Von Ulrich Hemel
In meinen Seminaren an der Universität in Regensburg stelle ich den Studierenden gelegentlich die Aufgabe, ihre Eltern und Großeltern nach deren Erziehungszielen zu befragen. Dabei ergibt sich regelmäßig der Befund, dass jede Zeit andere Werte in den Vordergrund stellt. "Gehorsam" und "Pflichtbewusstsein" werden für die Großelterngeneration häufig genannt, "Selbstverwirklichung" und "Toleranz" für die Elterngeneration, Fragt man nach Zielen für die eigenen (künftigen) Kinder, hört man häufig Werte wie "Ehrlichkeit", "Selbständigkeit und "Verlässlichkeit".
So unterschiedlich Familien, regionale Traditionen und auch religiöse Einflüsse sein mögen, so deutlich lässt sich in diesen Antworten eine Interpretation der Werte aus dem jeweiligen Zeitgeist ablesen. Zur Sprache kommt dabei aber auch eine gesellschaftliche Veränderung, die gelegentlich mit dem Stichwort "Wertewandel" bezeichnet wird. Der Soziologe Ronald Inglehart prägte diesen Begriff schon in den 70er-Jahren. Gerade junge Menschen reagieren sensibel auf die Herausforderungen ihrer Umwelt. Für einen jungen Erwachsenen in den 50er und 60er Jahren war die Überwindung der ziemlich autoritären Form des Familienlebens, aber auch des beruflichen und politischen Lebens vorrangig. In den 70er und 80er-Jahren betonte man das Lustprinzip, nach dem Motto: Hauptsache, man hat Spaß! Soziologen sprachen hier von einem Trend zu Hedonismus und Individualismus.
Spaß beiseite
Jetzt ist eine gewisse Ernüchterung eingetreten: Immer nur Spaß ist ebenso anstrengend wie ständige Selbstverwirklichung. Je unsicherer und unübersichtlicher die Welt wird, desto stärker wird der neue und alte Wunsch nach Orientierung, Sicherheit, Verlässlichkeit und Ehrlichkeit in Alltag und Beruf.
Der Begriff "Wertewandel" ist als Etikett für solche Veränderungen hilfreich. Was sich tatsächlich verändert, sind aber nicht die Werte selbst, sondern deren Bedeutung für das persönliche und gesellschaftliche Leben. Der Sinn eines praktisch gelebten Werts besteht ja darin, das Leben lebenswerter, einfacher, aber auch sinnvoller zu machen. Daher gibt es so etwas wie einen psychologischen Erwartungswert für Werte, der sich im Lauf der Zeit- auch durch äußere Einflüsse und technologische Veränderungen wandelt. Der "Kurs" eines Wertes ändert sich also je nach gesellschaftlichem Großklima.
Zwei Beispiele für den Wandel bilden die Werte im Zusammenhang mit "Treue" und "Religion". Nach der Verbreitung der Pille wurde gelegentlich die sexuelle Revolution, die offene Ehe und dergleichen propagiert, getreu dem damaligen Motto "Wer zweimal mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment". Nach der Entdeckung von Aids in den 80er-Jahren erlangte jedoch der Wert der Treue aus nachvollziehbaren Gründen wieder eine höhere soziale Akzeptanz. Geblieben ist bis heute eine unaufgeregte und insgesamt größere Akzeptanz der vielfältigen Formen von Sexualität.
Hinzu kommt, dass die jüdische Religion mit über 100.000 Anhängern und verschiedene Formen des Islams mit mehreren Millionen Gläubigen in Deutschland neues Selbstbewusstsein gewonnen haben - bis hin zu Formen von "Islamic Finance", einem vor 30 Jahren noch völlig exotischen Begriff. Ob der Einzelne nun religiös enthaltsam lebt, sich seine eigene Patchwork-Religion bastelt oder Mitglied einer christlichen, islamischen oder sonstigen Gemeinschaft wird, ist nach wie vor seine Sache. Es spricht aber einiges dafür, dass religiöse Werte auch wieder eine stärkere gesellschaftliche Aufmerksamkeit erlangen, durchaus auch im Unbehagen am Widerstreit der Meinungen!
