Warum Werbung so oft nervt

Marketing:

Von Thomas Bergen
11. April 2012

Werbung: Unternehmen täten gut daran, ihre Kunden persönlicher anzusprechen und ihnen wirklich nützliche Informationen zu schicken
DPA

Werbung: Unternehmen täten gut daran, ihre Kunden persönlicher anzusprechen und ihnen wirklich nützliche Informationen zu schicken

"Und jetzt ein bisschen Verbraucherinformation", höre ich Fernsehmoderatoren bisweilen sagen - sie kündigen damit die Werbepause an. Das ist natürlich ironisch gemeint: "Information" als Euphemismus für etwas, was jedem halbwegs vernünftigen Zuschauer mächtig auf den Keks geht.

Mir auch. Ich kann sie nicht mehr sehen, all die Spots, Plakate, Inserate, Banners, Pop-ups, Mailings, und Zeitungsbeilagen , die mir Dinge anpreisen, die mich nicht im Geringsten interessieren und die ich nie und nimmer kaufen werde - nur schon aus Trotz, weil mir die plumpe Anmache wertvolle Zeit gestohlen hat. Das allermeiste, was mir in Sachen Werbung aufgenötigt wird, ist das Gegenteil von Information - belanglos, inhaltsleer, nervtötend.

Doch muss das wirklich so sein? Sind Werbung und Information unvereinbar?

Ich meine nicht. Erst recht nicht mehr heute. Wir leben doch im Zeitalter des gläsernden Kunden! Des Real-Time-Target-Marketings! Ich bin doch nicht länger ein anynomyer Konsument, dem Unternehmen allen möglichen Plunder an den Kopf werfen müssen, in der Hoffnung, dass er etwas davon behält!

Swiss zum Beispiel, meine Lieblingsairline, mit der ich wieder und wieder über über den Atlantik fliege: Sie weiß ganz genau, welches meine Flugziele sind. Welche Klasse ich bevorzuge. Wie oft und zu welcher Tageszeit ich reise. Wieso bombardiert sie mich mit Standard-Werbung? "Madrid ab 189 Franken!" Klingt super, nur muss ich dummerweise gerade nicht nach Madrid. Nicht heute, nicht morgen und wahrscheinlich auch nicht nächstes Jahr. Wie wär es stattdessen mit einem Angebot für Miami, wo ich beinahe monatlich bin?

Oder Zappos, der Online-Schuhändler. Habe ich meine Schuhgrösse auf der Website nicht schon längst eingegeben? (Nochmals, falls jemand von Zappos dies liest: Es ist die 44). Und hat das Unternehmen - mit seinen Millionen von Kunden - keine Daten darüber, wann ich zum letzten Mal gekauft habe, und was? Wie lange meine Sohlen durchschnittlich halten? Aber sicher doch. Warum also nicht so eine E-Mail: "Herr Bergen, Ihre braunen Oxfords dürften langsam alt aussehen - wie wär's mit einem Paar neuen?"

Das würde mich nicht nerven. Im Gegenteil, ich wäre dankbar dafür, mit ein, zwei Klicks ein Problem lösen zu können, das sich mir sowieso bald stellt. Das wäre nicht plumpe Werbung, das wäre ausgeklügelte Verbraucherinformation. Der Begriff klingt toll in meinen Ohren. Jetzt muss er nur noch ernst genommen werden.

Wie empfinden Sie Werbung? Was stört Sie, was gefällt Ihnen? Diskutieren Sie mit!

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Kommentare
8
Ernst Derlage 11.04.2012

Sollte man hier nicht grundsätzlich zwischen imagebildender “Verbraucherinformation“ und absatzfördernder “Verbraucherinformation“ unterscheiden? Aber ja, ich stimme voll und ganz zu. An jeder erdenklichen Ecke werden Daten erhoben. Doch richtig genutzt werden diese anscheinend nur von Amazon.

hdudeck 11.04.2012

Der Autor hat
den Sinn von Werbung nicht verstanden. Werbung soll nicht das Leben des Kunden angenehmer machen, was etwa dem vom Autoren dargestellten Schuhbeispiel entspraeche. Zudem muesste er schon Kunde des Unternehmens sein, so das zielgerichtet geworben werden kann. Vielmehr soll es eine Nachfrage fuer ein nicht oder nur unterschwellig vorhandenes Beduerfniss wecken, das dann in Nachfrage umgesetzt wird. Ausserdem ist zielgerichtete Werbung teurer als die Breitenwerbung. Schliesslich muessen die Kriteria erstellt und in Programme umgesetzt werden.

bb-LE 11.04.2012

Werbung - wieso überhaupt
Ich bevorzuge gar keine Werbung - auch keine individualisierte. Ich kaufe nach Möglichkeit anonym ein und melde alle Neuigkeiteninformationen ab. Das was heute als Werbung verteilt wird ist eher belästigend. Aber ich möchte auch keine individualisierte Werbung. Das heißt doch im Umkehrschluss, dass meine Interessen auswertbar sind. Individualisierte Werbung a la google, amazon und co bedeuten doch auch Beeinflussung. Man erhält nur das, was die Diensteanbieter einem zur Verfügung stellen wollen. Es wird nur das beworben, für das die Anbieter auch reichlich gesponsort werden. Ich möchte aber auch abseits des Hauptweges in Seitenstraßen abbiegen, Umwege gehen und Dinge entdecken, die nicht alltäglich sind. Die vermeintlichen Verbesserungen bei Werbung und Suchdiensten und Plattformen führen doch eher zu einer Beeinflussung und damit Verarmung des Geistes.

