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18.01.2012

Führung

Wozu noch Mitarbeitergespräche?

Von Armin Trost

Viele Personaler halten sie für unverzichtbar: die jährlichen Gespräche zwischen Vorgesetzen und Untergebenen. Doch sie schaden der Unternehmenskultur damit häufig mehr, als ihnen bewusst ist. Diskutieren Sie mit!

Zum Anfang des neuen Jahres werden sich in den meisten Unternehmen wieder ähnliche Szenen abspielen:

Der Chef spricht einen seiner Mitarbeiter an. "Jürgen, können wir uns diese Woche irgendwann für eine Stunde zusammensetzen? Das jährliche Mitarbeitergespräch steht mal wieder an". "Muss das denn wirklich sein?", fragt Jürgen. "Ja, das muss sein. Die Personalabteilung besteht darauf. Und Du weißt ja: Don't mess with HR".

Mitarbeitergespräche: Unverzichtbar oder womöglich schädlich?

Mitarbeitergespräche: Unverzichtbar oder womöglich schädlich?

© Corbis
Also setzen sich alle zusammen, nehmen das Protokoll vom Vorjahr zur Hilfe und passen das Formular entsprechend an. Beide Seiten tun sich nicht weh. Die meisten Punkte sind sowieso klar und am Ende ist die Personalabteilung zufrieden.

Andere Mitarbeiter erleben das jährliche Mitarbeitergespräch auf andere Weise: "Ich finde das Mitarbeitergespräch gut. Im Grunde ist das die einzige Gelegenheit im Jahr, um über meine Aufgaben, Arbeitsbedingungen, meine Leistung, Entwicklung und Ziele zu sprechen. Das geht sonst im Alltag unter. Nie bekomme ich sonst so viel Aufmerksamkeit von meinem Chef, wie in diesem Gespräch," heißt es dann.

Beide Konstellationen haben etwas Beschämendes an sich. Die erste fühlt sich nach halbherziger Pflichterfüllung gegenüber der Human Ressources-Abteilung (HR) an. Die zweite vermittelt den Eindruck, der Mitarbeiter sei vernachlässigt und offenbar auf einen offiziellen, von HR eingeforderten Termin angewiesen, um mit seinem Manager über Substanzielles zu sprechen, die anderen 364 Tage im Jahr aber leer ausgeht.

Ohne Zweifel ist es immer gut, wenn Manager mit ihren Mitarbeitern sprechen, aber braucht es dieses jährliche, institutionalisierte Mitarbeitergespräch wirklich? Und in welche Rolle bringen wir uns Personaler, wenn wir dieses Gespräch jedes Jahr aufs Neue einfordern?

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Inhalt
Vertrauen statt Kontrolle

Eines ist klar: Schlechte Führung wird durch ein verordnetes Mitarbeitergespräch nicht besser. Da helfen auch keine noch so durchdachten, gut gemeinten Formulare und Instrumente. Und Mitarbeiter und Manager, die das ganze Jahr über ein vertrauensvolles, vielleicht sogar partnerschaftliches Verhältnis pflegen, empfinden das Mitarbeitergespräch meist als überflüssig. Hierzu eine einfache Analogie. Es ist wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern sprechen. Aber stellen Sie sich vor, das Familienministerium würde ein jährliches Eltern-Kind-Gespräch institutionell einfordern und die betroffenen Eltern müssten die Ergebnisse ihrer Gespräche an die öffentliche Verwaltung weiterleiten. Das würde die Erziehung in Deutschland nicht verbessern. Abgesehen davon würde sich das Familienministerium mit diesem Vorstoß keine Freunde machen.

