Der unterschätzte Wachstumsmotor

Debatte:

Von Richard Straub und Julia Kirby
14. Juli 2014
Getty Images

Um Tyler Cowens These von der Great Stagnation der U.S.-Wirtschaft und den Interventionsmöglichkeiten, die für neuerliches Wachstum sorgen könnten, tobt nicht nur unter Ökonomen und Führungskräften eine unvermindert heiße Debatte. Das Lohnniveau in den USA stagniert, so der Wirtschaftswissenschaftler der George Mason University. Die "tief hängenden Früchte", die wir nicht wiederholbaren, vor allem technologischen Durchbrüchen zu verdanken haben, sind abgeerntet. Wenn wir Wachstum und Wohlstand auch in Zukunft steigern wollen, werden wir härter arbeiten müssen, und die Steigerungen werden langsamer erfolgen, lautet sein Standpunkt.

Eine leidenschaftliche Gegenposition vertreten Erik Brynolfsson und Andy McAfee vom MIT. Sie weisen die Auffassung zurück, dass alle großen technologischen Entwicklungssprünge bereits hinter uns liegen. Ihrer Meinung nach ist die Innovationsgeschwindigkeit bei digitaler Technologie immer noch hoch, und wir können auch weiterhin mit technologischen Quantensprüngen rechnen, von denen alle profitieren.

Die Diskussion zwischen beiden Lagern wird engagiert geführt, aber es gibt noch eine weitere Sichtweise, die bisher nicht berücksichtigt wurde: Fortschritt hängt nicht von technologischer Innovation allein ab, sondern auch von Qualität und Innovation im Management.

Die Arbeiten des Ökonomen Paul Romer helfen, dies zu verdeutlichen. Er erklärt die Geschichte des Fortschritts als eine Folge von zwei verschiedenen Arten der Innovation: Auf der einen Seite steht der technische Fortschritt mit seinen Erfindungen, auf der anderen die Weiterentwicklung unserer Gesetze und sozialen Normen. Der Mensch ersinnt also nicht nur neue Werkzeuge, sondern auch immer neue Regeln. Diese Veränderungen schreiten nicht immer im Gleichtakt voran, und wenn die Innovationsgeschwindigkeit auf dem einen Gebiet nachlässt, springt nicht selten das andere in die Bresche.

Manager gehören zu den großen Regelmachern und Implementierern dieser Welt, und wir glauben, es ist an der Zeit, dieses Potenzial auszuschöpfen. Die Strukturen, Prozesse und Incentive-Systeme vieler Firmen und Organisationen vermindern Motivation und Leistung eher, als sie zu fördern. So wurde in neueren Studien festgestellt, dass nur wenige Angestellte sich mit ihrer Arbeit identifizieren und noch wenigere wirklich mit Leidenschaft bei der Sache sind. Was, wenn Manager sich dieser Probleme annehmen und das Regelwerk entsprechend ändern? Ließe sich auf diese Weise vielleicht all die gestaute Energie freisetzen? Wie wäre es mit einer gemeinsamen Anstrengung, die Managementpraxis so zu verändern, dass sich eine neue Ära des Wachstums einstellt - weg von der Stagnation und hin zum "Großen Wandel"?

Wir sind nicht die Ersten, die Ökonomen darauf hinweisen, dass das Management eine wichtige Rolle spielt. Vor dreißig Jahren, als Amerikas nachlassende Wirtschaftskraft allgemein beklagt wurde, sorgten Bob Hayes und Bill Abernathy mit ihrem im HBR veröffentlichten Artikel "Managing Our Way to Economic Decline" für einen regelrechten Paukenschlag: In einer Zeit, in der die Gilde der Ökonomen den Niedergang der amerikanischen Wirtschaft gegenüber der japanischen allein makroökonomischen Kräften zur Last legte, identifizierten Hayes und Abernathy die Manager als die eigentlich Schuldigen. Hierbei verwiesen sie vor allem auf die wirtschaftliche Kurzsichtigkeit, der die Manager-Community anheimgefallen war und es versäumt hatte, ausreichend in langfristige Innovation zu investieren.

In jüngerer Zeit hat Clayton Christensen dargelegt, wie die gängige Praxis der Manager, Kapital einzusetzen, sogar den Kapitalismus selbst untergräbt. Er weist auf den Unterschied zwischen empowering und productivity innovation und zeigt, wie der Druck, kurzfristige Gewinne zu erzielen stets dazu führt, eher in Produktivität zu investieren, die schnellere Rendite verspricht. Unterlässt man aber, zumindest einen Teil des durch erhöhte Produktivität freigesetzten Kapitals in empowering innovation zu investieren - also wirklich grundlegende Innovationen, die die Basis für neue Geschäftsmodelle oder ganze Industrien bilden -, kann eine Firma weder organisch wachsen, noch entstehen neue Arbeitsplätze. Christensens Arbeit ruft uns eindringlich ins Gedächtnis, dass die wichtigste soziale Verantwortung von Unternehmen und deren Managern darin besteht, für wachstumsfördernde Innovation zu sorgen. Denn Innovation sichert nicht nur die Konkurrenzfähigkeit des eigenen Unternehmens, sondern Wachstum und Wohlstand für alle.

