Von Ulrich Hemel
Für den modernen Menschen gilt: Arbeit und Privates sollen sorgfältig austariert sein. Doch nicht jeder will eine Familie, nicht jeder hat viele Hobbys. Wer es mit den Programmen für mehr Work-Life-Balance in seinem Unternehmen übertreibt, bevormundet schnell seine Leistungsträger. Diskutieren sie mit.
Jeder kennt dieses Bild: Manager mit Rollköfferchen in den Abflughallen der Geschäftszentren München, Frankfurt oder Zürich. Ihre Kleidung ist uniform, ihre Gesichter wirken grau von den durchgearbeiteten Nächten. Sie sind geschäftig und scheinen immer unter Termindruck zu stehen. Im Flugzeug bearbeiten sie Excel-Tabellen und sobald die Räder des Fahrwerks auf der Landebahn aufsetzen, werfen sie ihren Blackberry an, um die neuesten E-Mails abzurufen.
Work-Life-Balance: Nicht jeder braucht zwingend einen Ausgleich zwischen Job und Privatleben. So mancher Manager lebt für seinen Job - und es geht ihm trotzdem gut. Das sollten Missionare in Personalabteilungen respektieren
Die Fürsorge unter dem Deckmäntelchen Work-Life-Balance treibt mitunter merkwürdige Blüten. Doch wer will das eigentlich? Ist es wünschenswert, Leben und Arbeit trennscharf abzugrenzen? Was passiert, wenn es jenseits des Berufs gar kein attraktives Leben gibt?
Mischen unmöglich?
Im Gedanken der Work-Life-Balance steckt immer noch die alte Trennung zwischen entfremdeter Arbeitswelt und erfülltem Privatleben. Doch was ist davon übrig geblieben?
Nicht viel. Anders als in der Zeit der Industrialisierung nehmen heute viele Menschen qualifizierte Arbeit eher erfüllend als entfremdend wahr. Da ist es kein Opfer, kurz vor einem privaten Abendessen eine wichtige Mail auf dem Blackberry oder iPhone zu beantworten. Manche Manager rufen im Urlaub einmal am Tag (aber eben nicht öfter) im Büro an. Eine ganz hervorragende Kollegin leistet komplexe Beratungsarbeit neben ihrem Familienhaushalt mit Mann und zwei Töchtern. Ein Kollege aus der Informationstechnik hat in seinem Vertrag einen Tag Heimarbeit pro Woche herausgehandelt, weil er Familie und Arbeit unter einen Hut bringen will.
Dieses Vermischen von Privatem und Beruflichen kann mit den Bedürfnissen einer Partnerschaft und Familie in Konflikt geraten - muss sie aber nicht. Oft sind beide Partner heute berufstätig und schätzen die neue Flexibilität. Die meisten Menschen wissen, dass sie bei wichtigen privaten Terminen oder zu fest vereinbarten Zeiten nicht für ihren Job verfügbar sein müssen. Und sie halten sich auch daran. Umgekehrt bedeutet dies, dass keiner ein schlechtes Gewissen haben muss, wenn er sich auch zu ungewöhnlichen Zeiten um Berufliches kümmert.
Engagierte Zombies
Selbst wenn das berufliche Engagement das Übergewicht gewinnt, heißt das noch nicht unbedingt, dass ein Arbeitgeber seinem Mitarbeiter ein Programm für eine bessere Work-Life-Balance verordnen sollte. Wie haben sich die Zeiten verändert: Noch in den 50er Jahren erwartete die Gesellschaft von Lehrerinnen, dass sie nicht heiraten, weil sie, so die Begründung, "schon in der Schule so viele Kinder haben"!
Natürlich gibt es - unter Managern ebenso wie unter Taxifahrern - Menschen, die eben keine familiären oder sonstigen persönlichen Beziehungen aufgebaut haben. Sie mögen ein paar schwierige Erlebnisse aus der Kindheit mitgenommen haben. Oder Beziehungen sind in die Brüche gegangen, ohne dass neue dazugekommen wären. Manche verarbeiten ihre Trauer über einen bestimmten Verlust durch intensiviertes Engagement im Beruf. Nicht jeder hat oder will Kinder. Und nicht jeder mag sich in der Kirchengemeinde, in einer Partei oder in einem Verein engagieren. Wenn in solchen Fällen die Arbeit im Vordergrund steht, wäre es inhuman und voreilig, solchen Menschen nur noch den Status eines sozialen Zombies zuzugestehen.
Begrenzte Vielfalt
Wir bemühen uns heute darum, auch in den Unternehmen von der Dominanz weißer deutschsprachiger Männer zwischen 45 und 60 wegzukommen. Der Weg dahin scheint klar zu sein, typische Stichworte sind Frauenquoten im Management oder die Forderung, mehr ausländische Manager in die Topetagen zu bekommen. Dabei könnten die Führungskräfte schon im Kleinen anfangen. Zur Diversität gehört auch ein differenzierter Umgang mit Lebensmodellen. Die moderne Gesellschaft erwartet, jenseits des Berufs Interesse an Partnerschaft und Familie aufzubringen. Wer aus Überzeugung oder aus den besonderen Lebensumständen heraus unverheiratet oder kinderlos ist, für den kann das beim Netzwerken außerhalb des Büros ein Karrierehindernis werden. Dabei stürzen sich oft Singles begeistert in die Teamarbeit. Sie schätzen Events und gemeinsame Freizeitaktivitäten, die für Familienväter und Mütter eine lästige Zusatzverpflichtung sind.
In einer freien Gesellschaft ist es ein hoher Wert, die Wünsche von Mitarbeitern individuell zu respektieren. Diesen Respekt können und sollten wir auch von unseren Unternehmen und ihren Personalabteilungen fordern!
Was denken Sie? Wieviel Work-Life-Balance ist wichtig, wie viel Diversität nötig? Diskutieren Sie mit.