"Viele probieren es aus, nur wenige bleiben dabei"

Arbeitszeit:

6. Februar 2018
Getty Images

Wann haben Unternehmen begonnen, sich stärker für offene Urlaubsregelungen zu interessieren?

Rich Fuerstenberg: Ich hatte schon mal von einzelnen Unternehmen gehört, bei denen es so etwas gab. Um das Jahr 2013 übernahmen dann viele Silicon-Valley-Unternehmen diese Regelungen. Das war der Zeitpunkt, als aus ein paar Sonderfällen ein Trend wurde.

Was bringt Unternehmen dazu, sich für unbegrenzten Urlaub zu interessieren?

Fuerstenberg: Unterschiedliche Gründe. Einer ist die technologische Entwicklung. Wenn immer mehr Mitarbeiter 24/7 im Einsatz sind, flexible Arbeitszeiten nutzen und von überall aus arbeiten, wie können wir dann noch unterscheiden, wann jemand im Dienst ist und wann nicht? Die Unternehmen erkennen, dass die Leute oft auch dann arbeiten, wenn sie offiziell im Urlaub sind. Ein weiterer Faktor ist, dass bei der herkömmlichen Regelung die nicht genutzten Urlaubstage als Verbindlichkeiten für das Unternehmen auflaufen. Je größer diese Verbindlichkeiten werden, desto mehr interessieren sie sich für andere Möglichkeiten, mit bezahlter Freizeit umzugehen.

Arbeitszeitexperte Rich Fuerstenberg
Harry Zernike

Arbeitszeitexperte Rich Fuerstenberg

Aus Ihren Daten geht hervor, dass mehr Unternehmen nur für Mitarbeiter in höheren Positionen unbegrenzten Urlaub anbieten. Führt das nicht zu Problemen mit der Arbeitsmoral der übrigen Mitarbeiter?

Fuerstenberg: In diesen Fällen bekommen nur einige wenige Führungskräfte unbegrenzte Urlaubstage - das sind diejenigen, die vermutlich auch Zugang zu anderen Vergünstigungen wie Firmenjets haben. Es sind nur wenige Leute, daher wissen die anderen Mitarbeiter oft gar nichts von dieser Vereinbarung. Wenn der Kreis größer wird, gibt es womöglich etwas mehr Diskussionen darüber - sobald es eben nicht mehr nur den Vorstand betrifft, sondern auch die Senior Vice Presidents und Directors, und wenn der Kreis von 10 Leuten auf 100 wächst. Ab einem bestimmten Punkt lässt es sich nicht mehr verheimlichen. Dann ist Kommunikationsfähigkeit gefragt.

Wenn Unternehmen sich für dieses System interessieren, wovor warnen Sie sie?

Fuerstenberg: Das hängt von dem Unternehmen und seiner Kultur ab. Das Unternehmen bietet vielleicht Nischen, in denen manche Leute die Möglichkeit, unbeschränkt Urlaub zu nehmen, womöglich ausnutzen würden. Die Lösung wäre dann, die Regelung eben nicht für diese Funktion anzubieten. Manager sind unsicher, wie viel Urlaub die Leute tatsächlich nehmen werden - und wir wissen aus unseren Dokumentationen, dass viele Leute unter dem neuen System eher weniger Urlaub nehmen. Das erhöht ihr Burn-out-Risiko. In diesem Fall muss das Unternehmen eine Kultur fördern, in der die Leute spüren, dass es in Ordnung ist, Urlaub zu nehmen. Die andere Herausforderung besteht darin, dass einige Mitarbeiter - besonders die langjährigen - vielleicht schon viel ungenutzte Urlaubszeit angesammelt haben. Viele Unternehmen zahlen den Mitarbeitern diesen Urlaub aus, normalerweise in bar - entweder als Abfindung, wenn sie das Unternehmen verlassen, oder über mehrere Jahre verteilt. Das sind maßgebliche Probleme. Wir stellen fest, dass viele Unternehmen die Regelung ausprobieren, aber vergleichsweise wenige sie tatsächlich beibehalten.

Wenn das die absehbaren Schwierigkeiten sind, welche unerwarteten Schwierigkeiten treten auf?

Fuerstenberg: Ich habe von einigen Arbeitgebern gelesen - nicht aus unserem Kundenkreis -, die von einer herkömmlichen Regelung zu unbegrenztem Urlaub übergegangen waren, dann aber doch wieder zu einer stärker reglementierten Form zurückkehrten, etwa: "Sie können bis zu vier Wochen Urlaub nehmen." Eine Zahlenvorgabe gibt den Leuten mehr Sicherheit, wenn sie Urlaub nehmen. Denn allzu oft enden diese Systeme in einem Wettbewerb: Ein Mitarbeiter meint, er sollte besser nicht freinehmen, solange sein Kollege das auch nicht tut - und wenn dieser Kollege zwei Tage nimmt, nimmt er nur einen. Daher versuchen Unternehmen, die sich für unbegrenzten Urlaub entscheiden, in solchen Fällen manchmal gegenzusteuern.

Wie weit lässt sich die Regelung Ihrer Meinung nach ausweiten?

Fuerstenberg: Wir beobachten gerade, wie sie sich unter Führungskräften verbreitet und auf das Führungsteam ausdehnt. Dennoch erkennen wir auch Grenzen. Wenn wir das System zu stark ausweiten, schließen wir auch Mitarbeiter ein, die nicht wirklich in 24/7-Positionen arbeiten. Und in manchen Branchen halte ich Urlaub ohne Beschränkungen für gar nicht durchführbar: Einzelhandel, Pflegeberufe, Callcenter. In diesen Berufen muss immer eine bestimmte Anzahl an Mitarbeitern verlässlich am Arbeitsplatz sein. Eine offene Urlaubsregelung scheint mir für die Mehrzahl der Arbeitgeber nicht machbar zu sein. Deshalb glaube ich, dass es eher zu einer allmählichen Ausweitung kommen wird als zu einem Einsatz im großen Stil.


Die Idee klingt zu verrückt, um sie nachzumachen. Doch Aron Ain, CEO des Softwareanbieters Kronos, lässt seine Mitarbeiter seit zwei Jahren selbst entscheiden, wie viel Urlaub sie nehmen. Ausgenutzt hat das noch keiner. Und wer zu wenig freinimmt, wird zum Gespräch gebeten. Lesen Sie "Freie Hand bei freien Tagen" in unserer Februar-Ausgabe.


Raus aus der Routine


Wie Sie gewohnte Pfade verlassen, um neue Strategien zu finden


Rich Fuerstenberg
    Rich Fuerstenberg berät Unternehmen, die eine unbegrenzte Urlaubsreglung einführen wollen.
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