Idealismus als Businessturbo

Soziale Unternehmer:

Von Felix Oldenburg

Corbis
Was haben die folgenden, neuen Milliardenmärkte außer zweistelligen jährlichen Wachstumsraten gemeinsam? Online-Bildung, grüne, dezentrale Energie, Carsharing, Fair Trade, Slow Food und Plattformen für Privatübernachtungen.

Verfolgt man ihre Wachstumskurven ganz an den Anfang zurück, zur auslösenden Innovation, erlebt man eine Überraschung. Dort finden sich keine kommerziellen Wettbewerber oder spezialisierten Forschungsinstitute, sondern Social Entrepreneurs - eine bunte Truppe von Weltverbesserern wie Jimmy Wales, Ursula Sladek, Paul Rice, Carlo Petrini oder Casey Fenton, die ihre Organisationen nicht primär mit dem Ziel gegründet haben, daraus Kapital zu schlagen, sondern weil sie ein gesellschaftliches Problem lösen wollten.

Weltweit werden es immer mehr soziale Gründer, die sich auf den Weg machen. Und während es früher meist mehrere Jahrzehnte gedauert hat, bis eine soziale Innovation auch eine kommerzielle Wirkung entfaltete, ist dies inzwischen innerhalb weniger Jahre der Fall.

Laut einer bisher unveröffentlichten Studie der globalen Förderorganisation Ashoka und der Unternehmensberatung McKinsey können Unternehmensstrategen aus den Mechanismen von über dreitausend Social Entrepreneurs viel lernen.

Sozialunternehmer, die globale Märkte verändern, hinterfragen gleich eine ganze Reihe von Paradigmen. Die alte Gleichung lautete: Eine Innovation ist von vornherein kommerziell gedacht, wird von einem Unternehmen mithilfe interner oder externer Geldgeber innerhalb eines gegebenen Investitionshorizonts vorangetrieben und möglichst geschützt vor Nachahmern an den Kunden gebracht. Fast alles an dieser Gleichung müsste heute im Grunde neu geschrieben werden. Wollte man mit ihr viele der größten Marktphänomene der vergangenen zehn Jahre beschreiben, fände man eine Dominanz sozialer Innovationen und nicht kommerzieller Gründer, welche mit minimaler und teils philanthropisch motivierter Finanzierung das Ziel verfolgten, möglichst viele Marktteilnehmer als Mitmachende zu aktivieren.

Bisher haben die etablierten Platzhirsche unter den Verlagen, Automobilherstellern, Banken oder Hotel in jedem der genannten Beispiele ahnungs- und strategielos reagiert. Wenn sie für die nächste disruptive Geschäftsmodellinnovation eines sozialen Gründers besser vorbereitet sein wollen, müssen sie sich radikal öffnen.

Bisher waren Regierungen, Stiftungen und Philanthropen dort zuständig, wo keine Profite in Sichtweite sind. Diese alte Aufgabenteilung ist jedoch überholt, wenn gesellschaftliche Problemlösungen innerhalb weniger Jahre Hunderttausende, ja oft Millionen Menschen zu aktiven Teilnehmern auf Milliardenmärkten machen.

Für die Sozialunternehmer selbst sind die Marktaussichten ihrer Innovationen ein zweischneidiges Schwert. Denn wenn Milliardenmärkte mit hohen zweistelligen Wachstumsraten locken, kommen auch viele Spieler an den Tisch, denen die ursprünglichen sozialen Motive egal sind. Airbnb und Uber sind zwei prominente Beispiele für Unternehmen, die aus sozialen Pioniertaten aggressive kommerzielle Modelle entwickelt haben. Echte Sozialunternehmer hingegen verlieren den eigentlichen Zweck ihrer Gründung nicht aus den Augen: Über die Hälfte der Sozialunternehmer in der Studie berichtete zehn Jahre nach Beginn ihrer Förderung von politischen Erfolgen bei Themen wie Menschenrechte, Transparenz, aber auch in der Bildung und Gesundheit. Kein Wunder, dass viele Städte, Regionen und Länder bald in einem Wettbewerb miteinander stehen, wenn es um die Unterstützung (und Ansiedlung) von Sozialunternehmen geht.

So viel steht fest: Den Beweis, dass sie mehr als Sozialromantiker sind, haben die Wegbereiter neuer Märkte in den vergangenen Jahren wiederholt erbracht. Die neue Wirtschaft zwischen kommerziellem und sozialem Unternehmertum wird andere Champions haben als die alte, gut sortierte Welt. Erfolg wird sich nicht mehr nur in Gewinnen messen lassen, sondern auch in einer neuen Größe: der Zahl von Menschen, die er als aktive Mitgestalter für sein Ziel gewinnen kann.


In seinem Beitrag "Wegbereiter von Milliardenmärkten" beschreibt Felix Oldenburg, wie die Entwicklung großer disruptiver Geschäftsmodelle durch soziale Unternehmer.



Wegbereiter von Mil­li­ar­den­märk­ten

Von Felix Oldenburg
HBM-Beitrag als PDF, 8 Seiten

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Zum Autor
Christian Klant
Felix Oldenburg ist Europa- und Deutschlandchef von Ashoka, der größten Förderorganisation für Social Entrepreneurs (Sozialunternehmer) mit über 3000 Fellows in 80 Ländern.

Artikel
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