Wenn Sie der nächste Steve Jobs wären...

27. Dezember 2012

3. Teil: Was wollen Sie mit Ihrer Zeit anfangen?

Ich wette folgendes: Es ist an der Zeit, den Begriff "Team" vom Kopf auf die Füße zu stellen. Es geht darum, viel tiefer zu gehen, als der Begriff "Zusammenarbeit" gemeint ist. Zu etwas, dass der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung als Synchronizität bezeichnet hat: eine unwillkürliche, nicht kausale Begegnung von scheinbar nicht verbundener Individuen. Bei meinem Erlebnis bei Kaffeine war ich mehr als bloß Kunde - ich wurde ein wenig Teil des Teams: Der Barista arbeitete nicht für mich, und servierte stumpf einen weiteren, langweiligen Standard-Kaffee. Vielmehr arbeitete er mit mir zusammen mit dem Ziel, einen Kaffee zu kreieren, der nicht nur dazu diente, mit eine Dosis Koffein zu liefern.

Das Produkt halt mir auf einer ganz und gar menschlichen Ebene: ein Mini-Kaffee der genau dem Umstand Rechnung trug, dass ich eine kleine Dosis Koffein brauchte, um mein Buch zu Ende zu schreiben - in diesem Moment waren wir synchron. Im selben Team, um es so zu formulieren. Nicht der naive Konsument im Widerspruch mit dem distanzierten (vielleicht sogar hochmütigen) Produzenten, der furchtbare Dinge im Kleingedruckten versteckt.

Lösungsorientierung

Aber die vielleicht wichtigste Erkenntnis - die oft auch bei freier Sicht verdeckt ist - ist die folgende: Institutionen, die überdauern, beschäftigen sich nicht mit den ewig gleichen Problemen. Viel zu oft werde ich Zeuge einer hitzigen Debatte über Probleme, die längst gelöst sind. Nehmen wir beispielsweise den eigenartigen Fall der Profitabilität. Kaum ein Thema wird intensiver und hitziger in den Vorstandsetagen diskutiert - aber die Wahrheit ist, dass die Profite nie höher waren, sowohl real als auch was den Anteil am Bruttosozialprodukt (der USA, Anm. der Red.) betrifft.

Profit ist also ein bereits gelöstes Problem. Wir wissen ziemlich gut, wie wir Unternehmen profitabel machen können (zumindest kurzfristig, zum Wohle der Aktieneigner, oftmals zum Nachteil von jedem und allem sonst). Ich meine damit nicht, dass Sie - der hart arbeitende und kämpfende Unternehmer - sich keinen Herausforderungen gegenübersieht. Aber ich glaube, dass Sie - mit der Hilfe einiger Bücher oder Mentoren, mit der richtigen Zahlenarbeit und einigen abgenutzten Weisheiten (zum Beispiel: Das Glück ist bei den Tüchtigen) - sie das gelobte Land, also die Gewinnzone erreichen werden.

Dies trifft sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makro-Ebene zu. Zum Beispiel wissen wir, wie ein Meeting organisiert werden muss. Aber wie Ihnen so gut wie jeder Büro-Arbeiter bestätigen wird, sind die Beispiele für gelungene Meetings rar gesät. Um ein Beispiel für die Makro-Ebene zu nennen, das sich auf die gesamte Volkswirtschaft bezieht: Sehen wir uns einmal das Problem der Produktivität an. Obwohl es ab und an hitzige Debatten um das Thema Produktivität gibt, gehört es eigentlich zu den Problemen, für die wir wie bei der Profitabilität schon eine Lösung haben. Weniger Mitarbeiter, härtere Arbeit, mehr fleißige und schnelle Roboter und voilá: Produktivität. Dies scheint das unser einziges, wenn auch manchmal völlig unzureichendes Mittel für den nationalen Wohlstand zu sein - wenn dies auch mit immer größeren Strapazen und Entbehrungen für die Mittelschicht verbunden ist.

Interessenterweise hat James sich eines bisher ungelösten Problemes angenommen. Niemand sich bisher die Mühe gemacht, mir einen für mich perfekten Kaffee anzubieten - ansonsten hätte ich vielleicht einfach auch danach gefragt. Als er meine Kaffeespezialität zusammenbraute, dachte James wohl auch nicht daran, dass er nun das Problem eines Kaffees für mich als Kunden gelöst hatte - es war ein Kaffee, für mich als Person.

