Von Hanne Seelmann-Holzmann
Unterschiedliche Interpretationen des Produkt- und Markenschutzes gehören aus westlicher Perspektive zu den Hauptschwierigkeiten im China-Geschäft. Vor einiger Zeit hatte ich Gelegenheit, einen Einblick in die Denkweise eines chinesischen Geschäftspartners zu bekommen, der ganz selbstverständlich die Produkte seines deutschen Partners auf dessen eigenen Maschinen imitierte.
Wenn die eigene Größe nicht reicht ... stelle man sich einfach auf die Schultern eines Riesen und nutze dessen Größe, sagen die Chinesen. Dass deutsche Firmen unter dieser sprichwörtlichen Lebensweisheit ganz konkret leiden, interessiert im Reich der Mitte niemanden.
Die Geschäftsbeziehung zwischen dem deutschen mittelständischen Unternehmen und dem chinesischen Vertriebspartner steht deshalb seit 15 Jahren gemeinsamer Tätigkeit nahezu vor dem Aus. Im Mai 2010 nahm der Vertriebspartner, ich nenne ihn hier Herrn Wang, noch einmal persönlich Kontakt mit den Deutschen auf. Er bot ein Gespräch in Deutschland an, bei dem ich auf Wunsch des deutschen Verhandlungsführers anwesend war.
Ich wollte wissen, wie nach Herrn Wangs Meinung eine Lösung aussehen könnte. Eine Lösung, wie sie in China erfolgen würde.
Als ich ihn daran erinnerte, dass er versucht hatte, die Produkte des deutschen Herstellers zu imitieren und dass dies bei uns eine Rechtsverletzung, ja Diebstahl, sei, fragte er zurück: Ob ich wisse, wer Kong-fu-tse oder Lao-tse seien? Die Lehren dieser Philosophen hätten die Denkweise chinesischer Menschen geprägt. Ein Aspekt dieser Denkweise sei es, dass man sich das Wasser zum Vorbild nähme. Wasser erreiche immer sein Ziel. Es umginge Hindernisse, flösse um Widerstände. Und ein weiteres Lebensprinzip sei das Streben nach Mittelmaß, das Vermeiden von Extremen. Weder zu weich noch zu hart. Im Geschäftsleben bedeute dies: eine Win-win-Situation, die beiden Partnern Vorteile bringe. So viel zum allgemeinen Kontext.
Die Tatsache, dass China mittlerweile zur Fälschernation Nummer eins aufgestiegen ist, erklärte Herr Wang ebenfalls. China sei immer groß und mächtig gewesen, den europäischen Mächten ebenbürtig. In den vergangenen zwei Jahrhunderten wäre allerdings ein Ungleichgewicht entstanden. Dieses wirtschaftliche Ungleichgewicht sei auch zurückzuführen auf die gewaltsame Öffnung Chinas durch den Westen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Westen habe sich in China bereichert, viel Geld verdient. Nun wolle China aufholen. Man habe aber keine 100 Jahre Zeit, um eigene Produkte zu entwickeln. Es müsse alles schnell gehen im Reich der Mitte. Zu diesem Zweck müsse man jetzt die westliche Technologie kopieren oder in Gemeinschaftsunternehmen erlernen. In China sage man zu so einem Vorgehen, man stelle sich auf die Schultern eines Riesen. Man nutze dessen Größe, ohne selbst erst zu dieser Größe wachsen zu müssen. Wenn man dann mit dem Westen technologisch gleichgezogen hätte, würde man auch eigene Produkte entwickeln.
Nach Meinung von Herrn Wang sollten also die westlichen Geschäftspartner von ihren Ansprüchen abrücken. Im konkreten Fall bedeutete dies: Er wollte sowohl die Originalprodukte des deutschen Herstellers vertreiben und parallel dazu mit seinen "eigenen" Produkten am chinesischen Markt präsent sein.
Mit dieser Sichtweise ist Herr Wang nicht allein. Auch offizielle Vertreter Chinas formulieren offen eine ähnliche Einstellung. So kommentierte Zhao Xiao, Chefökonom des Departments für makroökonomische Strategie beim Staatsrat Chinas in einem Interview das Thema Produktpiraterie: "Zugegeben: Wir kümmern uns auch nicht so sehr um Copyrights: Das mag man uns vorwerfen, aber so ist es nun einmal."
So ist es nun einmal.
Doch wie kann es in einer solchen Konstellation eine Win-win-Situation geben? Die Entscheidungsträger meines mittelständischen Kunden haben noch keine Lösung gefunden. Grundsätzlich muss westlichen Anbietern aber Folgendes klar sein:
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