Wenn die Lebenskrise kommt

23. Januar 2013

2. Teil: Aufstieg als Alptraum

Viele Leistungsträger wählen auch den genau entgegengesetzten Weg. Leider hat auch der interne Aufstieg nicht das Zeug zur Pauschallösung, wie folgende Beispiele zeigen:

Bernd K. war ein hoch geschätzter Experte für besonders schwierige Projekte in einem IT-Unternehmen. Er wollte aber noch mehr, die nächste logische Karrierestufe schien eine Führungsposition zu sein. Er sollte ein Team von Troubleshootern aufbauen und scheiterte grandios. Der IT-Experte entpuppte sich als miserable Führungskraft, der knapp an der Kündigung vorbeischlitterte. Nie hatte sich dieser Mann gefragt, ob er überhaupt Führungskraft sein will und kann, sondern sich den üblichen Karrierewegen des Unternehmens untergeordnet.

Auch bei Sabine B. entpuppte sich der Aufstieg als Alptraum. Jahrelang arbeitete sie erfolgreich als Führungskraft im mittleren Management. Auch bei ihr schlich sich irgendwann die Unzufriedenheit ein, sie wollte mehr Gestaltungsspielräume. Ihr gelang der Aufstieg ins obere Management, wo sie viel reisen, interkulturell verhandeln und stark politisch agieren musste. Dies alles lag ihrer Persönlichkeit überhaupt nicht, sie hatte permanent das Gefühl sich verbiegen zu müssen.

Diese beiden Fälle veranschaulichen die Fallstricke, in die Karrieristen oft geraten.

Aufstiegsfallen

  • Wenn-Dann-Problematik: Manche Menschen kämpfen sich durch eine Karriere, die ihnen keinen Spaß macht, und motivieren sich mit der Hoffnungspille - wenn ich erst einmal ganz oben bin, dann wird alles besser. Meistens kommen sie dann lediglich auf dem Gipfel der Überforderung an.

Viele von uns kommen in ihrer Karriere an einen Punkt, wo sie unzufrieden sind. 08/15-Lösungen lassen sich zwar gut vermarkten, helfen aber in der Regel nicht weiter. Häufig schlittern wir bloß von einer Fremdbestimmung in die nächste.

Meiner Erfahrung nach können Sie Karriere und persönliche Erfüllung kombinieren, wenn Sie auf Basis der richtigen Fragen ein glasklares Job-Profil entwickeln. Dann wissen Sie, welche Kompromisse in Ordnung sind und welche nicht. In Verhandlungen sind Sie somit immer auf Augenhöhe und haben die Gestaltungsfreiheit über Ihre Karriere.

Was sind Ihre Erfahrungen mit Aus- beziehungsweise Aufstiegen? Lässt sich Karriere und persönliche Erfüllung vereinbaren? Was sind Ihre Strategien gegen Fremdbestimmung und Unzufriedenheit? Diskutieren Sie mit!

Zur Autorin
Gudrun Happich ist Executive-Coach, Buchautorin und Gründerin des Galileo . Institut für Human Excellence. Sie hat 2012 den Coaching Award für ihr Konzept erhalten, das systemisches, naturwissenschaftliches und unternehmerisches Know-how zusammenführt.

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Kommentare
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C.Wohlhüter 23.01.2013

Selbständiges Denken
Ich glaube, viele von uns haben ver- oder niemals gelernt zu fragen „Was kann/will ich mit diesem Leben eigentlich?“ Selbständiges Denken wird weder in den meisten Schulen/Unis angeleitet, noch ist es erwünscht. So wird man dann im Lauf der Zeit austauschbarer, Ecken und Kanten werden abgeschliffen. Irgendwann kommt die große, diffuse Unzufriedenheit, weil das Innere irgendwie doch merkt, dass da was ganz gehörig schief läuft. Wenn man dann wieder nicht das eigene Hirn und Herz als Maßstab nimmt (das fühlt sich ja auch sehr ungewohnt an) und sich weiter am Äußeren orientiert, z.B. an einem Jobangebot, tauchen logischerweise nach kürzester Zeit die gleichen Probleme auf…

Anonymus 23.01.2013

mit diskutieren
Hallo in die Runde, ich finde den Artikel ganz hervorragend getroffen. Er pass nur zu gut in unsere Zeit. Ich arbeite in einem Unternehmen, in dem die Mitarbeiter so schnell wechseln, wie heisse Brötchen beim Bäcker die Ladentheke. Mir geht es genau so. Ich arbeite als Berater in meinem Unternehmen. Nun habe ich recht guten Erfolg. Dieser Erfolg basiert auf Fähigkeiten, die meine gleichgestellten Kollegen nicht haben, ich kann programmieren. Ich habe mir verschiedene Tabellenabfragen usw. gebaut, mit denen ich soviel Zeit einspare, dass ich kaum noch was zu tun hab. Nun frage ich mich ernsthaft, ob ich meine Fähigkeiten im Unternehmen nicht andersweitig einsetzten kann. Ich kann mir Einiges vorstellen, was uns gut voran bringen würde. Der Artikel mahnt, dennoch ist die Essenz ja nicht, nichts zu tun, sondern vielmehr nichts unüberlegtes zu tun. Ist der Autor des Artikels hier auch anwesend?

