Die Demokratisierung der Architektur

Crowdsourcing:

Von Johann Füller
31. August 2012

Bürger profitieren durch Social Media, die Industrie durch "Open Innovation", die Politik durch "Open Government". Die Architektur dagegen - ganz gleich, ob es sich um private oder öffentliche Räume handelt - ist immer noch ein abgeschlossener Raum. "Open Architecture" findet kaum statt: Architekten planen, entwerfen und zeichnen nach wie vor im Geheimen. Die Branche und die Öffentlichkeit könnten erheblich profitieren, wenn sich die Architektur öffnen würde. Am Ende würde interessantere Bauwerke stehen - und eine Demokratisierung der Architektur.

Prämiert: Entwurf beim Design-Wettbewerb eines neuen Despar-Supermarkts in Südtirol.
Despar

Prämiert: Entwurf beim Design-Wettbewerb eines neuen Despar-Supermarkts in Südtirol.

Die derzeitige Praxis hat eine Reihe von Nachteilen:

- Was ist mit den Nutzern? Sollte die Öffentlichkeit nicht beteiligt werden, wenn es um die Gestaltung des öffentlichen Raumes geht? Bei Großbauprojekten findet Bürgerbeteiligung kaum statt. Das sorgt für Verärgerung und Frustration. Oftmals schaukeln sich die Konflikte hoch, bis es zum Eklat kommt.

Stuttgart 21 zeigt exemplarisch, welche Konsequenzen die mangelnde Beteiligung der Bevölkerung bei der Planung eines öffentlichen Projektes haben kann. Statt die Bürger vor dem Bau des Stuttgarter Bahnhofes zu integrieren und in einen Dialog einzubeziehen, blieb diesen nur die Alternative: Stuttgart 21 annehmen oder sich dem Protest gegen den Tiefbahnhof anschließen. Unzufriedenheit und der unerfüllte Wunsch nach Mitsprache führten zu Eskalation, Verzögerungen und zusätzlichen Kosten.

- Was sind die Anforderungen an den Bau, an die Architektur? Neben fortschrittlicher Ästhetik sind das zweifelsfrei Funktionalität und Kunst. Wer kann alleine bestimmen, was Ästhetik ausmacht? Gibt es eine allgemeingültige Vorstellung von Funktionalität? Häuslebauer sind auf die Ideen und Konzeptionen des Architekten oder die Formate von Fertighäusern angewiesen. Unbegrenzte Möglichkeiten? Meist ist das nicht der Fall.

- Der Architekt hat das alleinige Sagen - und trägt zudem noch die Verantwortung für das Projekt. Die einzelnen Projektschritte sind in höchstem Maße voneinander abhängig. Fällt einer aus, kommt es zu Verzögerungen. Es mag von Vorteil sein, wenn eine Person allein die Zügel in den Händen hält. Doch das kann dazu führen, dass bestimmte Wünsche vernachlässigt, Anforderungen gar nicht berücksichtigt werden und notwendiges Detailwissen fehlt. Das Bauwerk wird zwar dem Geschmack und den Anforderungen des Architekten entspricht. Das gilt nicht unbedingt für die späteren Nutzer.

Dennoch finden Architekturwettbewerbe heute weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Sie bieten kaum Möglichkeiten der Partizipation. Die nicht öffentliche Tagung der Jury macht es für Außenstehende nahezu unmöglich, die Entscheidungen nachzuvollziehen. Das gilt übrigens auch für die teilnehmenden Architekten.

All das müsste nicht sein. Die Beteiligung der Vielen kann wertvoll sein, wenn sie kanalisiert und gesteuert wird.

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Kommentare
1
Unregistriert 04.09.2012

