Von Christian Stadler
Als ich zehn Jahre alt war, trat ich dem Turnverein Niederndorf bei - einem Klub in den Tiroler Bergen. Ich war nicht der Beste im Team. Aber es reichte, um mit der Mannschaft an den Landesmeisterschaften teilzunehmen. Dort war Schluss. Die Staatsmeisterschaft ging ohne mich und mein Team über die Bühne. Die Mannschaften aus der Landeshauptstadt Innsbruck und dem nahe gelegen Wattens waren uns meilenweit voraus. Gelegenlich trainierten wir sogar mit diesen Top-Athleten. Jedes Mal fuhr ich mit der Hoffnung nach Innsbruck ein paar neue Übungen zu lernen. Und jedes Mal kam ich am Abend enttäuscht nach Hause. Ich trainierte mit den besten Turnern des Landes, aber ich schien nicht in der Lage zu sein von ihnen zu lernen. Natürlich frustrierte mich das.
Das soll nicht bedeuten, dass meine sportliche Entwicklung stagnierte. Im Laufe der Jahre wurde ich durch mein Training im Dorfverein immer besser. Ich erlernte auch ständig neue Übungen. Meine Teamkollegen und ich profitierten besonders von einem Jungen, der um eine Spur besser war als wir. Neben der genauen Beobachtung waren die Erklärungen und Hinweise von ihm und unserem Trainer entscheidend. So meisterte ich beispielsweise nach wochenlangem Training endlich einen Salto. Dies mag im Vergleich zu den Leistungen anderer Turner nicht sehr beeindruckend klingen. Aber die Mädchen in der Schule waren durchaus angetan.
Warum ich damals nicht stärker von den Top-Athleten profitiert habe, erklärt ein Artikel von meinem Kollegen Chengwei Liu von der Warwick Business School und Jerker Denrell von der Oxford Saïd Business School. Anhand von Simulationsmodellen zeigen sie, dass Überflieger von einzigartigen Umständen profitieren, weniger von erlernbaren Fähigkeiten. Ein Beispiel: Bill Gates mag überdurchschnittlich intelligent sein. Dennoch erklärt sich sein Erfolg nicht dadurch allein. Er hatte zu einer Zeit, als weniger als 0,01% der Amerikaner einen Computer hatten, die Möglichkeit regelmäßig an modernen Rechnern zu programmieren. Außerdem bekam der Sohn aus gutem Hause relativ leicht Zugang zu Kapital und konnte die Netzwerke der Eltern nutzen. So kannte seine Mutter beispielsweise den Chef von IBM. Fazit: Wäre Gates der Sohn eines Tellerwäschers gewesen, gäbe es heute Microsoft wohl nicht.
Viele Unternehmensgründer erleben ähnliche Enttäuschungen wie ich in meiner Jugend. Sie eifern Idolen wie Bill Gates, Dietrich Mateschitz oder Richard Branson nach, ohne ihnen wirklich einen Schritt näher zu kommen. Die Voraussetzungen sind schlichtweg nicht vergleichbar. Nicht deren Talent, sondern die Rahmenbedingen heben sie so deutlich von uns 'Sterblichen' ab. Der weitaus vielversprechendere Ansatz ist daher laut den Forschungen von Chengwei und Jerker der folgende: Lernen Sie von den "Zweitbesten". Kollegen und unmittelbare Konkurrenten arbeiten unter vergleichbaren Bedingungen wie Sie selbst. Sie werden mehr von ihnen lernen, als von den Ikonen der Wirtschaft.
Bringt es wirklich wenig, sich an den Besten zu orientieren? Diskutieren Sie mit!
überspitzt formuliert der Artikel ist schön zu lesen... aber das hat meine Großmutter auch schon gewusst... das zu wissen brauche ich keinen Harvard Business Manager.. was heute als Wissenschaft verkauft wird - das eigentlich Allgemeinwissen ist - ist schon merkwürdig... mehr...
Vielen Dank fuer Ihren Kommentar. Es freut mich, dass Sie die Sache mit den Vorbildern aehnlich sehen wie ich. Mit freundlichen Gruessen, Christian Stadler mehr...
Überflieger taugen für den normalen Menschen niemals als Vorbild, sondern nur als Ansporn. Man wird die 100 Meter nicht unter 10 Sekunden rennen oder ein zweiter Pavarotti werden. Fakt ist, dass wir alle mehr oder weniger Mittelmaß sind. Es gibt deshalb so viele unglückliche Menschen, weil sie die Lücke zwischen der Realität und den eigenen Ansprüchen nicht schließen können. Der Artikel gibt wichtige Hinweise. Die eigenen Stärken kennen und ausbauen, an [...] mehr...


