Wenn Sie der nächste Steve Jobs wären...

27. Dezember 2012

2. Teil: "Ich würde das als Augenwischerei bezeichnen"

Kontaktfähigkeit

Durch Kaffeines Fähigkeit zur Singulariät fühle ich mich ein wenig geschmeichelt. Auch wenn wir keine wirkliche Beziehung miteinander haben - wir sind definitiv dabei, gute Gefühle füreinander zu entwickeln.

Bedenken Sie: Es gibt wohl kaum eine häufigere Beschwerde der Anzugträger, jenen Repräsentanten der derzeit nicht gerade ruhmreichen Gegenwart des Kapitalismus als die folgende: "Moment mal! Wir haben einen Twitter-Account - und trotzdem haben wir nicht wirklich eine Beziehung zu den Menschen!"

Ich weiß, Sie sagen das nicht. Denken Sie doch mal einen Moment darüber nach: Ist das wirklich überraschend? Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach Hause, und Ihr neuer Hausroboter leiert das selbe Skript herunter, dass seine Artgenossen Millionen von anderen Menschen zu selben Zeit mit exakt den gleichen Worten gesagt haben - wäre das in Ihren Augen eine Beziehung? Ich würde das als Augenwischerei bezeichnen, einsichtig für jeden, der nicht komplett auf dem Schlauch steht.

Beziehungen finden zwischen Menschen statt - nicht zwischen "Unternehmensvertretern" und Menschen, und ganz bestimmt nicht zwischen nervtötenden Zombies und Menschen. Wenn es also Beziehungen sind, auf die Sie aus sind, dann müssen Sie versuchen, Menschen mit Menschen zu verbinden - es geht dann nicht um "Inspiration" oder anderes Werbegewäsch.

Spontaneität

Welche Eigenschaft brauchte der Barista von Kaffeine, um mir dieses Angebot zu machen? Einen Kaffee nämlich, der nicht nur maßgeschneidert für mich war, sondern mein Leben ein kleines Stückchen besser machte. Mir, dem etwas seltsamen Typen, der dort in den letzten Wochen in der Ecke saß und wie wild an seinem neuen Buch arbeitete. Bedenken Sie: James bekam dafür keinen Bonus, keinen Unternehmenspreis (der sich dann als Briefbeschwerer nutzen lässt) oder Aktien-Optionen. Das sind schließlich die typischen Vorschläge von Management-Gurus, die so glauben, Arbeits-Drohnen "motivieren" zu können. Worin bestand also die Motivation von James?

Vielleicht Freude an der Leistung, oder Spaß an der Herausforderung - Anreize, die mit Geld nicht aufzuwiegen sind. Natürlich könnte er nach diesen von oben vorgegebenen Anreizen streben - und dabei nebenbei etwas vollkommen neues, für mich individuell passendes erschaffen - einfach weil er die Freiheit hatte, genau das zu tun. In den meisten standardisierten McDonalds-artigen Unternehmen ist die Idee, dass ein "geschätzes Team-Mitglied" die Freiheit hätte ohne Skript, vorgegebenen Rahmen oder Routine zu handeln, in etwa genauso so wahrscheinlich ist wie die Möglichkeit, dass Sie jetzt gerade in diesem Moment ein King Kong-Kostüm tragen.

Denken Sie einmal darüber nach: Jedes Dating-Profil im Internet schreit nach Spontaneität - nicht nur, weil das spannend ist, sondern weil vorgestanzte Antworten allenfalls ein Gähnen auslösen. Spontaneität ist das menschliche Potenzial, das sich im Moment entfaltet. Wenn Sie menschliche Potenziale entfachen wollen, dann sollten Sie Spontaneität zulassen.

Synchronizität

Ein weit verbreiteter Irrglaube im Management lautet: Lassen Sie Ihre besten Mitarbeiter gegeneinander antreten, wie Kampfhunde in einer Arena. Dann wird die wunderbare Kraft des "Wettbewerbs" ungeheure Energien freisetzen. Wer sich die Unternehmen und Institutionen dieses "Jeder-gegen-jeden"-Managements genau ansieht, wird meines Erachtens feststellen: Die ungezügelte Betonung von Aggressivität ist der direkte Weg, zum Soziopathen zu werden. Schauen Sie nur mal, was zum Beispiel im Bereich der Investment-Banken passiert.

In Anbetracht der Fakten folgt daraus der Schluß: Was die Unternehmen mit dauerhaftem Erfolg auszeichnet, ist eine Kultur von Teamwork und Zusammenarbeit - dabei sind diese Begriffe so überstrapaziert, dass es mir fast körperliches Unwohlsein bereitet, sie zu benutzen.

Artikel
Kommentare
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debonoo 27.12.2012

genial + notwendig + gesund
Dieser Artikel stellt so ziemlich alles in Frage, was bisher im Fokus stand. Er stellt einen Ansatz zur allgemeinen Gesundung und Humanisierung dar.. Wenn da bloß nicht der Mensch, mit all seinen Schwächen wäre...

Galgenstein 01.01.2013

Blick nach aussen richten
Wollte man die Wirtschaftswelt konsequent verändern, so müssten nicht nur die Marketingabteilung, sondern alle Mitarbeiter lernen ihre Tätigkeit als Tätigkeit im Sinne des Kunden zu verstehen. Interne Abläufe haben eine gewisse Tendenz den Mitarbeiter systematisch vom Kunde abzuschotten, so sehr dieser auch in den Predigten des Vorstands als der eigentliche Zweck des Unternehmens beschworen werden mag. Für einen Servicemitarbeiter fällt dieser Perspektivwechsel vergleichsweise einfach. Geht man in die Abteilungen, wird es schon sehr viel schwieriger. Den Gesetzen vorhandener Vorschriften Genüge zu leisten, scheint erscheint dann meist wesentlich, nicht die Wertschöpfungsschritt, den man für den Kunden vollzieht. Niemand hat Kundennutzen verinnerlicht, der den Kunden im Regen stehen lässt, wenn es darauf ankommt, dessen Bedürfnissen gerecht zu werden. Aber dieser Kunde ist es, der das Gehalt bezahlt. Der Chef sammelt es nur ein. Der eine mehr, der andere weniger. Letztlich ist jeder im Unternehmen dem Kunden und nicht der Organisation in seiner Tätigkeit verpflichtet.

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