Warum Hochschulabschlüsse nicht mehr relevant sind

Personal:

Von Andrew McAfee
9. April 2013

Wenn Sie als Arbeitgeber eine Stelle neu besetzen wollen, prüfen Sie einen Kandidaten auf Herz und Nieren. Suchen Sie zum Beispiel einen Mitarbeiter, der gut schreiben kann, achten Sie wahrscheinlich darauf, ob der Kandidat einen eigenen Blog betreibt oder ein fleißiger Wikipedia-Autor ist. Bei Programmierern ist der erreichte Rang bei Software-Entwickler-Wettbewerben wie TopCoder oder GitHub wichtig. Vertriebsmitarbeiter müssen zeigen, was sie bislang verkauft haben. Bei einem Allrounder legen Sie Wert auf seine bisherige Bilanz als Unternehmer, oder wollen wissen, ob er als Angestellter auf verschiedenen Positionen Erfahrung gesammelt hat.

Heute stehen den Arbeitgebern außerdem verschiedene Tests zur Verfügung, die die Eignung der Kandidaten überprüfen sollen. Einige dieser Tests verbergen ihren Zweck kaum. Andere, wie beispielsweise "Knack", scheinen zunächst zusammenhanglose Qualitäten zu prüfen. Doch gerade die scheinbar unbedeutenden Eigenschaften entpuppen sich später als Fähigkeiten, die für gute Arbeitsleistungen entscheidend sind.

Junge Absolventen: Für die Arbeitgeber und für die Gesellschaft als Ganzes wäre es viel produktiver, nicht mehr auf Bachelor- und Master-Abschlüssen zu beharren
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Junge Absolventen: Für die Arbeitgeber und für die Gesellschaft als Ganzes wäre es viel produktiver, nicht mehr auf Bachelor- und Master-Abschlüssen zu beharren

Einen besonders starken Zulauf gibt es derzeit bei den Online-Vorlesungen (Massive Open Online Courses, MOOC). Viele von diesen Kursen ermöglichen Zugang zu allerlei Fächern, viele davon sind kostenlos.

In vielen dieser Kurse müssen Studenten am Ende einen Abschlusstest absolvieren, oder ihre Lernfortschritte werden mit anderen Mitteln überprüft. Sie signalisieren, ob ein Student die Inhalte gut bewältigt hat oder nicht. Da die Online-Vorlesungen noch recht jung sind, ist die Aussagekraft dieser Bewertungen nicht eindeutig. Aber mich überzeugt, was ich bislang gesehen habe. Hat jemand bereits mehrere Online-Vorlesungen gehört und nachweislich in allen Fächern gut abgeschnitten hat, würde ich ihm als Bewerber eine ernsthafte Chance geben.

Sie dürften bemerkt haben, dass in der Liste der Einstellungskritierien der Hochschul-Abschluss fehlt. Meiner Ansicht nach ist er nicht mehr viel wert und wird immer bedeutungsloser. Für die Arbeitgeber selbst und für die Gesellschaft als Ganzes wäre es viel produktiver, nicht mehr auf Bachelor- und Master-Abschlüssen zu beharren.

Leider verhalten sich Arbeitgeber aber anders: Sie legen im Gegenteil immer mehr Wert auf diese altmodischen Abschlüsse. Wie die New York Times kürzlich berichtete, "wird der Hochschul-Abschluss das neue Reifezeugnis: Der Abschluss ist die neue, wenn auch kostspielige Mindestanforderung selbst für einfachste Jobs." Zahntechniker, chemisch-technischer und medizinisch-technischer Assistent sind Berufe, in denen Bewerber in den USA heute 50 Prozent häufiger einen Uni-Abschluss vorlegen müssen als noch 2007.

Dieser Ansatz birgt zwei große Probleme. Zum einen ist ein Universitätstudium (in den USA, Anm.d.Red.) teuer, und die Studiengebühren steigen immer weiter. Jared Bernstein hat herausgefunden, dass das durchschnittliche Einkommen für eine vierköpfige Familie zwischen 1990 und 2008 um 20 Prozent gestiegen ist, während sich die Kosten für ein vierjähriges Studium an einer öffentlichen Universität in den USA im selben Zeitraum verdreifacht haben. Die gesamte Schuldenlast aus Studienkrediten in den USA übersteigt schon jetzt die Kreditkartenschulden. Noch nicht einmal bei privater Insolvenz werden die Studienschulden erlassen. Der Zeitungsbericht zitiert eine Universitätsabsolventin des Jahrgangs 2011, die heute als Empfangsdame arbeitet: "Ich habe mehr als 100.000 Dollar als Studienkredit aufgenommen. Das werde ich wohl niemals abbezahlen können."

