Die falsche Kontrolle

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Von Rolf van Dick
6. März 2013

Im Februar 2013 erntete die Yahoo-Chefin Marissa Mayer massive Kritik mit einer Anweisung an alle Mitarbeiter, die Arbeitszeit nicht mehr flexibel irgendwo auf der Welt - zum Beispiel im Homeoffice - zu verbringen, sondern doch bitteschön auch physisch in den Räumlichkeiten von Yahoo anwesend zu sein. Eine ihrer Begründungen: In Gesprächen auf dem Flur oder in der Teeküche würden die wirklich kreativen Ideen entstehen.

Kontrollmaßnahmen: Ein Klima des Misstrauens
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Kontrollmaßnahmen: Ein Klima des Misstrauens

Was ist davon zu halten, dass CEOs ihre Mitarbeiter auffordern, doch bitte mehr Präsenz zu zeigen und pünktlich und regelmäßig im Büro zu sein? Meiner Meinung nach wenig! Letztlich geht es bei der Frage effektiver Führung immer um Vertrauen zwischen Führungskräften und Mitarbeitern. Solche Maßnahmen signalisieren vor allem eines: Misstrauen.

Schon in den 60er Jahren stellte MIT-Professor Douglas McGregor fest, dass Manager eines von zwei Weltbildern vertreten, die er Theorie X und Theorie Y nannte. Anhänger der Theorie X sehen ihre Mitarbeiter als grundsätzlich faul und unmotiviert an. Demnach arbeiteten sie lediglich um Geld zu verdienen. Zu guten Leistungen kann eine Führungskraft sie nur bewegen, wenn die monetären Anreize richtig gesetzt werden und genau kontrolliert wird, ob die Mitarbeiter das, was vereinbart ist, auch tun. Anhänger der Theorie Y dagegen glauben, dass in jedem Mitarbeiter die intrinsische Motivation steckt, die ihm oder ihr gestellten Aufgaben so gut wie möglich zu bewältigen. Natürlich wollen auch diese Mitarbeiter angemessen bezahlt werden. Aber das Herstellen qualitativ guter Produkte macht sie stolz: Kontrolle ist für Spitzenleistungen nicht nötig.

In den letzten Jahren gibt es eine Reihe von Befunden aus ganz unterschiedlichen Forschungsrichtungen, die zeigt, wie wichtig Vertrauen ist. Mein Kollege Michael Kosfeld von der Goethe Universität in Frankfurt am Main kann (zusammen mit Devesh Rustagi und Stefanie Engel) zeigen, dass ein größeres Maß an Vertrauen in äthiopischen Stammesgemeinschaften zu größerem Erfolg von Baumaufforstungsprogrammen in dem jeweiligen Stammesgebiet führt . Das Vertrauen maßen Kosfeld und seine Kollegen über kleine Spiele, in denen die Versuchspersonen Belohnungen verteilten oder selbst behielten.

Wirtschaftsnobelpreisträger George Akerlof kommt zusammen mit Rachel Kranton in einem Aufsatz in der "American Economic Review" zu dem Ergebnis, dass Kontrolle schlecht ist, weil sie erstens Kosten für die Überwachung (mehr Führungskräfte auf den unteren Ebenen) der Mitarbeiter verursacht und zweitens Misstrauen signalisiert.

Akerlof empfiehlt dagegen in die Stärkung der gemeinsamen Identitäten von Teams und Organisationen zu investieren. Wenn Führungskräfte starke Kontrolle ausüben, macht sie das nach Akerlof zu "Outsidern" - lassen sie der Gruppe ihre Freiheiten und zeigen sie Vertrauen werden sie eher als "Einer von uns" und Mitglieder des Teams wahrgenommen. Wenn ich als Mitarbeiter weiß, wofür mein Unternehmen steht und ich mich mit ihm identifiziere, werden die Ziele meines Unternehmens zu meinen eigenen Zielen und ich bin motiviert, diese zu erreichen - auch ohne ständige Kontrolle.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Keith Murnighan, Managementprofessor in Chicago in seinem jüngsten Buch "Do nothing". Wenn Führungskräfte Mikrokontrolle ausüben, vergeuden sie ihre Zeit und signalisieren wieder Misstrauen - wenn sie dagegen die richtigen Rahmenbedingungen und Ziele klarstellen, können sie mit weniger Aufwand viel mehr erreichen.

Trotz mehr als 50 Jahren an Forschung, die die Wichtigkeit von Vertrauen also immer wieder bestätigt hat, scheinen immer noch sehr viele CEOs dem Theorie X-Weltbild anzuhängen. Marissa Mayer gehört offensichtlich dazu.

Sie unterstellt durch ihr Handeln, dass Mitarbeiter im Homeoffice weniger leisten. Yahoo befindet sich in einer tiefen Krise. Auch wenn der Aktienkurs des Unternehmens seit der Ernennung von Mayer zur CEO wieder anzieht, glaube ich nicht, dass eine stärke Anwesenheitskontrolle der Mitarbeiter das richtige Rezept zur Überwindung der Krise ist.

E. Glenn Dutcher schrieb auf Harvard Business Manager Online vor wenigen Tagen ebenfalls über das Thema Heimarbeit und Yahoo. Wie sollten sich Unternehmen aus Ihrer Sicht verhalten? Diskutieren Sie mit!

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