Arbeitsmoral sinkt in ökonomischen Krisen

Motivation:

Von Rolf van Dick
28. Januar 2014

Während der Wirtschaftskrise sind Beschäftigte mit ihrer Arbeit eher unzufrieden
Corbis

Während der Wirtschaftskrise sind Beschäftigte mit ihrer Arbeit eher unzufrieden

Griechenland befindet sich seit fast fünf Jahren in einer schweren ökonomischen Krise. Dies hat ganz offensichtliche Auswirkungen auf die Menschen, die ihre Arbeitsplätze verloren haben oder deren Renten massiv gekürzt wurden. Deren Unmut wird in öffentlichen Protesten sichtbar. Aber beeinflusst die Krise auch diejenigen, die ihre Arbeit nicht verloren haben und denen es daher materiell vergleichsweise gut geht? Dieser Frage bin ich mit meinen Kollegen Yannis Markovits aus Thessaloniki und Diana Boer von der Goethe Universität nachgegangen.

Mitten in der Krise, 2011 und 2012, haben wir 1024 griechische Arbeitnehmer ganz verschiedener Branchen mit Fragebögen befragt und die Daten verglichen mit Daten von 882 Arbeitnehmern, die wir etwa sechs Jahre zuvor (zwischen 2004 und 2007) mit identischen Fragebögen untersucht hatten. Die beiden Stichproben waren hinsichtlich der Geschlechts- (jeweils ca. 49%Männer) und Altersverteilung (die Teilnehmer waren zwischen 20 und 65) und ihrer Berufserfahrung zwischen 1 und über 22 Jahren) vergleichbar.

Wir verfolgten mit unserer Studie zwei Ziele. Zum Einen wollten wir herausfinden, wie es um die Arbeitsmoral der griechischen Arbeitnehmer in der Krise bestellt war. Insbesondere interessierten wir uns für die Arbeitszufriedenheit und die Verbundenheit mit der Organisation (Commitment). Das zweite Ziel der Studie war herauszufinden, ob Unterschiede in der Arbeitsmoral auf eine grundsätzlich geänderte psychische Orientierung zurückgeführt werden können. Hierzu haben wir uns der "Theorie des regulatorischen Fokus" bedient. Demnach können Menschen ihre Ziele über zwei unterschiedliche Herangehensweisen verfolgen. Manche Menschen tendieren dazu, ihre Aufmerksamkeit auf das Erreichen von Gewinnen zu richten und dabei offen, kreativ und risikofreudig vorzugehen - dies nennt man den Promotionsfokus. Andere Menschen neigen dazu, Verluste zu vermeiden und sie scheuen das Risiko - hier spricht man vom Präventionsfokus.

Unsere Ergebnisse sind eindeutig: Beschäftigte in der Krise haben eine geringere Arbeitszufriedenheit und sie fühlen sich ihrem Arbeitgeber weniger verbunden. Darüber hinaus war in der Krise der Promotionsfokus geringer, während sich der Präventionsfokus erhöht hatte. In weitergehenden Analysen konnten wir zeigen, dass die krisenbedingt reduzierte Arbeitszufriedenheit und Verbundenheit sich durch die Veränderungen in Promotions- und Präventionsfokus erklären ließen. Das heißt, durch die Krise verändern die Menschen ihren Fokus hin zu Verlust- und Risikovermeidung, wodurch auch ihre Arbeitsmoral sinkt.

Was bedeuten unsere Ergebnisse für Politiker und Manager? Wohlgemerkt: Wir haben ausschließlich Beschäftigte befragt, also Personen, die nicht in der Krise arbeitslos geworden sind und die vielleicht aufgrund des enormen materiellen Abstiegs mutlos geworden sind. Dass auch die Beschäftigten deutlich ihre Orientierung geändert haben - weg von Gewinn- und Risikoorientierung hin zu Besitzstandwahrung und Verlustvermeidung - kann für Unternehmen und die ganze Volkswirtschaft sehr negative Folgen haben.

Gerade in schwierigen Zeiten sind innovative Ideen gefragt. Unternehmen und Arbeitnehmer sollten sich durchaus trauen etwas zu riskieren, indem sie sich selbständig machen, neue Produkte auf den Markt bringen usw. um der Krise proaktiv entgegenzuwirken. Unsere Studie zeigt jedoch gegenteilige Tendenzen und sollte Managern die Augen öffnen. Wer Innovation möchte, muss die Mitarbeiter motivieren, Ideen zu generieren und sie auszuprobieren. Anzunehmen dass diejenigen, die ihren Job behalten haben, nicht unter der Krise leiden, weil es ihnen ja materiell noch gut geht - zumindest im Vergleich zu ihren vielen arbeitslosen Landsleuten - ist offensichtlich ein Irrtum.

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Kommentare
1
hzeumer 29.01.2014

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Die selbe verhängnisvolle Entwicklung erlebe ich auch häufig in Projekten, die in Schieflage geraten sind. Der Reporting-Aufwand steigt und verschwendet wichtige Zeit zum Bereinigen der Probleme, das Management macht Druck und überfordert oft die Mitarbeiter. Die Unsicherheit überträgt sich auf Motivation und Moral bis hin zur Erhöhung des Krankenstands. Und die Aufforderung, sich doch mal richtig anzustrengen, führt nicht selten zur inneren Kündigung. Richtig wäre, wenn das Management sich eingestehen würde, dass die bisherige Vorgehensweise falsch bzw. mangelhaft war, und mit Ursachenforschung oder Gutachten die Gründe angeht statt die Symptome. Das geht halt oft nur mit externer Hilfe, denn die eigenen Mittel haben ja in die Krise geführt, sind also untauglich, um wieder heraus zu kommen. Es ist dann oft erstaunlich, wie das Einbringen von Können und Führung z.B. im Projektmanagement das Vertrauen und die Motivation der Mitarbeiter in den eigenen Erfolg beflügeln kann - und damit schneller und besser zu Projektergebnissen führt als Schuldzuweisungen und Druck.

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