Denken Sie lieber nicht zu positiv!

11. November 2014
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2. Teil: Die WOOP-Methode

"Na gut", werden Sie jetzt vielleicht sagen, "vergessen wir die Sache mit dem positiven Denken. Von nun an werde ich nur noch an all die erdrückenden Herausforderungen denken, mit denen ich bei meiner Arbeit konfrontiert bin." Aber unsere Gedanken auf die Realität zu richten, hilft uns leider auch nicht viel weiter.

Hilfreich ist hingegen das mentale Kontrastieren: eine Übung, bei der wir unsere positiven Zukunftsfantasien mit einer Visualisation des Hindernisses kombinieren, das uns im Weg steht. Und noch wirksamer ist es, gleichzeitig auch "Wenn… - dann…"-Pläne zu erstellen, mit deren Hilfe Sie das Hindernis anpacken können, sobald es auftaucht.

Wir haben im Rahmen unserer Recherchen ein mentales Kontrastierungs-Tool namens WOOP entwickelt - Wish, Outcome, Obstacle, Plan (Wunsch, Ergebnis, Hindernis, Plan). Das funktioniert so: Suchen Sie sich ein ruhiges Plätzchen, an dem Sie ungestört sind, schalten Sie alle technischen Geräte aus und schließen Sie die Augen. Überlegen Sie sich einen Wunsch, der Ihnen erreichbar oder realistisch erscheint - zum Beispiel, einen neuen Kunden an Land zu ziehen. Dann malen Sie sich ein paar Minuten lang aus, was passieren würde, wenn dieser Wunsch in Erfüllung ginge. Lassen Sie diese Bilder frei und ungehindert an Ihrem inneren Auge vorüberziehen. Dann verändern Sie dieses geistige Szenario: Sehen Sie jetzt das größte Hindernis vor sich, das Ihnen bei der Erreichung Ihres Ziels im Weg steht, und stellen Sie sich dieses ebenfalls ein paar Minuten lang vor. Und jetzt kommt der Plan: Wenn Sie Hindernis X gegenüberstehen, ergreifen Sie als Reaktion darauf die wirksame Maßnahme Y.

WOOP ist eine einfache und kostengünstige Methode - vielleicht erscheint sie Ihnen sogar "zu schön, um wahr zu sein" und Sie zweifeln daran, dass sie tatsächlich funktioniert. Normalerweise erfordert eine Verhaltensänderung doch ein teures Coaching- oder Schulungsprogramm, oder etwa nicht? Unsere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass man sein Verhalten auch auf einfachere Weise ändern kann. In einer Studie, die wir bei Gesundheitsdienstleistern durchführten, haben wir festgestellt, dass diejenigen, die die WOOP-Technik einsetzten, sich wesentlich mehr für ihre Arbeit engagierten und weniger gestresst waren als die Probanden der Kontrollgruppe. In anderen Untersuchungen befähigte WOOP Studenten einer kaufmännische Berufsschule ihre Zeit besser zu managen. Bei Schulkindern konnten wir mit WOOP erreichen, dass sie fleißiger auf den PSAT-Test lernten, mehr Hausaufgaben machten und bessere Noten bekamen.

Warum funktioniert diese Methode? Weil die Menschen mit ihrer Hilfe entweder feststellen, dass ihre Wünsche erfüllbar sind (das verleiht ihnen Energie, gibt ihnen eine Orientierungshilfe, erhöht ihr Engagement und motiviert sie zum Handeln) oder sie erkennen ihre Wünsche als unrealistisch, sodass sie sich davon lösen und andere, vielversprechendere Ziele verfolgen können.

Obwohl positives Denken sich also im ersten Augenblick gut anfühlt, weckt es häufig falsche Hoffnungen. Es bewirkt nur dann durchweg wünschenswerte Ergebnisse, wenn es mit einem klaren Blick auf potenzielle Hindernisse einhergeht.

Zur Autorin
Gabriele Oettingen ist Professorin für Psychologie an der New York University und der Universität Hamburg und Autorin des Buches Rethinking Positive Thinking: Inside the New Science of Motivation.

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MarcoHass 11.11.2014

Süß, einfach WOOP`en und die Welt ist in Ordnung! Dabei ist der Ansatz ja gar nicht schlecht: Erst die Rosarote und dann die Realismus -Brille aufsetzen. -Oder wird sie dann doch wieder zur Pessimismus-Brille? Als professioneller Coach fallen mir gleich mehrere Tools ein, die dem hier beschriebenen entsprechen. Doch ich differenziere, welche Methode für welchen Menschen am geeignetsten ist. Ein wenig erschrocken war ich, wie leichtfertig der Begriff verändern benutzt wird. Ich persönlich ändere Denkmuster und Verhaltensweisen nicht mal eben so… Ich brauche Zeit und manchmal auch Begleitung um gewünschte Veränderungen zu erreichen und zu verinnerlichen. Professionelles Coaching von einem guten Coach ist da häufig effizienter und lohnender.

Dr. Cornelia Riechers 18.11.2014

Danke für die Anregung der WOOP-Methode! Auch wenn ich meinem Vor-Kommentator Marco Hass zustimme, dass Veränderungen in Verhaltens- und Denkmustern häufig einen längeren Prozess darstellen, so hilft das kurzfristige Umdenken und Neu-Schauen doch oft dabei, den ersten Schritt in eine andere als die eingefahrene Richtung zu tun. Eine ähnliche Methode benutze ich im Karrierecoaching, und zwar mit Visualisierung: Ich lasse die Klienten ihr Ziel malen und dann den Weg dahin mit den wichtigsten Stolpersteinen oder Hindernissen. Gemeinsam überlegen wir anschließend wirksame Maßnahmen, die um den Stolperstein herum führen. Ein Fallbeispiel findet sich hier: http://www.quality-outplacement.de/58.htm

MarcoHass 16.04.2015

Frau Riechers erweckt mit ihrer Formulierung den Anschein, dass ich ihren Vorschlag ausschließe. Dabei beinhaltet der Satz "Doch ich differenziere, welche Methode für welchen Menschen am geeignetsten ist" genau auch diese Möglichkeit des "ersten Schrittes". Mich stört bei dem WOOP Werkzeug und bei Frau Riechers Einlassung diese "nur so geht es" Terminologie. "Stolperseine" können unüberwindbare Berge sein, nicht jeder will malen und WOOP ist auch nicht für jeden und alles geeignet. Jeder Mensch hat das Recht auf individuelle und angemessene Be-Achtung.

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