Wenn die Lebenskrise kommt

Blog:

Von Gudrun Happich
23. Januar 2013

Krise: Was tun, wenn die Unzufriedenheit mit dem Job steigt?
Corbis

Krise: Was tun, wenn die Unzufriedenheit mit dem Job steigt?

Eine Bekannte war im Nachwuchs-Programm eines Telekommunikations-Konzerns. Als High-Potential im Vertrieb schien eine steile Karriere vorgezeichnet. Umso verblüffter reagierten die Personaler, als die 35-Jährige kündigte. Sie habe die Nase voll vom Funktionieren in der Tretmühle und wolle sich jetzt ihrer wahren Leidenschaft widmen, dem Bücherschreiben. In der Vergangenheit hatte sie bereits mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht, jetzt sollte der erste Roman entstehen. Um dies zu finanzieren, übernahm sie verschiedene Projektmanagement-Tätigkeiten.

Und wie geht es der Euphorischen von einst heute? Sie wirkt unzufrieden und ausgelaugt. Was ist schief gelaufen? Sie hat sich verkalkuliert und hat bei ihrer finanziellen Planung auf ihre in der Festanstellung erworbene Kompetenzen gesetzt. Dabei unterschätzte sie jedoch völlig die zeitlich aufwendige Netzwerkpflege und Akquise. Tatsächlich hat sie heute weniger Zeit und Muße denn je zum Schreiben. Die Geschwindigkeit ihrers persönlichen Hamsterrads hat sich eher noch erhöht.

Natürlich klingt es wunderbar, wenn jemand sein Hobby zum Beruf macht. Ich habe aber vielfach erlebt, dass der Spaß mit dem Druck des Geldverdienens verloren ging. Steig aus und Du bist glücklich - ist nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme.

So erging es auch dem Manager eines großen Fernsehsenders. Gefrustet von den langen Entscheidungswegen im Unternehmen machte er sich zunächst als Geschäftsführer einer Zuliefererfirma des Senders selbständig. Nach zehn Jahren fühlte er sich ausgebrannt, hatte keine neuen Ideen mehr. Zudem lastete die Verantwortung für die Mitarbeiter schwer auf seinen Schultern. Er ging bei seinem Ausstieg etwas anders vor als die Schriftstellerin. Er fragte sich nicht "Was will ich machen?", sondern "Wo will ich hin?".

Es zog ihn nach Berlin, wo er ein Jahr lang nichts tat und sich überaus wohl und glücklich fühlte. Allerdings hielt die Realität in Form knapper werdender finanzieller Mittel Einzug. Der 45-Jährige besann sich auf seine Erfahrung und macht heute das, was er eigentlich nicht mehr machen wollte: Als Interims-Geschäftsführer hangelt er sich von Auftrag zu Auftrag und von Konzern zu Konzern. Er hat Verantwortung, steht unter enormem Druck, fühlt sich aber genauso unfrei wie in seiner Festanstellung. Aber was hätte er in der Situation, in der das Geld bereits knapp wurde, anderes machen sollen, als auf seine Kompetenzen zu setzen?

Ausstiegsfallen

Zwei Fälle, die beispielhaft zeigen, welche Fallen beim Ausstieg lauern:

  • Blinder Aktionismus: Viele Aussteiger unterlassen es, die richtigen Fragen zu stellen, bevor sie sich einem ganz neuen Leben zuwenden. Zum Beispiel: Warum bin ich eigentlich unzufrieden, obwohl ich sehr erfolgreich bin? Welches sind meine wirklichen Talente und Leidenschaften? Welche Umfeld brauche ich, um meine volle Leistungsfähigkeit abrufen zu können?

  • Unterschätzter Aufwand: Häufig liegen Aussteiger falsch in ihrer Einschätzung, wie zeitraubend der Aufbau eines Netzwerks und des eigenen Renommees bei einem kompletten Richtungswechsel ist. Dafür verbrauchen Quereinsteiger gerade anfangs ihre meiste Energie.

  • Kurzfristige Denke: Unzufrieden mit der aktuellen Situation, sehen viele Aussteiger die Lösung in etwas komplett anderem, das möglichst emotional unbelastet ist. Sie denken den Weg aber oft nicht zu Ende - was dann in einem bösen Erwachen endet. Wenn die finanziellen Reserven knapp werden, stellen Aussteiger häufig fest, dass ihnen der gewohnte Lebensstandard doch wichtiger ist, als ursprünglich angenommen.

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Artikel
Kommentare
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C.Wohlhüter 23.01.2013

Selbständiges Denken
Ich glaube, viele von uns haben ver- oder niemals gelernt zu fragen „Was kann/will ich mit diesem Leben eigentlich?“ Selbständiges Denken wird weder in den meisten Schulen/Unis angeleitet, noch ist es erwünscht. So wird man dann im Lauf der Zeit austauschbarer, Ecken und Kanten werden abgeschliffen. Irgendwann kommt die große, diffuse Unzufriedenheit, weil das Innere irgendwie doch merkt, dass da was ganz gehörig schief läuft. Wenn man dann wieder nicht das eigene Hirn und Herz als Maßstab nimmt (das fühlt sich ja auch sehr ungewohnt an) und sich weiter am Äußeren orientiert, z.B. an einem Jobangebot, tauchen logischerweise nach kürzester Zeit die gleichen Probleme auf…

