Von Michael Hengl
Noch vor 50 Jahren waren mehr als 50 Knechte auf einem 50 Hektar großen Forstgut mit Axt und Säge in den Wäldern beschäftigt. Das waren über 100.000 Stunden Schwerstarbeit pro Jahr. Dann begann der Siegeszug von Einhandmotorsägen und Forststraßen. Was folgte, war eine nicht aufzuhaltende Rationalisierungslawine. Heute gibt es kaum noch Arbeiter im Wald. Stattdessen erfassen, vermessen, fällen, entasten, teilen, laden und abtransportieren computergesteuerte Vollerntemaschinen (sogenannte Harvester) die Bäume.
Email-Flut: Manager verbringen jeden Tag im Schnitt zwei Stunden damit, elektronische Post zu sichten, zu löschen und zu beantworten. Weitere zwei Stunden am Tag bringen sie damit zu, Informationen zu suchen, von denen nicht einmal 50 Prozent einen wirklichen Nutzen darstellen. Das ist bestenfalls so effektiv wie Waldarbeit vor 50 Jahren.
Dies ist kein Einzelbeispiel aus der Land- und Forstwirtschaft. Dem enormen Rationalisierungsdruck kann sich keine manuelle Arbeit entziehen. Wir haben uns so stark an die Produktivitätssteigerungen gewöhnt, dass dieser Fortschritt gesellschaftlich als unverzichtbar gilt, ja ein untrennbarer Bestandteil der Industrialisierung seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist.
Wer dagegen in die Führungsetage eines größeren Unternehmens blickt, dem mutet die Arbeit dort nahezu surreal an. In den Büros und Konferenzräumen verrichten Manager immer noch mit "Säge" und "Axt" schwerste Handarbeit - und holzen, was das Zeug hält. Zeitgemäße Informationserntemaschinen stehen zwar schon bereit, aber kaum jemand benutzt sie bisher.
Dieser Zustand ist unhaltbar und für die Betroffenen oft frustrierend. Wer in einem solchen System Strategien entwickeln oder gar notwendige Veränderungen umsetzen will, scheitert oft nicht am Willen der Einzelnen, sondern am eingefahrenen Arbeitswesen, die an die ritualisierten "Powwow"-Treffen der nordamerikanischen Indianerstämme erinnern, bei denen die Ureinwohner tanzten, sangen und Kontakte knüpften.
Die nächste große Rationalisierungswelle wird genau hier ansetzen. Moderne "Informationsharvester" eines Unternehmens 2.0 werden ungeahnte Ressourcen freisetzen. Würden die Informationen aus den oben beschriebenen 300 Millionen E-Mails nicht in virtuellen Papierkörben landen, sondern gespeichert werden, ließen sie sich intelligent verwerten. Smarte Programme könnten sie durchsuchen, filtern, bewerten und intelligent verknüpfen. Wissensmanagement würde alleine durch das Email-Recycling einen riesigen Schub bekommen. Auch andere Dokumente ließen sich automatisch aufbereiten, etwa Diskussionsstränge in internen Blogs oder Wikis. Wüsste eine Organisation, was sie weiß, wäre das ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
E-Mails sind nur der Anfang dieser Entwicklung, gleich der Einhandmotorsäge in den 50er Jahren. Wenn alle Beteiligten eine Unternehmensstrategie auf einem firmenweiten Wiki entwickeln, verkürzt sich die zur Umsetzung nötige Zeit radikal, weil viele der Betroffenen schon engagiert mitgestalten durften. Abteilungsdenken und damit verbundene Fehlentscheidungen ließen sich mit einem gemeinsamen Internet-Forum vielfach vermeiden, weil dann alle Mitarbeiter im Unternehmen Zugriff auf relevante Informationen hätten.
Der Wandel von der manuellen Managementarbeit mit ihren folkloristischen Powwow-Sitzungen hin zur kollektiv-intelligenten Enterprise-2.0-Organisation wird nicht ein halbes Jahrhundert dauern wie in der Forstwirtschaft, sondern maximal ein Jahrzehnt. Firmen wie Google, Linux oder Amazon haben es vorgemacht; andere werden nachziehen müssen.
Dann wird möglicherweise niemand mehr von "Ab-teil-ungen" und Divisionen sprechen. Es wird eher die Rede sein von Gemeinschaften. Ein bereits heute existierendes Beispiel ist die weltweite Innovations-Community aus Designern und Kunden, die für Threadless (www.threadless.com), einen T-Shirtproduzenten, neue Designs entwickelt und bewertet.
Wir werden selbst noch schmunzelnd auf die Managementpraktiken unserer Tage zurückblicken, wie jetzt auf die Waldarbeit unserer Väter und Großväter.
Viel Spaß beim Ernten!
Was denken Sie, wie sich die Arbeit in den Chefetagen produktiver machen lässt? Diskutieren Sie mit.