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mayconsult 16.07.2014

Manager sind keine Vordenker. sondern Erfolgsbeauftragte. Drucker hat recht, wenn er meint, Technik müsse auf den Menschen zentriert sein. Dass Management eine sehr junge Disziplin sei, bezweifle ich. Die Sumerer, Ägypter, Römer, Medici, Fugger etc. betrieben sehr wohl effizientes Management, sonst wären sie nicht so erfolgreich gewesen. Über die Methoden ließe sich sicher trefflich streiten. Von 1920 stieg die Weltbevölkerung von 2 Milliarden Menschen in nur 90 Jahren auf nun über 7 Milliarden an. Dieses massive Wachstum dürfte der Haupttreiber der Weltwirtschaft und geschichtlich gesehen einmalig gewesen sein. Zielsetzung der allermeisten Unternehmen, insbesondere der Angelsächsischen ist und war, Money zu machen. Daher finde ich es eher nicht zutreffend, Manager als Gestalter gesellschaftlichen Wandels zu bezeichnen. Natürlich gestalten sie, aber eher nicht im gesellschaftlichen Interesse. Sie streben eher Kontrolle über ihr jeweiliges Geschäftsmodell und somit über ihre Kunden an. Das ist die Hauptaufgabe aller Manager, sonst werden sie gefeuert. Entwicklungssprünge beim Management erscheinen mir daher nur bei neuen Zielsetzungen möglich. Ich kann mir aber nicht recht vorstellen, welches andere Ziel als der Erfolg des Unternehmens -nicht der Gesellschaft- im Fokus stehen kann. Unternehmerische und gesellschaftliche Zielsetzungen sind aus meiner Sicht zwei unterschiedliche Ziele, die bei der laufenden Diskussion anscheinend irgendwie verschmolzen werden sollen, auch wenn sie in vielen Teilen nicht kompatibel sind. Ob neue technologische Methoden automatisch Fortschritt sind, muss nicht immer zutreffen. Neulich hörte ich, dass mehrere große Unternehmen an der Schaffung künstlicher Bienen arbeiten, um Pflanzen zu befruchten, da Bienenvölker massenhaft sterben. Diese Lösung schafft Wachstum - künstliches. Bienen kosten nichts und verlangen kein Geld für ihre Tätigkeit. Im Gegenteil: Sie liefern umsonst Honig. Künstliche Bienen dagegen verschwenden Ressourcen aller Art, bringen diesen Unternehmen aber zusätzliche Gewinne, da sie immer weiter in die Wertschöpfungskette eingreifen und zusätzliche Abhängigkeiten schaffen. Einfacher wäre es, das Bienensterben zu verhindern. Wäre diese neue Technik gemäß Drucker wirklich 'auf den Menschen zentriert'? Michael May

MarcoHass 16.07.2014

Ich wusste gerade wirklich nicht, ob dieser Artikel ernst gemeint ist! Die Welterkenntnis!: Fortschritt hängt von Qualität und Innovation im Management ab - Wow! - DAS ist mal etwas wirklich Neues! "Manager gehören zu den großen Regelmachern und Implementierern dieser Welt, und wir glauben, es ist an der Zeit, dieses Potenzial auszuschöpfen." Häh? welches Potential ist in diesem Satz beschrieben?- Noch mehr regulieren oder Prozesse noch komplexer gestalten? "Wie wäre es mit einer gemeinsamen Anstrengung, die Managementpraxis so zu verändern, dass sich eine neue Ära des Wachstums einstellt - weg von der Stagnation und hin zum "Großen Wandel"?" Suuhper Satz! Na klar "großer Wandel" wollen wir doch alle und hört sich prima an! Doch was sagt dieser Satz aus? (Wir haben zwar keine Ahnung, aber sagen mal etwas Populäres?) "Wir sind nicht die Ersten, die Ökonomen darauf hinweisen, dass das Management eine wichtige Rolle spielt."- Ach nee! (sollte der Artikel doch noch die Kurve kriegen..?) Wieder so eine epische Erkenntnis: "Denn Innovation sichert nicht nur die Konkurrenzfähigkeit des eigenen Unternehmens, sondern Wachstum und Wohlstand für alle." (Ich habe gerade nachgesehen, der Artikel ist nicht 100 Jahre alt) Die nächste epochale Erkenntnis: "Denn wer über den Einfluss verfügt, die Wirtschaft in den Graben zu fahren, kann sie auch zum Erfolg führen." ....."die Sicherung der Trinkwasser- und Energieversorgung, Verbesserung der Gesundheits- und Bildungssysteme werden wir nur lösen können, wenn wir aufhören, Mensch und Maschine als Gegenspieler zu sehen. Wir müssen vielmehr alle verfügbaren kreativen Fähigkeiten mobilisieren und sie mit den alles Bisherige in den Schatten stellenden Möglichkeiten der Digitaltechnologie verstärken." -Aus meinem PC kommt gerade kein Wasser. Ist aber auch kein dritte Welt oder Sahara Model. -Holistische Denkweisen ohne roten Faden sind nicht zielführend! Wir können doch nur Großes in unserer Firma tun und darauf achten, dass dies ein klitze kleines bischen die Welt verbessert. Wer mehr will oder mehr propagiert scheitert. Sorry für meine Entgleisungen. Ich habe lange keinen so "bauernschlauen" Artikel mehr gelesen und finde ihn in HBM unangemessen, da er zu niedrigschwellig und populistisch ist.

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