Denken Sie lieber nicht zu positiv!

Psychologie:

Von Gabriele Oettingen
11. November 2014
Getty Images

Wir haben alle schon eine Menge über die Macht des positiven Denkens gehört. Organisationen spornen ihre Mitarbeiter ständig dazu an, in der Hoffnung, ihre Leistungen zu verbessern und ihr Engagement zu erhöhen. Außerdem spielt positives Denken auch als tragende Säule eines guten Selbstmanagements eine wichtige Rolle - an vielen Bürowänden hängen aufbauende Botschaften darüber, wie wichtig Durchhaltevermögen, Belastbarkeit und eine positive Zukunftsvision sind. Zur Zeit der großen Rezession engagierten manche Unternehmen sogar Glücks-Coachs, um ihren Mitarbeitern eine optimistische Sichtweise zu vermitteln. Und von Führungspersönlichkeiten wird sowieso ständig Optimismus erwartet: Politiker und Topmanager sollten am liebsten 24 Stunden pro Tag eine unerschütterliche "Nichts-ist-unmöglich"-Mentalität ausstrahlen.

Nur leider gibt es da ein kleines Problem: Untersuchungen, die ich in den letzten zwei Jahrzehnten zusammen mit Kollegen durchgeführt habe, deuten darauf hin, dass positives Denken uns eigentlich gar nicht so viel weiterhilft, wie wir glauben. Wir haben Dutzende Studien analysiert, die die Auswirkungen positiver Zukunftsvisionen auf Menschen mit den verschiedensten Wünschen untersuchten - von gesundheitsbezogenen Zielen wie Gewichtsreduktion, Raucherentwöhnung oder der schnellen Genesung von einer Operation bis hin zur Verbesserung beruflicher oder akademischer Leistungen. Das konnten zum Beispiel mittlere Manager sein, die ihren Arbeitsstress lindern wollten oder Studenten auf Jobsuche oder Schülern, die auf gute Noten aus waren. Und dabei haben wir immer wieder festgestellt, dass Menschen mit positiven Fantasievorstellungen bei der Erreichung erfüllbarer Wünsche entweder die gleichen oder weniger Fortschritte machen wie diejenigen, die nicht positiv denken.

Und wenn man es sich genau überlegt, ist das auch völlig plausibel. Vom erfolgreichen Ausgang einer Situation zu träumen, macht Spaß und vermittelt einem ein schönes, warmes Gefühl der Zufriedenheit. Aber am Arbeitsplatz ist so etwas eher kontraproduktiv, denn dann ist man weniger motiviert, sich zu der intensiven, dauerhaften Anstrengung aufzuraffen, die normalerweise notwendig ist, um ein erreichbares, aber anspruchsvolles Ziel in die Tat umzusetzen. In einigen unserer Studien haben wir beobachtet, dass positives Denken zu einem messbar niedrigeren systolischen Blutdruck führt - und dieser Blutdruckwert zeigt an, wie viel Energie jemand gerade hat. In anderen Untersuchungen war die Wahrscheinlichkeit, dass positive Denker einfache Schritte auf ein Ziel hin unternehmen, genauso groß wie bei den Probanden einer Kontrollgruppe. Dass sie unbequemere, schwierigere Maßnahmen ergriffen - zum Beispiel einen größeren Teil ihrer Zeit oder ihres Geldes in die Erreichung ihres Ziels investierten - war weniger wahrscheinlich.

Seite
1
2
Artikel
Kommentare
3
MarcoHass 11.11.2014

Süß, einfach WOOP`en und die Welt ist in Ordnung! Dabei ist der Ansatz ja gar nicht schlecht: Erst die Rosarote und dann die Realismus -Brille aufsetzen. -Oder wird sie dann doch wieder zur Pessimismus-Brille? Als professioneller Coach fallen mir gleich mehrere Tools ein, die dem hier beschriebenen entsprechen. Doch ich differenziere, welche Methode für welchen Menschen am geeignetsten ist. Ein wenig erschrocken war ich, wie leichtfertig der Begriff verändern benutzt wird. Ich persönlich ändere Denkmuster und Verhaltensweisen nicht mal eben so… Ich brauche Zeit und manchmal auch Begleitung um gewünschte Veränderungen zu erreichen und zu verinnerlichen. Professionelles Coaching von einem guten Coach ist da häufig effizienter und lohnender.

Dr. Cornelia Riechers 18.11.2014

Danke für die Anregung der WOOP-Methode! Auch wenn ich meinem Vor-Kommentator Marco Hass zustimme, dass Veränderungen in Verhaltens- und Denkmustern häufig einen längeren Prozess darstellen, so hilft das kurzfristige Umdenken und Neu-Schauen doch oft dabei, den ersten Schritt in eine andere als die eingefahrene Richtung zu tun. Eine ähnliche Methode benutze ich im Karrierecoaching, und zwar mit Visualisierung: Ich lasse die Klienten ihr Ziel malen und dann den Weg dahin mit den wichtigsten Stolpersteinen oder Hindernissen. Gemeinsam überlegen wir anschließend wirksame Maßnahmen, die um den Stolperstein herum führen. Ein Fallbeispiel findet sich hier: http://www.quality-outplacement.de/58.htm

MarcoHass 16.04.2015

Frau Riechers erweckt mit ihrer Formulierung den Anschein, dass ich ihren Vorschlag ausschließe. Dabei beinhaltet der Satz "Doch ich differenziere, welche Methode für welchen Menschen am geeignetsten ist" genau auch diese Möglichkeit des "ersten Schrittes". Mich stört bei dem WOOP Werkzeug und bei Frau Riechers Einlassung diese "nur so geht es" Terminologie. "Stolperseine" können unüberwindbare Berge sein, nicht jeder will malen und WOOP ist auch nicht für jeden und alles geeignet. Jeder Mensch hat das Recht auf individuelle und angemessene Be-Achtung.

Diskussionsregeln

Wir freuen uns über lebendige, konstruktive und inspirierende Diskussionen auf HBM Online. Um die Qualität der Debattenbeiträge sicherzustellen, werden unsere Moderatoren jeden Beitrag prüfen. Eine Nutzung der Kommentarfunktion zu kommerziellen Zwecken ist nicht erlaubt. Beiträge mit vorwiegend werblichem, strafbarem, beleidigendem oder anderweitig inakzeptablem Inhalt werden von unseren Moderatoren gelöscht.

© Harvard Business Manager 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH



Der Management-Tipp
des Tages als Newsletter
oder kostenlose App



ANZEIGE
Nach oben