Wir erleben in der modernen Arbeitswelt zunehmend eine Form partnerschaftlicher Führung als Alternative zu traditioneller Führung. Letztere basiert auf dem Prinzip von Weisung und Kontrolle. Partnerschaftliche Führung beruht demgegenüber auf Vertrauen. Sie ist jeder institutionalisierten Form der Führung eindeutig überlegen. Denn Vertrauen reduziert Komplexität - um den Soziologen Niklas Luhmann zu zitieren. In einem von Vertrauen geprägten Verhältnis zwischen Manager und Mitarbeiter mutet ein institutionalisiertes Mitarbeitergespräch fremd an. Es passt nicht zu der Umgangsform, die beide Seiten sonst über das Jahr hinweg pflegen. So kann ich mir kaum vorstellen, dass Mick Jagger, der Chef der Rolling Stones, jemals ein Mitarbeitergespräch mit Keith Richards geführt hat. Die beiden haben eine andere, überlegenere Ebene der Zusammenarbeit gefunden, wo über Ziele, Erwartungen, Leistung offen gesprochen wird und zwar immer dann, wenn die Dinge anstehen - ohne HR und Formular.

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FORUM

insgesamt 11 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.02.2012 von georoli: Führungsaufgaben und Mitarbeitergespräch trennen

wenn Prof. Trost die Selbstverständlichkeiten von Mitarbeiterführung alle mit dem Mitarbeitergespräch verquickt hat er eine Führungskraft im Blick, die es so hoffentlich heute nicht mehr allzu häufig gibt. Es ist doch klar, dass ein moderner Manager seine Mitarbeiter kennt und fördert. Dazu gehört zur Mitarbeitermotivation natürlich auch das unmittelbare Lob oder das unmittelbare Feedback. Alles hat aber nichts mit dem Mitarbeitergespräch am Jahresende [...] mehr...

19.01.2012 von Unregistriert: Schön wär´s

Das hört sich alles so einfach und schön an, aber schauen wir doch bitte mal in die Realität... Und diese ist - auch in unserem mittelständischen, sehr offenen Unternehmen mit einer soliden Vertrauenskultur - eine andere. 1. Diese Mitarbeitergespräche und deren Struktur helfen neuen Führungskräften sich zu orientieren und in ihre Aufgabe zu wachsen. 2. Oft haben Führungskräfte einfach nicht die Zeit sich täglich mit ihren Mitarbeitern auszutauschen oder [...] mehr...

19.01.2012 von Andreas Lerg: Führung ist ein kontinuierlicher Prozess ...

... und keine Kalenderangelegenheit mit einem festen Termin. Das Konzept der partnerschaftlichen, vertrauensbasierten Führung, das im Artikel beschrieben wird, passt sehr gut zu modernen Unternehmensstrukturen. mehr...

19.01.2012 von Unregistriert: Wieder einmal nur Symptome bearbeiten .....

Schönen Gruß aus Hamburg! Die Diskussion erinnert mich so ziemlich an die Diskussion um die ´Frauenquote im Management´. Sie sollte überflüssig sein, ist sie aber offensichtlich nicht, sonst gäbe es diese Diskussion nicht. Dementsprechend muss man die Frage stellen, ob die Punkte, die von Prof. Trost vorgebracht werden und die ich gerne unterstütze, nicht nur theoretisches Wunschdenken sind. Meiner Meinung nach wird hier wieder einmal nur (die [...] mehr...

18.01.2012 von Ralf Langen [cc:langen]: PRE-Views statt RE-views

Ich finde den bereits 2008 von Samuel A. Culbert gemachten Vorschlag, statt rückwärtsorientierter und einseitig strukturierter Leistungsbeurteilungen für die Vergangenheit besser ein ritualisiertes "Performance-Preview"-Gespräch zu führen sehr gut. Statt über Probleme der Vergangenheit zu reden, die man eh nicht mehr reparieren kann, entsteht so ein echtes Gespräch über die wechselseitigen Erwartungen und das Zusammenspiel im Team, zwischen [...] mehr...

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Bücher von Armin Trost

Armin Trost: "Talent Relationship Management. Personalgewinnung in Zeiten des Fachkräftemangels."; Springer-Verlag GmbH, September 2012, 39,95 Euro.

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Armin Trost, Thomas Jenewein
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Publikationen von Armin Trost

"Mitarbeiterbefragung als Instrument strategischer Unternehmensführung." (PDF) ; In W. Bungard & I. Jöns (Hrsg.), Feedbackinstrumente im Unternehmen (S. 197-208). Wiesbaden: Gabler

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