Wegbereiter einer Revolution

Produktion:

Von Thomas Kautzsch
7. Juni 2016
Getty Images

Die deutsche Automobilindustrie sowie Maschinenbauer und Werkzeugmaschinenhersteller galten lange deshalb als weltweit führend, weil sie in der Lage waren, das Potenzial von Software, Sensoren, Netzwerken und elektronischen Geräten auf ihren Fertigungsstraßen voll auszuschöpfen. Nun bricht eine neue Phase der globalen digitalen Fertigung an, bei der sich die wichtigsten Prozesse rund um die Herstellung komplexer Güter von Autos bis hin zu Zügen, Flugzeugen, Maschinen und sogar Küchen maßgeblich verändern werden. Und wieder sind hier deutsche Unternehmen wegweisend.

Die Unternehmen steigern ihre Margen derzeit deutlich, indem sie zahlreiche Abläufe digitalisieren: wie eine neue Idee produktionsreif gemacht wird, (dazu gehören F & E, Produkteinführung und Prüfung), der Vertrieb bis zur Lieferung der Produkts (Preise, Nachfrageprognosen, Auftragsabwicklung) und die Wartung von Fabriken (einschließlich der Inventarisierung von Ersatzteilen). Unserer Schätzung zufolge können Hersteller bis 2030 weltweit etwa 1,4 Billionen Dollar mehr einnehmen, wenn sie sich an der Vorgehensweise der führenden Unternehmen orientieren.

Die meisten dieser Gewinne entstehen durch besseres Management von Prozessen vor und nach der Produktion - der Rest wird weiterhin von der tatsächlichen Herstellung abgeleitet werden. Die folgenden Beispiele zeigen, wie die führenden Hersteller die Regeln für die globale Industrie gleich an mehreren Fronten neu definieren:

Von der Idee zum Produkt

Früher war es so, dass bei jedem neuen Fahrzeugmodell Designer und Ingenieure zusätzlich 20 Stunden Mehrarbeit einplanen müssen. Das lag meist an Qualitätsproblemen oder ungeplanten Änderungen. Jedes neue Modell kostet die Autohersteller bis zu mehrere hundert Dollar pro Fahrzeug zusätzlich. Bei den vielen neuen Modellen, die die Hersteller jedes Jahr in großen Stückzahlen auf den Markt bringen, summieren sich diese Kosten schnell in Milliardenhöhe.

Durch die digitalen Technologien, die inzwischen von deutschen Autoherstellern eingesetzt werden, locken dagegen Einsparungen von 100 Millionen Dollar bei jeder neuen Modellreihe, indem Design und die Informationen über notwendige Änderungen enger mit dem Produktionsprozess verknüpft werden. Simulieren die Ingenieure dagegen die Herstellung eines neuen Autos mit gerade mal 100 Prototypen oder Validierungsmodellen, können sie abschätzen, wie jede Änderung die Gesamtleistung des Autos beeinflusst und wie teuer sie würde, bevor auch nur ein Blech geschnitten oder ein Kohlefaserbauteil produziert wird.

Vom Vertrieb bis zur Auslieferung

Der Einsatz von Nachfrageprognosen auf Basis von Big-Data-Analysen, die die Hersteller inzwischen verwenden, haben innerhalb der kommenden 14 Jahre nach unserer Schätzung ein Einsparpotential von 600 Milliarden Dollar weltweit. Heute produzieren rund 75 Prozent der weltweiten Automobilproduktion auf Vorrat, basierend auf dem Urteil der Händler. Die Vorführwagen in den Autohäusern passen nur selten zu den Vorlieben der Kunden. Und diese wollen nur selten für Ausstattungsvarianten zahlen, die sie nicht brauchen. Auf Lager produzierte Fahrzeuge haben die Umschlagsdauer erhöht. Die Folge ist, die Händler bestellen nur ungern Autos mit teuren Extras, nur um später zu Rabatten gezwungen zu sein, um die Autos loszuwerden.

Einige Autohersteller haben bereits damit begonnen, ihren Gewinn pro Fahrzeug um mehrere hundert Dollar zu steigern. Das gelang, indem sie systematisch Händlerinformationen, die Online-Konfigurationen der Kunden sowie aktuelle und frühere Absatzraten analysierten. Sie konnten so genauer bestimmen, welche ihrer Automodelle aus dem Lager im Autohaus gezeigt werden. Bald sollen diese Analysen ein noch höheres Niveau erreichen, indem noch mehr Echtzeit-Informationen aus Quellen wie Forschungsdaten von Dritten, Kundenbeziehungsmanagementsystemen, Wettbewerbsinformationen und Onlineforen ausgewertet werden. Auf diese Weise können sie vorhersagen, wie die tatsächliche Nachfrage nach den Modellen und Extras bei einzelnen Händlern sein wird. Dadurch können die Autos schneller verkauft werden und es müssen weniger Rabatte gewährt werden.

Seite
1
2
Artikel
Kommentare
0
Diskussionsregeln

Wir freuen uns über lebendige, konstruktive und inspirierende Diskussionen auf HBM Online. Um die Qualität der Debattenbeiträge sicherzustellen, werden unsere Moderatoren jeden Beitrag prüfen. Eine Nutzung der Kommentarfunktion zu kommerziellen Zwecken ist nicht erlaubt. Beiträge mit vorwiegend werblichem, strafbarem, beleidigendem oder anderweitig inakzeptablem Inhalt werden von unseren Moderatoren gelöscht.

© Harvard Business Manager 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
ANZEIGE
Die neuesten Blogs
Nach oben