Von Dirk Zupancic
"Entspricht diese Mini-Umsatzsteigerung Ihren Kenntnissen, Ihrer Kompetenz und Ihrer Qualifikation?" Reinhold Würth hat vor kurzem einen Brief an alle Außendienstmitarbeiter der Würth KG geschrieben. Darin thematisierte er auf sieben Seiten seine Sicht auf die aktuellen Defizite der Außendienstorganisation und die fehlenden Beiträge zum Wachstum des Unternehmens. Würth selbst hat das Unternehmen aufgebaut, heute ist der 77-Jährige Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats.
Dieser so genannte "Brandbrief" wurde in verschiedenen Fach- und Tagesmedien diskutiert und teilweise stark kritisiert. Die Gewerkschaften wittern eine neue Chance, wieder einmal einen Betriebsrat für die über 60.000 Mitarbeiter große Würth-Gruppe zu fordern. Wie ist dieser Brief, der mir vorliegt, zu bewerten?
Zunächst begrüße ich es , wenn sich das Top-Management eines Unternehmens aktiv um Vertriebsfragen kümmert. Dies ist in vertriebsorientierten Unternehmen üblich und auch nötig. Nun ist Reinhold Würth selbst seit einigen Jahren nicht mehr Teil des Managements der Würth KG. Andererseits wissen alle, die Würth kennen, dass er im Unternehmen große Anerkennung genießt und immer noch großen Einfluss hat. Daher kann er mit einem solchen Brief grundsätzlich viel bewirken. Die Gefahr, das aktive Management zu beschädigen, sehe ich nicht. Der zuständige Vertriebsleiter war informiert und hat dieses Vorhaben "wohlwollend begleitet".
Genau das tut Würth mit dem Brief. Er drängt auf eine möglichst hohe Verwendung der Zeit beim Kunden. Er weist darauf hin, dass Professionalität und Fleiß wichtig sind, wenn man Ziele optimal erfüllen möchte. Unsere Forschungen zeigen, dass dies notwendig ist für den Erfolg in der Vertriebsführung. Würth schreibt, dass "hobbyhafte Freude" und "Spaß am Erfolg" wichtige Voraussetzungen für Verkaufserfolge seien. Das überrascht eigentlich nicht. Es ist aber wichtig, dass das mal jemand ausspricht.
Sind Andeutungen wirklich dramatisch, dass das Unternehmen sich von Mitarbeitern trennen müsse, die ihre Ziele nicht erfüllen oder die allenfalls ihre eigenen Kosten tragen? Das muss jeder für sich selbst entscheiden.
Fazit: Der Brief ist typisch für Würth! Jedes Unternehmen hat seine eigenen Mechanismen, nach denen kommuniziert und geführt wird. Würth hat ein sehr schlüssiges System geschaffen, das für das Unternehmen nach meiner Beobachtung stimmig ist. In dieses System passt auch der Brief. Es ist in diesem Unternehmen ein wirksames Instrument der Führung. Und darauf kommt es letztendlich an.
Der Fall Würth macht uns aber noch auf eine andere interessante Facette aufmerksam: Die Öffentlichkeit von Führungsentscheidungen! Wer hätte sich in der Vergangenheit mit einem solchen Thema beschäftigt? Heute bewegt es so viele Menschen, die im Grunde gar nichts mit dem Fall zu tun haben. Management wird öffentlich - damit müssen Unternehmer und Führungskräfte umgehen können.
Haben sie jemals eine Schraube verkauft bzw. waren sie einmal Verkäufer? mehr...
Ich sehe folgendes: Ein grandioses Lebenswerk, in welchem der Direktvertrieb (neben der Logistik) ursächlich differenzierte. Der Versuch in einem Brief jeden Einzelnen persönlich anzusprechen ist für Reinhold Würth und jeden Würth ADler eine unüberraschende schlüssige Maßnahme. Die öffentliche Diskussion des Vorganges ist ein Beispiel für die geänderte Zeit. Legt sie doch offen, daß das Geschäftsmodell unter Druck ist. Wodurch sind diese Änderungen [...] mehr...
Das der fleißige Verkäufer der seine Kunden analysiert, vertriebsunterstützende Tools und das Backoffice nutzt erfolgreich ist, sollte meiner Ansicht nach Standard sein! Unternehmen die über den Direktvertrieb ihre Produkte am Markt platzieren, müssen die hohe Fluktuationsrate ihrer Mitarbeiter in den Griff bekommen und als Stellhebel zur Umsatzsteigerung nutzen. Es bringt keinem Handwerker etwas wenn alle paar Monate ein Neuer kommt, der die gleichen [...] mehr...
Jedes Unternehmen muss kritisch prüfen, wie viel Marktpotenzial noch da ist, wenn man im Vertrieb Gas geben möchte. Den beiden vorangegangenen Kommentaren ist insofern zuzustimmen, dass Wachstum begrenzt sein kann. Reinhold Würth sagte mir in einem ausführlichen Interview (nachzulesen in der Marketing Review St.Gallen 1/2010), dass der Marktanteil von Würth in Deutschland bei unter 10% liege. Gehen wir der Einfachheit einmal davon aus, dass es also noch [...] mehr...
Gibt es diesen Brandbrief eigentlich irgendwo im Original-Wortlaut? mehr...

