Von Peter Kenning
In seinem aktuellen Blog stellt Bill Lee eine mehr als gewagte These auf: Das Marketing habe ausgedient, es seit so gut wie tot. Das kann er natürlich nicht ernst meinen. Ist das Marketing tot, ist es das Unternehmen auch. Zumindest (sehr) bald. Insofern ist klar, dass Lee mit dem Titel einen Strohmann aufbaut, um ihn dann kräftig zu verprügeln. Aber auch wenn der Strohmann etwas hinkt und zumindest in Teilen aus der Mottenkiste kommt, beinhaltet der Blog einige Aspekte, die nachdenklich stimmen.
Ein Beispiel: Wenn es offenkundig immer noch nicht allen Hauptverantwortlichen für das Marketing in Unternehmen gelingt, den CEOs den Nutzen von Marketing monetär zu erklären, scheint die Lücke zwischen Forschung und Praxis offensichtlich größer zu sein, als man dies als Marketingwissenschaftler glauben kann. Denn tatsächlich ist das Thema "Marketing Metrics" seit Jahren auf der wissenschaftlichen Agenda und es sind zahlreiche Studien erschienen, übrigens auch von deutschen Kolleginnen und Kollegen.
Unabhängig davon ist der rhetorische Kniff des Strohmanns aber immer dann legitim, wenn es darum geht, einem wichtigen Thema die notwendige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Ist dies hier der Fall? Ich denke ja, denn im Kern geht es in Lees Blog um zwei Aspekte:
2. Community-Oriented Marketing gewinnt an Bedeutung: Die Idee, vom Kundenwert (Customer Equity) zum Wert des Kundennetzwerks (Customer Network Equity) weiter zu denken, ist spannend. Marketing sollte sich in einem zunehmend schwierigeren Umfeld stärker darauf besinnen, "Community Nudging" zu betreiben, also den vernetzten Kunden kleine "Schubser" zu geben, um sie in die gewünschte Richtung zu lenken. Insofern verändert sich die Rolle des Marketing weg vom "Management", das plant, ausführt und kontrolliert immer mehr zum "Enabling", das seinen Kunden die Interaktion und Co-Produktion auf bedürfnisgerechten Plattformen ermöglicht. Dabei muss es tendenziell mit Heuristiken arbeiten, da eine vollständig Planung nicht mehr möglich ist. Es könnte lohnenswert sein, diese neue "postheroische" Rolle des Marketings zu Ende zu denken, um zu erkennen, welche Einflussmöglichkeiten das Marketing in diesen neuen Strukturen haben kann.
Der Hinweis auf diese beiden, wenn auch nicht ganz neuen Aspekte macht den Beitrag insgesamt lesenswert. Gleichzeitig bleiben aber viele Fragen unbeantwortet. Wenn Marketing zum Beispiel verstärkt weiche Faktoren berücksichtigen soll, wie erklärt man dies dann den CEOs? Es ist ja eher unwahrscheinlich, dass das Sozialkapital einer Firma in irgendeiner Bilanz in Euro gemessen und ausgewiesen wird. Und wenn Marketing an wenigen "MVPs" (so genannte "Most Valueable Professionals"), "Customer Champions" oder "Rockstars" festgemacht wird - Wie gehe ich damit um, wenn diese dem Unternehmen den Rücken kehren? Wer übernimmt dann die marktorientierte Unternehmensführung? Und was ist, wenn die Kunden trotz allem Enabling nicht so richtig mitmachen wollen, eben weil ein Unternehmen Produkte des täglichen Lebens verkauft, zum Beispiel Druckerpapier? Bei solchen Produkten setzen sich Konsumenten nur wenig mit Alternativen auseinander, weil sie dem Kauf keine große Bedeutung beimessen.
All diese Fragen bleiben unbeantwortet. Sie zeigen aber, dass Marketing ganz und gar nicht tot ist, sondern sich vielmehr immer wieder neu erfinden muss.
Marketing und die Instrumente des Marketings haben sich schon immer geändert. Spätestens alle 10 Jahre gab es in der Vergangenheit einen deutlichen Wechsel. Dennoch kann meiner Meinung nach auf Ansätze zurückgegriffen werden, die Bestand haben. Der klassische Interaktionsansatz bildet zum Beispiel ein theoretisches Rahmenwerk für die nun erforderliche Neuinterpretation im Marketing durch den immer stärker werdenden Einfluss von Social Media. Siehe z.B. [...] mehr...