Kurskorrektur im Büro
Veränderungen des gesellschaftlichen Werteklimas erreichen natürlich auch die Arbeitswelt. In Großbetrieben gibt es längst Kantinen, die zum Beispiel auf islamische Ernährungsregeln Rücksicht nehmen. Darüber hinaus hat sich der Stellenwert des Berufslebens enorm verändert. Vor dreißig Jahren gab es noch eine klare Unterscheidung zwischen Arbeitslosigkeit und Erwerbstätigkeit im Sinn einer Vollzeitbeschäftigung. Heute ist nicht nur zwischen Voll- und Teilzeitbeschäftigung zu unterscheiden, sondern auch auf die vielfältigen Formen prekärer, zeitlich befristeter Arbeit oder Zeitarbeit einzugehen, die die Lebensperspektive junger Berufstätiger prägen.
In den 70er-Jahren galten Sozialarbeiter und Informatiker als moderne und zukunftsweisende Berufe. Später kam die große Zeit der Unternehmensberater und Investmentbanker. Heute ist nicht ganz so klar, welche Berufe an der Spitze der Attraktivitätsskala stehen. In den Vordergrund rückt jetzt nicht mehr der Erfolg um jeden Preis, sondern eine Balance-Ethik, die unter anderem mit dem Schlagwort "Work-Life-Balance" treffend beschrieben wird.
Mitgesagt wird damit aber auch, dass Identität und Selbstbewusstsein sich heute nicht mehr ohne Weiteres aus beruflichem Status und Erfolg ableiten. Dabei spielen nicht nur die immer wieder aufflammenden wirtschaftlichen Skandale eine Rolle, sondern auch die stärkere Beteiligung von Frauen im Berufsleben. Work-Life-Balance ist daher nicht einfach ein Zauberwort für ausgebrannte Workoholics, sondern eine betriebliche Gestaltungsaufgabe, mit dem Ziel Männern und Frauen eine leichtere Vereinbarkeit von Beruf, Kindern und Familie zu ermöglichen.
Wertschöpfung plus Sinnschöpfung
Ethik und Wertewandel sind daher ohne Rückbesinnung auf gesellschaftliche Trends nicht zu begreifen. Auch das heutige Bedürfnis nach Unternehmensethik, Corporate Governance, Corporate Citizenship bis hin zum Thema Corporate Social Responsibility sind hier einzuordnen. Dabei fehlt es zwar häufig an professionellem Vorgehen, etwa weil der Zusammenhang von Unternehmensethik und Strategie übersehen wird. Insgesamt wird klar, dass eine ausschließlich renditeorientierte Sicht der Unternehmensführung langfristig nicht trägt - weder bei der Rendite, noch bei der öffentlichen Reputation, noch bei der Attraktivität eines Unternehmens für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen oder der High Potentials. Wertschöpfung ist durch Sinnschöpfung zu ergänzen! Dies ist keine leichte Aufgabe auf einem Terrain, das den meisten Führungskräften nicht sonderlich vertraut ist.
Theorien der Führungskultur haben diesen Wertewandel bisher nur in Ansätzen nachvollzogen. Nicht nur die Wirtschafts- und Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009, sondern die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Trends führen uns zum Schluss, dass gute Unternehmensführung heute komplexer geworden ist als noch vor wenigen Jahren. Neben dem wirtschaftlichen Erfolg sind Fragen des nachhaltigen Wirtschaftens, aber auch der gesellschaftlichen Reputation von Unternehmen im Sinn von Ehrlichkeit und Verlässlichkeit zu großen Herausforderungen geworden. An der Leistungsbereitschaft der jüngeren Generation herrscht dabei kein Zweifel: Insofern ist es kein schlechter Anfang, wenn es uns gelingt, dass wir uns auf solche Herausforderungen sogar freuen können!
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