Anonymus 23.01.2013

mit diskutieren
Hallo in die Runde, ich finde den Artikel ganz hervorragend getroffen. Er pass nur zu gut in unsere Zeit. Ich arbeite in einem Unternehmen, in dem die Mitarbeiter so schnell wechseln, wie heisse Brötchen beim Bäcker die Ladentheke. Mir geht es genau so. Ich arbeite als Berater in meinem Unternehmen. Nun habe ich recht guten Erfolg. Dieser Erfolg basiert auf Fähigkeiten, die meine gleichgestellten Kollegen nicht haben, ich kann programmieren. Ich habe mir verschiedene Tabellenabfragen usw. gebaut, mit denen ich soviel Zeit einspare, dass ich kaum noch was zu tun hab. Nun frage ich mich ernsthaft, ob ich meine Fähigkeiten im Unternehmen nicht andersweitig einsetzten kann. Ich kann mir Einiges vorstellen, was uns gut voran bringen würde. Der Artikel mahnt, dennoch ist die Essenz ja nicht, nichts zu tun, sondern vielmehr nichts unüberlegtes zu tun. Ist der Autor des Artikels hier auch anwesend?

MiHiWM 23.01.2013

Wie weit reichen meine Kräfte?
Der Artikel ist wertvoll und bestätigt auch meine Erfahrungen. Der Systemforscher Wolfgang Mewes hat in seiner Strategielehre EKS die Formel ausgegeben: "Nicht springen, sondern schreiten". Es gibt Menschentypen denen das Voran-Schreiten zu langsam geht. Sie finden es spannender zu springen und landen dann oft auf dem Bauch. Wenn wachstumsbedingt ein Systemwechsel ansteht z.B. Vom Befehlsempfänger zur Führungsverantwortung oder vom Angestellten in eine Selbständigkeit ist es wie bei einem Häutungsprozess eines Reptils der der Metamorphose eines Insektes. In dieser Phase ist man besonders verletzlich und diese Phase dauert länger als gedacht. Deshalb ist sie gut vorzubereiten.

galileoinstitut 23.01.2013

Nun frage ich mich ernsthaft, ob .....
hier meldet sich die Autorin mit einem herzlichen "Hallo" in die Runde, ich freue mich über die wirklich sehr interessanten Kommentare. Gerne möchte ich auch eingehen auf den Kommentar von "Anonymus": "Nun frage ich mich ernsthaft, ob ich meine Fähigkeiten im Unternehmen nicht andersweitig einsetzten kann." - Herzlichen Glückwunsch! Genau mit dieser Art zu denken, sind Sie meiner Ansicht nach auf einem sehr erfolgreichen Weg. Was meine ich damit: ich habe bereits mehrfach die Erfahrung gemacht, das wir bei der Karriereplanung mit dem Leistungsträger zunächst genau geschaut haben: Was sind Deine Werte, Talente, Dein roter Faden, etc. - dann haben wir ein "ideales Aufgabenprofil" entwickelt mit passenden Rahmenbedingungen - übrigens ganz unabhängig davon, ob es so eine Position im Unternehmen bereits gibt oder nicht - im nächsten Schritt eine Antwort auf die Frage gefunden: Wer hat einen Nutzen davon ? - was glauben Sie, wie oft wir als Antwort gefunden haben: Das ist für das Unternehmen, in dem ich tätig bin, sehr von Vorteil? - sehr häufig konnten wir Personen/Positionen ausfindig machen, haben eine sehr individuelle Strategie entwickelt und bislang hat es bei allen Leistungsträgern funktioniert. Im Ergebnis: Karriere UND Erfüllung. Allerdings nicht mit einem 08/15 Plan, sondern mit einem sehr individuellen Vorgehen. Sowohl der Leistungsträger hat einen Vorteil davon, das brauche ich glaube ich nicht weiter zu erklären. Aber auch das Unternehmen: Denn dieser Leistungsträger ist innovativ, engagiert, bringt volle Leistung und Motivation für genau den Bereich, in dem er tätig ist. Erfolgreiche Unternehmen haben dies längst erkannt und fördern echte Leistungsträger auf diese Art und Weise. - Wäre das auch eine Idee für Sie?

hartki 24.01.2013

Wahl zwischen Pest und Cholera?
Insbesondere Großunternehmen suchen die Besten der Besten, die gefordert und gefördert werden. Und die sog. HighPotentials wollen die Herausforderung, feiern Erfolge, fühlen sich anerkannt und wertgeschätzt, zeigen noch mehr Einsatz, machen Karriere in Form von Führungs- und/oder Projektverantwortung. Allerdings werden die Positionen nach oben hin immer rarer und die Luft bekanntermaßen immer dünner. Sackgasse? Irgendwann tauchen die Fragen auf „Wofür mache ich das eigentlich?“ und „Welche Alternativen habe ich?“. Im Artikel scheint es nur die Wahl zwischen Pest und Cholera zugeben. Zumindest wenn man sich nicht rechtzeitig überlegt, welchen Preis bin ich bereit ggf. dafür zu zahlen. Allerdings ist nicht immer alles vorhersagbar, planbar. Aus Naivität, Unwissenheit, Schicksal? Egal welche Entscheidungen man im Leben trifft – es ist immer MEINE Entscheidung. Ich entscheide nicht, um die Erwartungen anderer zu erfüllen. Und schließlich sollte ich zu weiteren Veränderungen bereit sein, wenn sich die Bedingungen ändern. Denn das tun sie ständig. Wäre es nicht traurig, irgendwann nur noch auf verpasste Chancen zurück zu blicken? Nein, ich habe es wenigstens probiert und habe immer etwas daraus gelernt.

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