Der nächste große Wurf

Glück:

Von Umair Haque
25. September 2012

Eine Frage: Was wird wohl der nächste große Wurf, der alles verändert?

Drucker, die dreidimensional drucken können? Individuelle Genom-Analyse? Grüne Technologien, neuartige Energien, selbständig fahrende Autos? Die so genannte "Augmented Reality" oder Computerchips in Kleidung? Mikro-Währungen, noch gewaltigere Datenmengen oder schnellere Drohnen?

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Corbis

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Und jetzt etwas völlig anderes.

Was genau macht uns Menschen aus? In genau einem Wort bitte, wenn das geht?

Diese Frage habe ich vor einiger Zeit meinen Followern bei Twitter gestellt. Die häufigsten Antworten lauteten: Empathie, Bewusstsein, Mitgefühl und Liebe.

Nun eine Frage, die auf den Ergebnissen meines kleinen, natürlich völlig unwissenschaftlichen Experiments basiert: Haben irgendwelche der Antworten auf die erste Frage einen positiven Einfluss auf Empathie, Bewußtsein, Mitgefühl und Liebe?

Ich fürchte, die Antwort lautet "nein".

Und trotzdem gehen nur wenige von uns täglich ins Büro, in den Klassenraum, die Bank oder die Klinik und verbringen ihre Zeit mit Dingen, die für Empathie, Bewusstsein, Mitgefühl und Liebe stehen. Ich setze meine Farm, mein Haus und meine Apple-Aktien auf die folgende Behauptung: Unsere Organisationen und Unternehmen scheitern nicht deswegen, weil sie uns finanziell ruinieren; sie scheitern, weil sie uns im menschlichen Sinn in den Bankrott treiben. Sie sind für die menschliche Seele zu so etwas wie einem Gefängnis geworden. Sie scheitern daran, uns zu inspirieren. Dabei könnten wir Inspiration gut brauchen, angesichts der gewaltigen Herausforderungen unserer Zeit.

So könnte eine Organisation funktionieren, die auf Empathie ausgerichtet ist: Ich würde einen Schritt weiter gehen als bei der Fernsehserie "Undercover Boss": Jedes Jahr verbringen alle Führungskräfte der höheren Ebenen zwei Wochen in einem Waisenhaus. Zum Beispiel in einem Haus für Kinder, die Opfer von Kriegsverbrechen wurden (natürlich ohne ein Gefolge von Bediensteten und Butlern im Smoking).

Eine Organisation für Mitgefühl könnte so funktionieren: Ich würde einen Schritt weitergehen als Philantropen und die folgende Regel einführen: Sollten bestimmte soziale Probleme der Welt nicht durch die Produkte und Dienstleistungen des Unternehmens effektiv bekämpft werden, werden die Bonuszahlungen für dieses Jahr um die Hälfte gekürzt und das Geld sollte in die besagten sozialen Ziele investiert werden. Ich weiß, ganz schön unfair.

Eine Organisation, die auf Liebe ausgerichtet ist, wäre so aufgebaut: Sie mögen es nicht? Und wollen es nicht? Sie können es nicht fühlen? Hören Sie auf, daran zu arbeiten. Lieben Sie das Projekt? Bewerben Sie sich darum, entwickeln Sie es, setzen Sie es um, leben Sie es. Klingt ein bisschen verrückt, was? Nicht, wenn Sie Zappos oder Netflix sind.

Natürlich gibt es gute Argumente gegen diese Vorschläge. Das ist auch in Ordnung. Es sind lediglich kurze Notizen auf einer Serviette, die ich während einer Pause und einem schnellen Cappuccino niedergeschrieben habe. Und das ist der Punkt.

In der langen Reise des menschlichen Fortschritts gibt es ohne Zweifel noch neue Kontinente zu entdecken - vielleicht sogar ganze Galaxien. Trotzdem: Viel zu leicht können wir uns während dieser Reise in Technologie und Technik verfangen. In den Formeln und Algorithmen, der Mechanik und Methodologie, dem "Wie" und dem "Jetzt". Im Nervenkitzel im Moment der Entdeckung, dem Hochgefühl, unentdecktes Land zu sehen. Wir überblicken zwar den Horizont, scheitern aber daran, die Horizonte in uns selbst zu sehen.