Aus meiner Sicht ist das größere Problem jedoch, dass Uni-Abschlüsse mit der Zeit an Wert einbüßen, auch wenn sie immer teurer werden. Über das aktuelle Studium an Universitäten gibt es immer mehr Erkenntnisse, die nicht unbedingt erfreulich sind. In den USA machen immer weniger Studenten einen Abschluss in den schwierigen, naturwissenschaftlichen Fächern, obwohl diese Absolventen auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen haben. Die Studenten brauchen länger bis zum Abschluss und die Abbrecher-Quoten steigen. Am meisten hat mich alarmiert, dass 45 Prozent der Uni-Studenten in den ersten zwei Studienjahren so gut wie nichts lernen. Immer noch 36 Prozent zeigten auch nach vier Jahren keine Verbesserung. Was auch immer diese Studenten an den Universitäten tun - mit einer Ausbildung hat dies kaum etwas zu tun.

Was sich derzeit in der Wissensbranche abspielt, liegt aus meiner Sicht irgendwo zwischen einer Blase und einem handfesten Skandal. Daran wird sich solange nicht ändern, bis Arbeitgeber dazu übergehen, andere Merkmale eines Bewerbers höher zu gewichten als seinen formalen Universitätsabschluss. Für mich gibt es keinen Grund, nicht sofort damit zu beginnen. Und für Sie?

Der Autor

Andrew McAfee ist Principal Research Scientist am Center for Digital Business des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA. Er ist erfolgreicher Buchautor und Blogger und hat den Begriff des Enterprise 2.0 geprägt, mit dem er Unternehmen meint, die intensiv die Möglichkeiten des Web 2.0 nutzen.

Artikel
Kommentare
6
Unregistriert 09.04.2013

Ziemlich subjektiv
Die Meinung des Verfassers ist natürlich nachvollziehbar und sogar irgendwo richtig. Dennoch muss man darauf achten, was ein Studium beinhaltet. Vor allem lernt der Student zielorientiertes Arbeiten und auseinandersetzen mit sehr komplexen Inhalten. Auch sich mit Themen auseinander zu setzen, die einem nicht gefallen und nicht liegen ist für die Entwicklung wichtig. Das ist, meiner Meinung nach eben doch das Wichtigste. Trotzdem ist es richtig, als zb Personalchef auf Weiteres zu achten, wie es der Verfasser hier beschreibt. Wir befinden uns halt in einer Gesellschaft, die Leistung verlangt und diese auch nachgewiesen sehen möchte. Mehr Praxis wäre aber wünschenswert!

