Der Papst und das Kerngeschäft

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Von Christian Stadler
13. März 2013

In diesen Tagen versammeln sich 115 Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle, um einen neuen Papst zu wählen. Auf das Oberhaupt der katholischen Kirche warten eine Reihe von Herausforderungen: Der Missbrauchskandal dominiert die Medien, aber nicht weniger schwierige Fragen betreffen die Reform der Kurie in Rom, die steigende Zahl der Kirchenaustritte in Europa, und immer stärkere Konkurrenz durch evangelikale Kirchen in Lateinamerika, Afrika und Asien .

In seiner aktuellen Ausgabe schlägt der "Economist" vor, die katholische Kirche solle sich deshalb auf ihr Kerngeschäft Spiritualität konzentrieren und Nebenaktivitäten aufgeben. Die Vatikanische Bank beispielsweise sollte ihr Geschäft einstellen, fordert das britische Wirtschaftsmagazin.

Blick in die Sixtinische Kapelle: Welche Strategie wird der neue Papst wählen?
DPA

Blick in die Sixtinische Kapelle: Welche Strategie wird der neue Papst wählen?

Kerngeschäft gut, Diversifikation böse! Dieser Aufruf dürfte vielen Unternehmen bekannt vorkommen. Und tatsächlich folgen viele dieser Strategie. Auch in Deutschland hat die Diversifikation von Unternehmen in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich abgenommen, wie ich in einer noch unveröffentlichten Studie zusammen mit meinen Kollegen Julia Hautz von der Universität Innsbruck und Michael Mayer von der University of Bath gezeigt habe ("Advance and Retreat. How Economics and Institutions Shaped the Fate of the Diversified Industrial Firm in Europe", erscheint in "International Studies of Management and Organization").

Dennoch ist Fokussierung nicht immer der richtige Weg für jede Organisation oder Unternehmen Hier sind vier Gründe, in welchen Fällen ein breites Portfolio Sinn machen kann:

1. Sie sind ein Familienunternehmen. In der Regel ist ein Großteil des Familienvermögens im Unternehmen gebunden. Durch Diversifikation können Sie branchenspezifische Risiken vermeiden. In einer Studie gemeinsam mit Julia Hautz und Michael Mayer zeige ich, dass Familienunternehmen breiter aufgestellt sind als jene, bei denen der Staat, Banken oder Aktionäre den Ton angeben. Familienmitglieder lernen durch ihre lebenslange Nähe zum Betrieb, wie Konglomerate erfolgreich zu managen sind.

2. Ihr Geschäft konzentriert sich auf Afrika, Asien und Lateinamerika. Es ist kein Zufall, dass das indische Unternehmen Tata oder der südkoreanische Konzern Samsung als Konglomerate erfolgreich sind. Der Mangel an Rechtssicherheit und der schwierige Zugang zu Kapital sind ein Nachteil für kleinere Spezialisten, die auf Zulieferer und Partner angewiesen sind. Auch für deutsche Unternehmen gilt in diesen Märkten, dass vertikale Integration interessant sein kann, um Risiken zu vermeiden. Unternehmen können funktionierende Netzwerke gut dazu nutzen, um neue Branchen zu erobern.

3. Ihre Ressourcen sind breit anwendbar. Virgin betreibt unter anderem Fluggesellschaften, ein Mobilfunknetz und eine Bank. Die bekannte Marke erlaubt den billigen Einstieg in neue Geschäfte, da oft die Partnerunternehmen bereit sind, die Finanzierung zu stemmen. Manche Ressourcen sind perfekt in anderen Industrien einsetzbar. Nutzen Sie diese Chance.

4. Sie wollen ihr Unternehmen komplett umbauen. Wenn Sie in Ihrem bestehenden Geschäft keine Zukunft sehen, ist es schwierig, das Unternehmen kurzfristig komplett neu aufzustellen. Ein Wandel gelingt manchen Unternehmen durch einen Einstieg in komplett neue Branchen. Sobald es dort läuft, ziehen sie sich aus den alten zurück. Ein Beispiel: Der heutige Kunststoff-Spezialist Röchling aus Mannheim verabschiedete sich 1978 aus der Montanindustrie. In den 1980er und 1990er Jahren war das Unternehmen stark diversifiziert, und konzentrierte sich schließlich auf Kunststoffe.

Sollte sich die katholische Kirche also tatsächlich auf das Kerngeschäft konzentrieren? Die Konkurrenz verfolgt offenbar eine andere Strategie: Die rasch wachsenden Freikirchen bieten ihren Mitgliedern in den Entwicklungsländern in der Regel einen Rundumservice. Von Finanzen, Kinderbetreuung, Ausbildung und Jobsuche bis hin zur spirituellen Begleitung in allen Lebenslagen. Will der neue Papst verhindern, dass die katholische Kirche in diesen attraktiven Märkten an Boden verliert, muss er ähnliches bieten. Mit Blick auf die 'Kunden' ist Diversifikation, nicht Fokussierung der richtige Weg.

Diversifizieren oder Konzentration auf das Kerngeschäft? Diskutieren Sie mit!

Wie können Unternehmen ihr Geschäftsmodell retten? Mehr Texte zu diesem Thema lesen Sie im Schwerpunkt der Ausgabe 2/2013. Lesen Sie hier die digitale Ausgabe.

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Kommentare
2
Unregistriert 14.03.2013

Der neue und das Ende ?
Franziskus der Jesuit ist der neue Papst. Gegen Homosexualität ist er aus ideologischen Gründen. Seine Mitwirkung bei Verschleppungen während der Argentinischen Diktatur sei umstritten (meldet der Spiegel heute). Nach den tausendfachen Mißbrauchsskandalen und der mangelnden Aufklärungsbereitschaft der katholischen Kirche ist diese Papstwahl wohl der Sargnagel für die katholische Kirche in Europa. So hoffe ich zumindest auf die Vernunft und den Bildungsstandard der Europäer. Eine weltliche Aufklärung von Kindesmißbrauch tut auch in der katholischen Kirche Not. Findet aber leider/unverständlicherweise nicht statt. So muss sich jeder Katholik der Kirchensteuer zahlt, ob seiner Mitschuld selber fragen.

debonoo 18.03.2013

Hallo Nachdem die Headline des neuen MM schon das Ende der Wirtschaftskrise herbeiredet.. und ein Herr Sprenger sich Gedanken um die hohe Managergehälter macht... jetzt das.. mfG.

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