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Kommentare
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mayconsult 25.09.2012

Sofort-Alles-Haben-Müssen vs. Zufriedenheit
Schon Voltaire verglich die nach Glück strebenden Menschen mit "Betrunkenen, die ihr Haus suchen im unklaren Bewusstsein, eines zu haben". Smartphone und Co. sind lediglich Werkzeuge für operative Tätigkeiten, nicht für langfristiges Glück. Für viele Menschen sind sie sogar eher Spielzeuge, die nur ablenken und zerstreuen. Sinn können diese Dinge wohl nicht vermitteln. Daher fand ich den Beitrag einmal richtig erfrischend. Ich glaube gerade im Bezug auf Glück an Einfachheit. Nur mit wenigen Dingen, die man aber lebenslang bei sich trägt und dauerhaft pflegt, kann man sein persönliches Glück erreichen. Auch wird sich die Berufswelt drastisch ändern. Ein heutiger Berufseinsteiger muss damit rechnen, bis etwa 2060 zu arbeiten. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass gut bezahlte Vollzeitarbeit tendenziell knapp wird. Das Internet schleift traditionelle Geschäftsmodelle und steigende Produktivität der Technik führt zu immer weniger Menschen im Produktionsprozess. Das führt zu ganz neuen Herausforderungen. Mich beschäftigt die Veränderung der Berufswelt schon lange. Niederschlag fand dies in einem kleinen ebook. Hier meine ganz kurze Essenz für ein erfülltes Leben, die man in seinen Rucksack selbst packen sollte: 1. Gute Kondition durch regelmäßige, manchmal anstrengende Bewegung 2. Verbesserung der geistigen Beweglichkeit durch ständiges Lernen 3. Nutzung der körpereigenen Drogen 4. Fähigkeit zur Konzentration auf den jeweiligen Schritt 5. Freude am eigenen Tun und den eigenen Fähigkeiten 6. Neugier bei der Erkundung des Wegs 7. Freundliche Mitwanderer finden 8. Immer gut auf die Mitwanderer achten 9. Auf schlechtes Wetter vorbereitet sein Michael May

kurt3152 25.09.2012

Glück: Der nächste große Wur
Dieser Artikel ist sicher sehr interessant. Ich glaube auch das der Mensch verpflichtet ist, sich und seine Umwelt weiter zu entwickeln. Wir wissen schon sehr viel über uns und unser Universum. Mich bewegt nur eine ganz einfache Frage immer wieder. Warum sind wir nicht in der Lage nur das zu entwickeln was dem Menschen ( Gattung Mensch) nutzt und nicht schadet. Damit meine ich nicht nur Technologien sonder auch den Bereich des Zusammenlebens. Warum muß der Mensch andere Menschen beherschen. Warum setzen wir die Erkenntnisse über die Hirnforschung und die Manipulation nicht für positive Denkweisen ein. Wir lassen viele Dinge zu, obwohl wir wissen das es nicht gut für die Gattung Mensch ist. Alle anderen Tierarten haben ihre Ordnung zur Erhaltung Ihrer Art. Nur der Mensch lebt nicht mit dieser Verantwortung für die Erhaltung seiner Art. Ich bin der Meinung das es eine Grundordnung geben muß, die immer die Erhaltung der Art Mensch sicherstellen muß. Kurt 3152

