierigen Situationen zusammenzuarbeiten, für jemanden da zu sein, gemeinsam auf etwas hinzuarbeiten. Das ist sehr wichtig, denn es stehen immer Menschenleben dahinter, persönliche Schicksale, Familien, Kinder. Das sind alles Dinge, über die ich mir als Entscheider im Klaren sein muss.

Unsere Einstellung wird uns natürlich gespiegelt: Wir nehmen eine Form der Dankbarkeit wahr, und die äußert sich in einer Herzlichkeit und Offenheit meines Gegenübers. Man kann angstfrei miteinander kommunizieren und gemeinsam Lösungen entwickeln und Vertrauen aufbauen. Die Währung hinter der Macht ist Vertrauen. Mitarbeiter legen Entscheidungen vertrauensvoll in meine Hände. Damit muss ich als Führungskraft umgehen lernen, es ist in meinen Augen eng mit Herzlichkeit, Menschlichkeit und Respekt voreinander verbunden. Viele menschliche Grundwerte treffen aufeinander.

Das ist im Übrigen auch nicht nur in meinem Beruf so. Ich bin überzeugt davon, dass wir uns untereinander mit Respekt begegnen sollten. Dass ich Investor bin, bedeutet ja nicht, dass ich Personen aus einer anderen Berufsgruppe nicht respektvoll, höflich oder freundlich behandeln sollte.

Christian Miele ist Partner bei E.ventures in Berlin. Der Urenkel des Miele-Gründers Carl Miele gehörte zur höheren Führungsriege bei Rocket Internet und baute später mehrere Start-up-Unternehmen auf.

Spezial 1/2019

Macht


Was künftig über Einfluss und Erfolg entscheidet


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