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zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2012, 08:00 Uhr

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Die rote Schleife im Netz

Von Michael Trautmann

Internetuser können bald neue Websites mit neuen Endungen wie etwa .health oder .shop ansteuern. Unternehmen und Organisationen haben sich bei der Regulierungsbehörde ICANN dafür beworben - heute gibt die ICANN bekannt, welche Endungen denkbar sind. Der Bewerber der karitativen Initiative dotHIV erklärt, warum es auch .hiv geben sollte.

Zwei Milliarden Augenpaare sind täglich auf das Internet gerichtet. Aber die Revolution, die dort begonnen hat, ist bisher weitgehend im Verborgenen geblieben. Die Regulierungsbehörde des Internets, ICANN, vergibt 2013 neue Domain-Endungen. Das klingt noch nach einem sehr abstrakten und technischen Vorgang. Ist dieser Vorgang jedoch abgeschlossen, wird er unsere Vorstellung vom Internet und unseren Umgang damit tiefgreifend ändern. Er wird Räume eröffnen für neues Zusammenarbeiten, er wird Interessen neu verknüpfen und Geschäftsmodelle umorganisieren. Vor allem aber kann neues Vertrauen entstehen.

Einige wenige Prinzipien strukturieren bisher das Internet; ein entscheidendes sind die Domain-Endungen. Jeder kennt Länder-Domains wie .de, .au, .it. Dazu kommt eine überschaubare Anzahl sogenannter generischer Top-Level-Domains wie zum Beispiel .com, .org und .info. Nun gibt es zum ersten Mal seit Bestehen des Internets für jedermann die Möglichkeit, eine Top-Level-Domain zu bekommen: Firmen, Regionen und Interessengruppen können sich bei der ICANN um ihre Top-Level-Domain bewerben und sich damit einen eigenen Namensraum im Internet erschaffen. Von der Bewerbung zu .shop war bereits zu lesen, der Stadtstaat Berlin (.berlin) wird sich ebenfalls bewerben, für .sex gibt es natürlich Bewerber. Hinter all den Vorhaben steckt sicher eine intelligente Geschäfts- und Serviceidee - doch was die Antragssteller von .horse oder .lol vorhaben, bleibt vorerst unklar. Fakt ist: Heute gibt die ICANN bekannt, für welche Top-Level-Domains Bewerbungen vorliegen. In den nächsten Monaten wird geprüft, welche neuen Endungen eine Zulassung erhalten.

Vertraulich und verlässlich

Die neuen Endungen können neues Vertrauen unter den Besuchern der Websites schaffen. Sollte zum Beispiel der Antrag auf .health erfolgreich sein, können User erwarten, hier verlässliche Informationen zu Gesundheitsthemen zu finden. Schließlich prüft die ICANN Konzept und Antragssteller sehr intensiv - in diesem Fall soll der Antrag übrigens von der Weltgesundheitsorganisation WHO kommen. Ähnliches dürfte in Zukunft für Geschäfte gelten, die unter .bank gemacht werden. Genauso kann man sicher sein, dass ein Unternehmen mit der Endung .gmbh auch wirklich eine in Deutschland ansässige Firma ist.

Zu diesem Plus an Verlässlichkeit kommen neue Möglichkeiten für Service und Cross-Selling: der Kamerahersteller Canon bewirbt sich um .canon. Es ist denkbar, dass die Firma für mit der eigenen Top-Level Domain für jede einzelne ihrer verkauften Kameras eine eigene Website schaffen will. Der Seriennummer wird einfach die Endung .canon angehängt, der Besitzer könnte dort dann alles vom Manual bis zum Ersatzteil finden, und auch über Speicherplatz für Bilder wird nachgedacht.

