Von Lutz Becker
Der Konzern Philips war Ende der 1980er-Jahre eine sehr kluge Firma. Als ich als junger Hochschulabsolvent bei dem Elektronikriesen begann, wurde ich zuerst einmal auf ein Zeitmanagement-Seminar geschickt. Philips hatte damals erkannt, dass menschliche Arbeit ein wertvolles und teures Gut ist, das man möglichst wirkungsvoll einsetzen und keinesfalls verschwenden sollte. Denn es gilt: "Unser Leben ist aus Zeit gemacht, ist Zeit" - wie es der Science-Fiction-Autor Andreas Eschbach beschrieb.
Damals war es noch Mode, mit einem dicken Zeitplanbuch zu arbeiten, Termine, Freizeiten und To-Dos anhand von Listen zu planen oder den Posteingang in Körben zu sortieren. Nachdem sich dann aber eines Tages mein wertvolles Time-System auf dem Kölner Ring mit einem hässlich kratzenden Geräuschen vom Dach meines Dienst-Audis verabschiedet hatte, legte ich mir ganz schnell einen damals noch sündhaft teureren Palm-Pilot zu - der Datensicherung wegen. Heute sind iPhone und iPad meine selbstverständlichen Begleiter geworden. Denn ohne diese Gadgets droht mir "digitale Demenz".
Ich will jedoch nicht behaupten, dass Zeitmanagement heute leichter ist als damals. Nein, ganz im Gegenteil. Die Zahl der Möglichkeiten, sich immer und überall ablenken zu lassen, sind explosionsartig gewachsen und andere Verpflichtungen sind auch nicht weniger geworden. Auf Blackberry und iPhone verbreitete Nachrichten verfolgen einen rund um die Uhr. Telefon- und Videokonferenzen finden zu den unmöglichsten Zeiten statt, Skype und Facebook geben vielen von uns den Rest.
Zeitmanagement, das habe ich damals bei Philips gelernt, funktioniert nur, wenn Menschen die Hoheitsrechte über ihre Kalender haben. In dem Moment, in dem andere den Kalender bestimmen, hat man schon verloren.
Der Umgang mit der Zeit hat deshalb viel mit Respekt und Wertschätzung zu tun, dem Respekt vor der eigenen Arbeits- und Lebensleistung und der der anderen Menschen. Der Umgang mit Zeit kann egoistisch und zerstörerisch sein, gutes Zeitmanagement kann aber auch Teams und ganze Organisationen zu Höchstleistungen beflügeln.