Business Navigatoren 12.04.2012

Warum Werbung so oft nervt
Die Herausforderung ist doch immer die selbe. Die Systeme, die in den Unternehmen implementiert wurden sind nicht in der Lage das abzubilden. Wenn das System dies mal leisten kann, dann muss sich jemand für jedes Produkt überlegen, was genau wann an den Kunden geschickt wird. Das erfordert Ressourcen und man würde das dann tatsächlich als CRM bezeichnen. Wenn aber die jeweilige Zielgruppe zu klein ist, um den Aufwand zu rechtfertigen, wird man noch weiter auf diesen Service warten müssen. Ich würde mich freuen, so etwas einmal zu erleben, aber in der Umsetzung habe ich das bisher bei noch keinem Unternehmen gesehen.

r_vdannen 15.04.2012

Dafür ist es längst zu spät

Zitat von fsadminWir werden laufend mit Werbebotschaften bombardiert. Doch nur selten überzeugt eine Marketingkampagne. Dabei könnte Werbung den Kunden sogar helfen, wenn die Unternehmen nur überlegter vorgingen. http://www.harvardbusinessmanager.de/meinungen/artikel/a-826002.html
Werbung nervt nicht oft, sondern nur noch! Das würde m.E. nichts bringen, ginge in der Werbeflut unter. Es wird sich nicht jedes Unternehmen abstimmen können, geschweige denn wollen. Es handelt sich nicht nur um Werbekampagnen von Unternehmen, bei denen man zufälligerweise und gerne regelmäßig Kunde ist. Sondern die störende Werbeflut hat Dimensionen erreicht, so dass man aufgrund der Menge nicht mehr die Aufmerksamkeit entwickeln könnte. Kaum jemand sortiert solche Stapel durch, nur wenige hören zu. Wer kann, wechselt zu werbefreien TV und manche kündigen sogar bspw. ihr Festnetz, um nicht weiter durch Call-Center belästigst zu werden, am Arbeitsplatz sind die Mitarbeiter instruiert, etc.. Die Filter der Wahrnehmung sind trainiert, die Konsumenten wehren und wappnen sich dagegen. Was dann noch durchsickert, wird verstärkt als reine Belästigung wahrgenommen, schon alleine deshalb, weil man trotz aller Maßnahmen nicht entkommen konnte. Der Faktor "Bedarf erwecken" hat sich abgeschliffen, auch und mit dem Informationszeitalter. Entsteht ein Bedarf aus dem Alltäglichen heraus, beginnt man damit, sich zu informieren und zu vergleichen. Als Einstieg wird verstärkt genutzt, Testseiten mit Erfahrungsberichten und die altbewährte Mundpropaganda. Selbst bei gezielter Informationssuche wird man erschlagen, mit Fremdeinflüssen belästigt. Nimmt der Verbraucher das derart wahr, zieht er sich bis auf die Erfahrungsberichte seines Umfeldes zurück. Es mag ihn ja noch geben, den Kunden, bei dem man "Bedarf erwecken" kann, doch die Gruppe dürfte massiv geschrumpft sein, höre ich mich so um. Werbung hat sich m.E. durch das Breitenbombardement selbst ausgeschaltet, ist zum reinen Selbstzweck mutiert. Sie nervt nur noch, stiehlt Zeit und Ressourcen, füllt die Tonnen. Sonst macht sie nichts mehr, zumindest nicht bei der "Zielgruppe". Daran würde auch eine detailliertere Analyse des gläsernen Kunde nichts ändern (wird stellenweise sicherlich längst gemacht und geht bereits unter). Vermute sogar eher das Gegenteil, denn der Kunde soll konsumieren, was er sonst nicht freiwillig konsumieren möchte. Das, was der Kunde als seinen Bedarf selbst deklariert, soll er möglichst zum Normal- und nicht zum Dauer-Angebotspreis bezahlen. So wird das nichts mit dem Swiss-Miami-Schnäppchen. Der Autor konsumiert den Flug bei der Swiss nach Miami, weil er fliegen muss und mit seiner Lieblingsairline fliegen möchte. Zur Lieblingsairline wurde sie sicherlich nicht aufgrund guter Werbekampagnen, sondern wegen seiner persönlichen Erfahrungen. Den Rest erledigen die Preisroboter ...

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