Untypische Karrieren nützen Unternehmen

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Von Christian Stadler
29. November 2012

Ein kleines Gedankenexperiment: Ein Möbelkonzern sucht einen neuen Leiter für das österreichische Tochterunternehmen. Zwei Personen stehen zur Auswahl. Kandidat Nummer eins hat sich im Kerngeschäft bis zur Leitung des größten Möbelhauses in Österreich hochgearbeitet und ist jetzt für die Region Ost-Österreich verantwortlich. Kandidat Nummer zwei startete in der Logistikabteilung, wurde dann für kurze Zeit stellvertretender Leiter eines kleineren Möbelhauses und baute in den letzten Jahren den Internethandel in Deutschland mit auf. Wen würden Sie auswählen?

Qual der Wahl: Kandidat mit Erfahrung im Kerngeschäft oder Netzwerker mit guten Kontakten?
Corbis

Qual der Wahl: Kandidat mit Erfahrung im Kerngeschäft oder Netzwerker mit guten Kontakten?

In der Regel wird Kandidat Nummer 1 das Rennen machen. Es ist sozusagen der klassische Weg an die Spitze, da der Kandidat langjährige Erfahrung im Kerngeschäft aufweisen kann. Doch ist dies auch die bessere Person für diese Position? Die Kernaufgabe der Führungskraft ist neben der Leitung des operativen Geschäfts die grundsätzliche Ausrichtung des Unternehmens.

Dazu ist in einem ersten Schritt die Fähigkeit nötig, sich einen umfassenden Überblick über die bestehenden Geschäfte zu verschaffen. In einem zweiten Schritt geht es darum, Strategien für das Unternehmen zu formulieren. Schlussendlich muss die Führungskraft sicherstellen, dass diese Strategien erfolgreich umgesetzt werden.

Aber Führungskräfte bekommen meist nur gefilterte Informationen und es ist entsprechend schwer zu erkennen, wie es tatsächlich an der Front abläuft. Auch die Implementierung ist um vieles leichter, wenn Vertrauenspersonen direkt angesprochen werden können. Ohne direkte Verbindung zum operativen Geschäft, sprich der Möglichkeit die offiziellen Kanäle zu umgehen, ist es nur schwer möglich, erfolgreich zu führen.

Verfügt Kandidat Nummer 1 über die entsprechenden Netzwerke? In einer Untersuchung von 250 Millionen Emails von 30.000 Angestellten eines Technologieunternehmens zeigt Adam Kleinbaum vom Dartmouth College, dass typische Karrieren zu engen Netzwerken führen. Damit fällt die Möglichkeit weg, auf Freunde mit unterschiedlichen Informationen zurückzugreifen. Kandidat Nummer 1 hat somit ein Problem, während Kandidat Nummer 2 in dieser Hinsicht besser positioniert ist.

In der Abwägung der Merkmale "Erfahrung im Kerngeschäft" gegen "weit verzweigtes Netzwerk" setzt sich dennoch oft ersteres durch. Damit fehlen Informationen, die strategische Erneuerungen ermöglichen.

Ein Beispiel aus der Praxis: Beim Konsumgüterriesen Procter & Gamble läuft es zum Beispiel zur Zeit nicht gut. Strategische Erneuerungen wären notwendig, aber die entsprechenden Komitees sind laut Berichten des Wall Street Journal reine Plauderveranstaltungen. Mit Blick auf Adam Kleinbaums Studie ist dies nicht überraschend. CEO Robert McDonald erhält nur vorgefilterte Informationen. Er hat seine gesamte Karriere im Waschmittelbereich verbracht und verfügt somit nur eingeschränkt über persönliche Netzwerke, die direkten Zugang zu Informationen zu anderen Geschäftsbereichen ermöglichen.

Für Unternehmen ergeben sich daraus zwei wichtige Hinweise. Erstens: Personen mit untypischen Karrierewegen sind für Führungspositionen besonders geeignet. Und zweitens: Unternehmen sollten untypische Karrieren gezielter fördern.

Erfahrung im Kerngeschäft oder weit verzweigte Netzwerke? Diskutieren Sie mit!

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Kommentare
10
Unregistriert 29.11.2012

Karrieren ?
dann müsste Frauen ja geradezu prädestiniert sein um in die Führungsetagen zu gelangen wenn man(n) den "Typ 2" bevorzugen würde.

Unregistriert 29.11.2012

Zitat von Unregistriertdann müsste Frauen ja geradezu prädestiniert sein um in die Führungsetagen zu gelangen wenn man(n) den "Typ 2" bevorzugen würde.
Was soll denn das bedeuten? Was hat das jetzt speziell mit Frauen zu tun?

Unregistriert 29.11.2012

Ich hoffe...
dies kann ich später auch mal sagen. Ich starte im öffentlichen Dienst, habe meine FH-Reife nachgeholt, war in der Privatwirtschaft im Personalmanagement tätig und bin jetzt wieder im öffentlichen Dienst und absolviere gerade eine Weiterbildung zum Wirtschaftsfachwirt (IHK). Siehe mein xing.de Profil. Gruß Tobias Niethammer

Unregistriert 30.11.2012

Gegenbeispiel aus der Praxis
Amerikanischer Technologiekonzern wählt als neuen CEO einen Manager, der zuvor im Softwarebereich tätig war und der sich in der Folge vom PC-Geschäft trennen wollte. Also: Man kann das mit Sicherheit auch anders sehen, sucht man nicht einen Jobhopper für die nächsten Monate. Bis man den Neuzugang rausschmeißt oder ihm sein "Netzwerk" einen besseren Posten zukommen lässt. Was nicht heißen soll, dass das Verfahren der Papstwahl bessere Ergebnisse liefert Davor, dass sich der neue Chef, wie in Herrn Stadlers Beispiel, mit einem willfährigen Stab von Speichelleckern umgibt, schützt letztlich keine der beiden Alternativen.

Christian Stadler 30.11.2012

Zitat von UnregistriertAmerikanischer Technologiekonzern wählt als neuen CEO einen Manager, der zuvor im Softwarebereich tätig war und der sich in der Folge vom PC-Geschäft trennen wollte. Also: Man kann das mit Sicherheit auch anders sehen, sucht man nicht einen Jobhopper für die nächsten Monate. Bis man den Neuzugang rausschmeißt oder ihm sein "Netzwerk" einen besseren Posten zukommen lässt. Was nicht heißen soll, dass das Verfahren der Papstwahl bessere Ergebnisse liefert Davor, dass sich der neue Chef, wie in Herrn Stadlers Beispiel, mit einem willfährigen Stab von Speichelleckern umgibt, schützt letztlich keine der beiden Alternativen.
Vielen Dank für den Kommentar. Sie haben selbstverstaendlich recht, dass untypische Karrieren nicht notwendiger Weise zu den richtigen Entscheidungen fuehren. Was Adam Kleinbaum's Studie jedoch zeigt: 'im Durchschnitt' führen untypische Karrieren zu weit verzweigten Netzwerken, die wiederum fuer Unternehmen von Vorteil sind. Ich denke, seine beeindruckende Datenbasis überzeugt, dass es sich nicht um reinen Zufall handelt.

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