Kandidaten zur Probe

Personal:

Von Scott Berkun
12. Mai 2014
Corbis

Als Automattic-Chef Matt Mullenweg den erfahrenen Microsoft-Manager Scott Berkun als Teamleiter ins Unternehmen holen wollte, sagte dieser nur unter einer Bedingung zu: Er wollte ein Buch über die Arbeit in der sehr speziellen Unternehmenskultur schreiben. Sein Buch "The Year Without Pants: Wordpress.com and the Future of Work" ist mittlerweile erschienen, im Interview verrät Berkun, wie es bei Automattic war.

Was hielten Sie anfangs von der Idee mit dem Try-out-Prozess? BERKUN Ich bin ein echter Fan davon, denn die Idee ist plausibel. Aus irgendeinem Grund glauben viele Personalmanager, sie könnten sich in Bewerbungsgesprächen ein zuverlässiges Bild von der zukünftigen Arbeitsleistung eines Kandidaten machen. Das ist falsch. Wenn Sie einen Kuchen für Ihre Hochzeit bestellen wollen, bitten Sie den Konditor ja auch um ein Stück zum Probieren, statt sich einen Vortrag über den Kuchen anzuhören. In Try-outs lässt sich viel besser herausfinden, wer für einen Job ausreichend qualifiziert und geeignet ist.

Waren die Try-outs für Sie als Manager eine Hilfe bei Entscheidungen über Neueinstellungen?
BERKUN Bis zu einem gewissen Grad. Ich bespreche Einstellungen gern mit meinem Team. Das Besondere bei Automattic war: Statt nur über die Antworten eines Bewerbers auf Fragen zu diskutieren, hatten wir genaue Informationen, wie er mit einem konkreten Problem umgegangen ist. Daten aus erster Hand geben uns mehr Sicherheit.

Sollten sich andere Unternehmen ein Beispiel daran nehmen? BERKUN Viele machen das schon, nur unter anderen Bezeichnungen. Ein Praktikum zum Beispiel ist einem Try-out sehr ähnlich: eine zeitlich begrenzte Beschäftigung, von der sich jemand eine feste Stelle erhofft. Und im künstlerischen Bereich mussten sich junge Künstler schon in der Renaissance vor der Aufnahme in Werkstätten bewähren.

War es schwierig, sich in die Automattic-Kultur einzufinden? BERKUN Mit der Arbeit ohne feste Büros kam ich gut zurecht. Digitale Kommunikation fiel mir leicht: Selbst wenn man im selben Gebäude arbeitet, hat man heute mit seinen Kollegen meist nur über Computer zu tun. Insgesamt habe ich sehr gern bei Automattic gearbeitet. Wenn mich etwas frustrierte, hatte das eher mit mangelndem Ehrgeiz zu tun. Die Kultur dort fördert die enge Zusammenarbeit an kleinen Veränderungen. Den Leuten wurde viel Freiheit gegeben, Risiken einzugehen. Doch nur wenige haben diesen Spielraum wirklich genutzt und einen großen Schritt gewagt.

Was können andere Unternehmen von Automattic lernen?
BERKUN Sie können sich zum Beispiel das tiefe Bekenntnis zur Innovation als Beispiel nehmen. Führungskräfte reden heute gern über Innovation, doch die meisten sind im Grunde konservativ. Matt Mullenweg dagegen will Sachen ausprobieren. Er hat kein Problem damit, wenn etwas nicht funktioniert - "Jetzt wissen wir besser, wie das Problem gelöst werden kann", sagt er dann einfach. Wenn auch andere Unternehmen zu einem Modell mit dem CEO als oberstem Experimentator übergehen würden, könnten sie erfolgreicher sein.

Lesen Sie auch den Artikel von CEO und Automattic-Gründer Matt Mullenweg in unserer Mai-Ausgabe.Mullenweg erklärt, warum die Probejobs für Mitarbeiter und das Unternehmen Vorteile bringen.

Zum Autor
Scott Berkun ist Bestseller-Autor. Sein letztes, 2013 publiziertes Buch, heißt The Year Without Pants: Wordpress.com and the future of work. Er ist ferner Autor von "Making Things Happen" und "Confessions of a Public Speaker". Er bloggt auf www.scottberkun.com und twittert unter dem Namen @berkun.

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