MiHiWM 23.01.2013

Wie weit reichen meine Kräfte?
Der Artikel ist wertvoll und bestätigt auch meine Erfahrungen. Der Systemforscher Wolfgang Mewes hat in seiner Strategielehre EKS die Formel ausgegeben: "Nicht springen, sondern schreiten". Es gibt Menschentypen denen das Voran-Schreiten zu langsam geht. Sie finden es spannender zu springen und landen dann oft auf dem Bauch. Wenn wachstumsbedingt ein Systemwechsel ansteht z.B. Vom Befehlsempfänger zur Führungsverantwortung oder vom Angestellten in eine Selbständigkeit ist es wie bei einem Häutungsprozess eines Reptils der der Metamorphose eines Insektes. In dieser Phase ist man besonders verletzlich und diese Phase dauert länger als gedacht. Deshalb ist sie gut vorzubereiten.

galileoinstitut 23.01.2013

Nun frage ich mich ernsthaft, ob .....
hier meldet sich die Autorin mit einem herzlichen "Hallo" in die Runde, ich freue mich über die wirklich sehr interessanten Kommentare. Gerne möchte ich auch eingehen auf den Kommentar von "Anonymus": "Nun frage ich mich ernsthaft, ob ich meine Fähigkeiten im Unternehmen nicht andersweitig einsetzten kann." - Herzlichen Glückwunsch! Genau mit dieser Art zu denken, sind Sie meiner Ansicht nach auf einem sehr erfolgreichen Weg. Was meine ich damit: ich habe bereits mehrfach die Erfahrung gemacht, das wir bei der Karriereplanung mit dem Leistungsträger zunächst genau geschaut haben: Was sind Deine Werte, Talente, Dein roter Faden, etc. - dann haben wir ein "ideales Aufgabenprofil" entwickelt mit passenden Rahmenbedingungen - übrigens ganz unabhängig davon, ob es so eine Position im Unternehmen bereits gibt oder nicht - im nächsten Schritt eine Antwort auf die Frage gefunden: Wer hat einen Nutzen davon ? - was glauben Sie, wie oft wir als Antwort gefunden haben: Das ist für das Unternehmen, in dem ich tätig bin, sehr von Vorteil? - sehr häufig konnten wir Personen/Positionen ausfindig machen, haben eine sehr individuelle Strategie entwickelt und bislang hat es bei allen Leistungsträgern funktioniert. Im Ergebnis: Karriere UND Erfüllung. Allerdings nicht mit einem 08/15 Plan, sondern mit einem sehr individuellen Vorgehen. Sowohl der Leistungsträger hat einen Vorteil davon, das brauche ich glaube ich nicht weiter zu erklären. Aber auch das Unternehmen: Denn dieser Leistungsträger ist innovativ, engagiert, bringt volle Leistung und Motivation für genau den Bereich, in dem er tätig ist. Erfolgreiche Unternehmen haben dies längst erkannt und fördern echte Leistungsträger auf diese Art und Weise. - Wäre das auch eine Idee für Sie?

hartki 24.01.2013

Wahl zwischen Pest und Cholera?
Insbesondere Großunternehmen suchen die Besten der Besten, die gefordert und gefördert werden. Und die sog. HighPotentials wollen die Herausforderung, feiern Erfolge, fühlen sich anerkannt und wertgeschätzt, zeigen noch mehr Einsatz, machen Karriere in Form von Führungs- und/oder Projektverantwortung. Allerdings werden die Positionen nach oben hin immer rarer und die Luft bekanntermaßen immer dünner. Sackgasse? Irgendwann tauchen die Fragen auf „Wofür mache ich das eigentlich?“ und „Welche Alternativen habe ich?“. Im Artikel scheint es nur die Wahl zwischen Pest und Cholera zugeben. Zumindest wenn man sich nicht rechtzeitig überlegt, welchen Preis bin ich bereit ggf. dafür zu zahlen. Allerdings ist nicht immer alles vorhersagbar, planbar. Aus Naivität, Unwissenheit, Schicksal? Egal welche Entscheidungen man im Leben trifft – es ist immer MEINE Entscheidung. Ich entscheide nicht, um die Erwartungen anderer zu erfüllen. Und schließlich sollte ich zu weiteren Veränderungen bereit sein, wenn sich die Bedingungen ändern. Denn das tun sie ständig. Wäre es nicht traurig, irgendwann nur noch auf verpasste Chancen zurück zu blicken? Nein, ich habe es wenigstens probiert und habe immer etwas daraus gelernt.

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