Grundsätzlich eine gute und förderungswürdige Idee, doch...
Grundsätzlich ist der Vorschlag sehr zu begrüßen! Der autoritäre Gestus des Künstlerarchitekten oder sog. Fachmanns, der im öffentlichen Raum dem Bürger etwas „vor die Nase“ baut, was dieser Bürger dann jahrzehntelang ertragen muss, passt nicht zu einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft. Wettbewerbe, wie sie bis heute unter Architekten praktiziert werden, haben oft nur den Charakter einer demokratischen Inszenierung einer gewissen Scheinauswahl. Der Bürger hat dort nicht viel zu wählen. Tatsächlich urteilen in diesen Jurys vor allem Architekten über die Entwürfe von Architekten. Ich möchte auf zwei absehbare besondere Schwierigkeiten hinweisen, die auf dem Weg zu mehr Bürgerbeteiligung zu bedenken sind: 1. Architekten, die an den heutigen Hochschulen Deutschlands ausgebildet werden, repräsentieren im wesentlichen eine eigene Stilrichtung. Innerhalb dieses "Architektenstils" mag es gewisse Unterschiede geben, ja große Kontroversen zwischen den verschiedenen Architekturbüros um das Richtige und das Schöne geben. Doch bei allem Streit im Detail, wäre der Stil heutiger Architekten in die Musikwelt übertragen, mit einer Stilrichtung wie etwa „Rockmusik“ zu bezeichnen. So unterschiedlich Rockmusik in sich ist, sie ist niemals Jazz, sie ist niemals Klassik usw. Das will sagen, die heutige Ausbildung von Architekten ermöglicht in ihrer Einheitlichkeit keine wirkliche Wahl des Bürgers. Dasjenige, was viele Bürger im Bereich der Architektur heute gerne wählen würden, liegt außerhalb der Stilkompetenz von rund 99% der heutigen Architekten. Es wäre nämlich eine eher klassische Formensprache, jedenfalls keine fünfhundertste Variante von Bauhaus oder Corbusier. Der Run auf die originalen Altbauten mit Stuck und Flügeltüren in den Großstädten beweisen es. Wenn also das Publikum gerne eine Sinfonie von Shostakovich hören möchte, es stehen de facto jedoch nur fünf Schülerrockbands zur Auswahl, dann dürfte die Sache gründlich schief gehen, selbst dann, wenn eine der Band tatsächlich musikalische Versuche in Richtung Shostakovich unternehmen sollte. 2. Das Beispiel der Musik zeigt, dass es in ästhetischen Dingen ein Stilempfinden wirksam ist, dass wenig Spielraum lässt für rein sachliche Betrachtungen oder gute Kompromisse. Die Konsequenzen und Gefahren schlechter Kompromisse lassen sich am Berliner Stadtschlossprojekt besichtigen. Die eine Hälfte in 1930-Jahre-Modern, die andere in Barock. Es ist dabei absehbar, dass weder die Liebhaber moderner Architektur noch die der barocken mit diesem Ergebnis wirklich glücklich sein dürften. So wird deutlich, dass Entscheidungsprozesse im Bereich des Gestalterischen nicht in einfachen und unmittelbar demokratisch ausgehandelte Kompromisslösungen ihr glückliches Ende finden können. Es bedarf, wie in der Musik, gewisser stilistischer Vorentscheidungen, ein Abend mit Volksmusik, oder einer mit Jazz, um dazu dann die jeweils passenden Musiker oder Komponisten einzuladen. Diese Vorentscheidungen, diese Stildebatten müssten irgendwie auch in der Architektur getroffen werden können. Erst nach dieser Vorentscheidung können die Gestaltungsvorschläge mit einer gewissen Schlüssigkeit erarbeitet werden - vorausgesetzt wir haben eines Tages Architekten, die wieder alle Stile entwerfen können. Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass der öffentliche Raum unbegrenzt ist. Anders als beim Konzert oder der Museumsausstellung, die für ein spezifisches Publikum zugeschnitten sein kann, ist die gute Stadtgestalt ein gutes Ensemble von Architektur, in der es wie beim musikalischen Zusammenspiel Rücksicht zu nehmen gilt. Auch wenn gerade die moderne Architektur im 20. und 21. Jahrhundert meist sehr rücksichtslos agiert hat, so ist es doch die Rücksicht und eine gewisse Harmonie von Stadtvierteln, die sich viele Bürger heute wünschen, freilich nicht alle Bürger. Manche lieben auch das Chaos und Durcheinander zum Leidwesen der ersteren. So lautet die Frage, wie können wir die Disparität der unterschiedlichen Stile und Lebensentwürfe im naturgemäß unbegrenzten Raum so gut organisieren, dass man sich nicht gegenseitig auf die Nerven fällt? Die angedeuteten Schwierigkeiten wollen keine Einwände gegen wirkliche Bürgerbeteiligungen sein, sondern im Sinne einer besonderen Herausforderung zeigen, dass es mit einem Irgendwie oder einem bischen mehr an Bürgerbeteiligung in der Architektur nicht so leicht sein wird.

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