Rote digitale Schleife

Ähnlich innovativ und doch grundlegend anders ist der Antrag auf .hiv - wie die weltweit erste Domain-Endung mit ausschließlich karitativem Ziel lauten soll. Das HI-Virus und das nach wie vor tödliche Syndrom Aids sind eines der dringlichsten globalen Probleme, für das jetzt ein eigener Raum im Internet geschaffen wird. Er wird Betroffene, engagierte Spender und aktiv Helfende vereinen. Die Endung .hiv wird die Rote Schleife des digitalen Zeitalters. Und sie funktioniert auch teilweise wie ihr bekanntes Vorbild:

  • .hiv wird, wie jede andere Domain auch, verkauft - und generiert so finanzielle Mittel, um Projekte und Initiativen auf der ganzen Welt zu unterstützen.
  • .hiv bringt das Thema HIV zurück in die Köpfe der Menschen. Das ist wichtig, denn gerade für die junge Generation rückt es immer weiter in den Hintergrund. Als Online-Initiative erreicht .hiv die für die Prävention besonders wichtige junge Zielgruppe und bindet sie nachhaltig ans Thema.
  • Indem sich große Unternehmen öffentlichkeitswirksam mit ihrer .hiv-Domain positionieren, wirkt .hiv weltweit auch gegen die Stigmatisierung der Infizierten.

Mehr Klicks, mehr Spendengeld

Jeder, der im Kampf gegen HIV und Aids seinen Beitrag leisten will, kann das tun - mit dem Erwerb seiner eigenen .hiv-Domain, ob weltweiter Internetkonzern, Pharma-Hersteller, kleines Familienunternehmen oder Privatperson. Die Inhalte der Seite können neu sein und spezielle Informationen zum Thema enthalten - oder sie sind die gleichen wie auf den schon existierenden .com oder .de Seiten.

Ein weiterer Vorteil der digitalen Roten Schleife ist die besondere Einbindung der gesamten Internet-Community: Das durch den Verkauf der Domain-Endung generierte Geld wird durch Klicks auf .hiv-Seiten in winzigen Beträgen freigegeben und an HIV-Projekte aus der ganzen Welt verteilt. Wie und wo, auch darüber können die Internetuser abstimmen.

Langer Atem

Der Erwerb einer neuen-Top Level-Domain erfordert einen langen Atem. Neben den Antragsgebühren, die bei 185.000 US-Dollar liegen, muss der Bewerber nachweisen, dass er in der Lage ist, die Domain auch langfristig zu betreiben. Der Bewerbungsgprozess und die zu erbringenden Nachweise sind bürokratisch und umfangreich. Aber mit der Hilfe ihrer Partner konnte die gemeinnützige Initiative dotHIV alle diese Hindernisse meistern.

  • Die Kreativagentur kempertrautmann ist pro bono-Partner für die Kommunikation und bringt umfassende Kampagnenerfahrung für gemeinnützige Zwecke mit (unter anderem "Du bist Deutschland", "Deutschland findet Euch").
  • Die gemeinnützige Aktiengesellschaft gut.org und ihre Spendenplattform betterplace.org stellen die Technologie der leistungsstarken Onlineplattform kostenfrei für die Vergabe der Spendengelder zur Verfügung. Außerdem unterstützen sie dotHIV mit Know-how und einem Netzwerk aus dem sozialunternehmerischen Sektor.
  • Wichtiger Teil der Initiative sind außerdem eine Reihe von Business Angels, die an die revolutionäre Kraft der Idee glauben und Beträge von mindestens 25.000 Euro investiert haben - ohne Aussicht auf eine spätere Rendite.

Die über 200 Seiten umfassende Bewerbung für .hiv ist abgegeben - ICANN prüft nun die Bewerbung in einem mehrstufigen Verfahren. Bei einem positiven Entscheid können die ersten .hiv Domains vielleicht im Sommer 2013 online gehen.

Wozu also neue Top-Level Domains? Weil sich mit ihnen kreative Spielräume im Netz erweitern, weil sie Vertrauen schaffen, Interessen bündeln und sie neu kanalisieren können. Und weil sich mit ihnen vielleicht sogar die Welt ein kleines Stück besser machen lässt.

Weitere Informationen:

Website der gemeinnützigen Initiative dotHIV,

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