Deshalb denke ich, dass die größte Herausforderung für die Problemlöser von morgen in folgendem besteht: Unternehmen und Institutionen aufzubauen, die sich nicht auf das Lösen der ewig gleichen Probleme konzentrieren, wie etwa Profitabilität, Größenvorteile, Effizienz, Produktivität und ähnlichem. Es sollten Unternehmen und Institutionen sein, die die ungelösten Probleme rund um den Globus in Angriff nehmen, beispielsweise den Klima-Wandel, Menschen zum Mars zu schicken, eine Neuordnung des globalen Finanzsystems, oder solche winzigen wie den perfekten Kaffee für Umair Haque. Und die akzeptieren, dass mit der Suche nach Lösungen schwierige, manchmal schmerzvolle, aber immer erfüllende Arbeit verbunden ist.

Diese Kompetenz kann man als "Lösungsorientierung" bezeichnen. Sie wissen natürlich, wie politische Debatten normalerweise verlaufen. In großem Maße sind es die gleichen wie schon im Jahr 1980. Das ist ein gutes Beispiel für das Gegenteil, nämlich für eine Starrheit: Institutionen hängen an den ewig gleichen (eigentlich schon gelösten) Problemen wie Kleber - anstatt sich wirklich auf das bisher Ungelöste und die ungewisse Zukunft einzulassen und mutig voranzugehen.

Natürlich, Sie haben Recht: Es mag ein wenig grotesk wirken, die Zukunft unseres Wohlstands im Milchschaum meines Kaffees sehen zu wollen. Dennoch stellt sich die Frage: "Worauf werden die Institutionen der Zukunft basieren?" Meine Antwort ist: "Auf den Ideen und der Arbeit der Pioniere von heute". Und ich gehe noch weiter: Ja, ich bin von der ketzerischen Idee überzeugt, dass auch ein kleiner Barista unseren so genannten visionären Führungspersönlichkeiten Lichtjahre voraus ist, wenn es darum geht, unsere ziemlich bescheidene Gegenwart neu zu denken. Wir erreichen kein Morgen, indem wir die Probleme von gestern lösen, immer und immer wieder. Erinnern Sie sich an Einsteins Definition von Irrsinn? "Die selben Dinge immer und immer wieder tun, und andere Ergebnisse erwarten."

Hier kommt Steve Jobs ins Spiel, der den konservativen John Sculley, damals CEO von PepsiCo einmal fragte:"Willst du dein ganzes Leben lang Limonade verkaufen - oder mit mir zusammen die Welt verändern?" Angewandt auf die Geschichte von James, dem Barista, heißt das: "Willst du dein Leben damit verbringen, die metaphorische Entsprechung der immer gleichen Cappucinos und Cafe Lattes herzustellen? Oder willst du etwas wirklich Neues aufbauen?"

Was müssen Unternehmen künftig leisten? Wie könnte eine künftige Wirtschaftswelt aussehen? Diskutieren Sie mit!

Artikel
Kommentare
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debonoo 27.12.2012

genial + notwendig + gesund
Dieser Artikel stellt so ziemlich alles in Frage, was bisher im Fokus stand. Er stellt einen Ansatz zur allgemeinen Gesundung und Humanisierung dar.. Wenn da bloß nicht der Mensch, mit all seinen Schwächen wäre...

Galgenstein 01.01.2013

Blick nach aussen richten
Wollte man die Wirtschaftswelt konsequent verändern, so müssten nicht nur die Marketingabteilung, sondern alle Mitarbeiter lernen ihre Tätigkeit als Tätigkeit im Sinne des Kunden zu verstehen. Interne Abläufe haben eine gewisse Tendenz den Mitarbeiter systematisch vom Kunde abzuschotten, so sehr dieser auch in den Predigten des Vorstands als der eigentliche Zweck des Unternehmens beschworen werden mag. Für einen Servicemitarbeiter fällt dieser Perspektivwechsel vergleichsweise einfach. Geht man in die Abteilungen, wird es schon sehr viel schwieriger. Den Gesetzen vorhandener Vorschriften Genüge zu leisten, scheint erscheint dann meist wesentlich, nicht die Wertschöpfungsschritt, den man für den Kunden vollzieht. Niemand hat Kundennutzen verinnerlicht, der den Kunden im Regen stehen lässt, wenn es darauf ankommt, dessen Bedürfnissen gerecht zu werden. Aber dieser Kunde ist es, der das Gehalt bezahlt. Der Chef sammelt es nur ein. Der eine mehr, der andere weniger. Letztlich ist jeder im Unternehmen dem Kunden und nicht der Organisation in seiner Tätigkeit verpflichtet.

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