Giggs4784 25.09.2012

Ein schöner Artikel, frisch und z. T. inspirierend! Mir ist eben folgende Verknüpfung auf-/eingefallen: Haques Essay "Betterness: Economics for Humans" und Rusts Studie "Die Dritte Kultur im Management". Erster Versuch, der im Grunde in diesem Artikel besprochen wird, macht sich Gedanken zu einer besseren sozialen Ordnung, die qualitativ (nicht quantitativ: BIP o. ae.!) das Glück des Menschen heben soll. Zweite empirische Studie (n > 1100) vom HBM-Kolumnisten H. Rust und ehemaligen hervorragenden Professor der Leibniz-Uni zu Hannover hatte die jungen Hochschulabsolventen und Berufstaetigen in den "nuller Jahren" im Fokus: "Wie sind eure Chefs?" und "Wie sollten eure Chefs sein?" waren die Leitfragen. Die Ergebnisse lassen sich so zusammenfassen: Die heutigen Chefs, die also ihr Studium in den 70er, 80er Jahren absolvierten, werden zwar fachlich als sehr kompetent eingestuft (Haques alte Definition von Wohlstand, BIP, Smartphones, techn. Innovationen etc.). Jedoch wird ihnen von ihren "neuen Mitarbeitern", die ihren Abschluss in den letzten 15 Jahren gemacht haben, ein miserables Zeugnis ausgestellt, was die sozialen Kompetenzen, die "Menschenführungsqualitaeten" angeht: Sie sollten (idealerweise) kommunikativ sein, sind aber unkommunikativ. Sie sollten kreativ, (selbst-)kritisch, empathisch sein, sind es aber nicht. Sie sollten inspirierend und ermutigend sein, sind es aber nicht. Was hier empirisch bei Rusts Studie zum Vorschein kommt, ist m. M. n. nichts anderes als die Dichotomisierung Haques: altes Wachstum, "Glück der großen (BIP-)Zahl" vs. neues Wachstum, das qualitative Glück, menschliche Werte, soziales Kapitel etc. Als ich an der Studie von Rust mitarbeiten durfte (im BA-Studium) dachte ich: "Hmm, das ist ja wohl klar, dass die Jungen, die potenziell die Chefposten erobern wollen und werden, ihre Chefs in ein schlechtes Licht stellen, um sich selbst zu profilieren." Mich haben also die Ergebnisse nicht sonderlich überrascht; in der Psychologie nennt man dies den "overconfidence-bias"; die Überschaetzung seiner selbst bzw. die Unterschaetzung des Gegenüber. Im Zuge meines Masters aber, als ich ein Change-Projekt in einem KMU begleiten durfte, merkte ich: die Sache mit den persönlichen Werten (Inspiration, Ermutigung, Fairness, Offenheit, Vertrauen etc.), mit der Einbindung der Mitarbeiter in Veraenderungsprozesse, mit dem Ernstnehmen der Befindlichkeiten der MA ist doch nicht bei den Haaren herbeigezogen, sondern scheint mehr und mehr die Realitaeten in Organisationen widerzuspiegeln. Es scheint den offenen Chefs immer wichtiger zu sein, dass die Mitarbeiter Sinn und Wert in ihrer Arbeit erleben. Wenn ich hier bspw. diesen Artikel von Umair Haque lese, dann verfestigt sich der Glaube an eine "bessere, qualitativ höherwertige Zufriedenheit" in Zukunft. Die Menschen, so legt Rusts Studie nahe, stehen bereit: Die Selbsteinschaetzungen in den o. g. Kategorien (Offenheit, Inspiration, Ermutigung etc.) sind hoch, sehr hoch! Bleibt zu hoffen, dass sie nicht in die "Konstanzer Wanne" fallen... Ich aber glaube daran, dass daraus etwas wird!

Unregistriert 26.09.2012

Glück ?
Glücksgefühle sind ein Kompass der uns leitet. Sie werden von unserem Hirn chemisch erzeugt sobald sich eine Situation verbessert. Schmerz lässt nach, die Sonne geht auf, etc... moderne Technologien spielen bereits sehr gut auf dem Gefühlsklavier... die ungelöste Frage ist... wozu? Dieses Vakuum treibt Heerscharen von Menschen in die Hände von Sekten und Pseudoreligionen.... ob Unternehmen diese "wozu" liefern können? Es wird eher als Befreiung gesehen, dass die Firma nichtmehr das sinnstiftende Lebenszentrum ist.... nichtmehr "Leben für die Arbeit" sonder Erwerbsarbeit als Funktion zur Wohlstandsbeschaffung. Vielleicht reicht es, wenn Unternehmen besser werden in der kritischen Betrachtung Ihrer Produkte und Dienstleistungen? Wenn diese für deutlich mehr Menschen Glück als als Unglück (also Verbesserung) bringen... dann werden sie vielleicht auch ein nachhaltiger Unternehmerischer Erfolg?

drknow22 26.09.2012

...ja, wo mag das alles hinführen?....

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