RalfLippold 09.04.2013

Online, offline - oder doch beides?
Über einen Eintrag von Prof. Lutz Becker auf Facebook wurde ich auf diesen Artikel aufmerksam. Andrew McAfee erlebte ich persönlich 2011 in Sydney auf einer Konferenz und vieles von seinen Gedanken konnte man damals wiederfinden. Online learning, Enterprise 2.0 - alles Schlagworte, die es in ein Land wie Deutschland, das durch seine Kompaktheit lebt, schwierig schafft. Einfacher ist dies schon im australischen Busch, wo es mehrere Tausend Kilometer von den großen Städten an der Küste nicht Universitäten an "jeder Ecke" gibt und MOOCs eine zugegebenermaßen ressourcenschonende (wenn auch ungewohnte) Lerninstitutionsalternative bieten. Ich erinnere mich noch gut an mein Studium an der HTW Dresden ab 1995 als das Internet gerade begann sich richtig zu entwickeln, man eine Email bekam, wenn man sich immatrikulierte (vorher war das nicht möglich) und die Noten noch aushingen an großen Wänden hinter Glas. Es hat sich eine Menge geändert, wie z.B. der Einsatz OPAL (eLearning über Bildungsinstitutionen hinweg). Auch geändert haben sich der Kontext aus dem die Studenten kamen. Waren es damals noch überwiegend, bis auf wenige Ausnahmen, Mitstudenten, die bereits eine Lehre noch zu DDR begonnen oder sogar abgeschlossen hatten. Sie hatten das "rauhe" Leben in der Wirtschaft schon erlebt und die Welt der Informationstechnologie war ein Weg, Neues zu erkunden und neue Wege des Lernens zu begehen (wenn auch klein). Heutzutage, als beständiger Besucher meiner alten Alma Mater und Alumni-Botschafter (inoffiziell) fällt immer wieder auf, dass der "Druck" die neuen Informationstechnologien effektiv zu nutzen ein wenig in den Hintergrund gedrängt ist. Selbstverständlich sieht man Smartphones und Laptops überall, doch heißt dies nicht, dass auch schon im Unterricht alte Methoden mit Overhead bereits der Vergangenheit angehören. Noch immer ist die Lerngruppe, die sich trifft (ganz im kleinen Kreis) der Status-Quo. Und die Aktivitäten über Fakultätsgrenzen hinweg halten sich wie in vielen Gesprächen zu erfahren in Grenzen. Warum hat sich nun doch so wenig geändert, oder sogar teilweise verschlechtert in der Hochschullandschaft? Spezialisierung ist aus meiner Sicht der Grund. Und selbstverständlich die beständig (exponentiell) wachsende Menge an Wissen, die Möglichkeit an Wissen zu gelangen, die es vor zwei Jahrzehnten oder länger noch gar nicht gab. Ein Personaler oder Manager genau wie ein Professor, der nicht die Möglichkeiten (positiver Art) für seine eigene Arbeit erlebt hat, wird nach wie vor lediglich auf die Ausprägungen und Leistungen in den Zeugnissen fokussiert sein. Welche Möglichkeiten bleiben dabei ungenutzt und welche Menschen finden hierdurch nicht zur Umsetzung ihrer Stärken und Kompetenzen nur weil sie sich nicht messen lassen konnten? Online + Offline ist für mich die Zukunft des Lernens und Arbeitens und dazu bedarf es sicherlich in diesem Land noch eine Menge Aufholarbeit und Forschung. Ein "funktionierendes" System ist schwierig zu ändern und oft kommt es nur aus der richtigen Krise des Landes heraus, sowie Team Academy in Finnland Anfang der 90er Jahre als dort eine Wirtschaftskrise ohnegleichen herrschte und Unternehmen ihre Betriebsstätten schlossen und Hochschulen weiterhin Studenten ausbildeten für nicht vorhandene Arbeitsplätze in der Region. Über meine Erfahrungen mit Team Academy habe ich hier geschrieben: http://leanthinkers.blogspot.de/2008/06/team-academy-management-school-without.html

Unregistriert 09.04.2013

Etwas unausgegoren.
Was habe ich aus dem Artikel gelernt? Nichts. Dass, wenn alle Leute studieren nicht alle Leute besser werden, sondern das Studium schlechter, damit alle bestehen, ist doch eine statistische Selbstverständlichkeit. Dass dann Kriterien eine Rolle spielen, die bei einer Berufsausbildung entscheidend sind - kein Wunder. Die Frage ist, ob die Unternehmen sich nicht das genau gewünscht haben: junge Bewerber mit Praxiserfahrung, also ein gut ausgebildeter und persönlich gereifter Facharbeiter. Das Bild wurde aber in die Uni verlagert, die eigentlich für was anderes besser ist: Spezialisten, Querdenker, kreative Köpfe (nicht, dass es die unter den Nichtstudierten nicht auch gebe!). Nebenbei: In welcher postindustriellen Welt lebt der Autor: Es gibt gerade in der Industrie viele harte Fakten, die man können muss neben den weichen Kriterien. Da braucht es harte Scheine und Nachweise erst dann können Softskills einen Unterschied machen. Wenn das Haus zusammenbricht, fragt keiner, ob der Bauleiter ein netter Mensch war, sondern, ob er kompetent war!

Jörg von Welden 14.04.2013

eine wertvolle Diskussion
Ich selbst bin vor kurzem von einem Beratungsunternehmen ( Konzack Consulting ) an einen neuen Arbeitgeber "vermittelt" worden. Das Beratungshaus hat ganz klar den Ansatz von McAffee vertreten, Ausbildung kann nur noch ein Teil sein, weiter geht es mit Bildung, Persönlichkeit etc. So lief auch die Kommunikation mit dem neuen Arbeitgeber, ein DAX Unternehmen, würde jetzt etwas zu weit führen das alles zu schreiben, aber es findet faktisch eine Veränderung statt.

Unregistriert 14.04.2013

Realitätsfern
Ich selber habe eine Lehre sowie 3 Hochschulabschlüsse, darunter auch aus dem Ausland. Für hochqualifizierte Stellen ist ein Hochschulabschluss erforderlich. Dies bestätigt auch meine 20 Jahre Praxiserfahrung in leitenden Stellen.

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