Vorsicht vor Scheinexperten

Blog:

Von Hanne Seelmann-Holzmann
30. März 2012

Vor kurzem habe ich mit dem Asienexperten einer europäischen Firma in einem chinesischen Restaurant zu Abend gegessen. Er war als Expatriate fünf Jahre in Singapur, bereiste als Vertriebsmann von dort aus viele asiatische Länder. In seiner Firma gilt er als Asienexperte. Und auch ich hielt ihn für einen Fachmann und freute mich auf unseren Austausch. Doch während des Essens hatte ich Mühe, meine Verwunderung zu verbergen: Mein Gesprächspartner spießte seine Stäbchen in den Reis.

Asien-Experten: Skepsis ist angebracht
Corbis

Asien-Experten: Skepsis ist angebracht

Dies ist einer der größten Faux-pax in Asien, denn dort erinnert ein solche Geste an Tod und Friedhof. Die Menschen dort stellen den verstorbenen Angehörigen Schalen mit Reis auf die Gräber und stecken Stäbchen hinein.

Ich fragte mich: Warum hat mein Gesprächspartner während seines fünfjährigen Aufenthalts in Asien davon nichts mitbekommen? Hat er sich dort auch so verhalten? Dass er nicht auf diesen Fehler aufmerksam gemacht wurde, kann ich verstehen. Denn in Asien will niemand, dass jemand sein Gesicht verliert. Auf ein falsches Verhalten hinzuweisen, gilt als eine der größten Beleidigungen.

Verhalten mit Nebenwirkungen

Ich kann diese Erfahrung nun abspeichern unter "mangelnde Etikette", die wahrscheinlich kein Geschäft ernsthaft gefährdet. Doch ein solches Verhalten kann auch Indikator eines größeren Problems sein und die Frage aufwerfen, ob sich ein Auslandsentsandter tatsächlich immer auf das Land und dessen kulturelle Wurzeln, Werte und Denkweisen einlässt. Findet diese Reflexion statt, so gewinnt er damit wichtige Erkenntnisse, die im Geschäftsalltag die beste Voraussetzung für Erfolg sind.

Fehlt diese Reflexion, hält ein Manager an seinen westlichen Verhaltensmustern selbstverständlich auch in anderen kulturellen Räumen fest, so wird sich dies schnell geschäftsschädigend auswirken. Und noch schlimmer: der vermeintliche Experte, der in die Zentrale nach Europa zurückkehrt, verbreitet seine Fehleinschätzungen, Stereotype und Vorurteile oft noch unter den Kollegen, wenn er diese auf die Arbeit in Asien vorbereitet. Ich bezeichne dieses Phänomen mit "The Blind Leading the Blind" ("Blinde führen Blinde").

Seite
1
2
Artikel
Kommentare
2
Sam M. 30.03.2012

Stimmt genau!
das Mfctzchen ist sehr sfcdf und die Aktion finde ich auch sehr gut Viel Spass heute bei eurem "Rummel", da wird sicher viel los sein ;O)liebe GrfcdfeBrigitte

Unregistriert 17.04.2012

Expertenchinesisch
Sie lernen aber eigenartige China-Experten kennen, Frau Seelmann-Holzmann ;-) Ganz ehrlich, wer einen China/Asien-Experten sucht, der findet ihn auch...aber leider gibt es ihn eben nicht (Old China Hands, die gibt es). Natürlich muss über das beliebte Schlagwort "Auslandserfahrung" hinaus die relevante Fachkenntnis hinterfragt werden wie bei jedem Kandidaten auch; ist das nicht selbstverständlich? China is gross und die Bandbreite der Erfahrungen noch grösser. Was mir weitaus mehr Sorge bereitet als die naive Suche - und Anstellung - DES China-Experten für ein Unternehmen ist die ebenso häufige Geschichte dass die deutsche Seite, wenn sie denn schon einmal das Glück hat, von einem wirklichen Könner und Kenner in China repräsentiert zu werden, nicht zuhört, nicht verstehen möchte, dass hier die Dinge eben anders laufen. Das ist das wirklich frustrierende Szenario: wenn einem China-Kenner die Expertise abgesprochen wird, die man sich doch erwünscht hatte und die gebraucht würde, indem darauf gepocht wird, dass alles exakt wie daheim gemacht wird. Viel Zeit geht darauf verloren, sich (bzw. das Land) ständig erklären zu müssen. Übrigens bestellten wir neulich in einer taiwanesischen Restaurantkette auf dem Mainland Abendessen mit Reis dazu. Als der Reis ankam, flippte mein taiwanesischer Bekannter fast aus: er wurde mit den Stäbchen vertikal hineingesteckt UND dazu noch über den Rand hinaus gehäuft serviert. Also, der Fehler wird auch von den Ur-Chinesen gemacht ;-) Wir Ausländer, die schon lange in China leben, sind in der Hinsicht mittlerweile fast empfindlicher als unsere "modernen" chinesischen Freunde oder Geschäftsbekannten; ich bin immer diejenige, die zu aller Vergnügen mit allen Mitteln verhindert, dass der Fisch umgedreht wird...ich bin immer noch felsenfest davon überzeugt, dass sonst irgendwo in der Bohai Bucht ein kleines Fischerboot umkippt ;-)) Also an diesem Stäbchen-Friedhofs-Fauxpas würde ich es nicht unbedingt festmachen, aber selbstverständlich muss mit dem Titel "China-Experte" kritisch umgegangen werden, unabhängig von der Dauer des Aufenthalts im Land und der Anzahl der Fernsehinterviews die als "China-Experte" im Untertitel gegeben wurden. Wie Sie bereits treffend bemerkten, mit welcher Art von Experten man es zu tun hat ermittelt sich sehr schnell im persönlichen Gespräch. Selbst China-Experten - jeder aus seiner eigenen Warte - diskutieren diese Thematik regelmässig und lebhaft, oft natürlich erhitzt, unter sich. Als China-Expertin im Bereich "Überleben im Strassenverkehr" finde ich es ein spannendes und wichtiges Thema also danke, dass Sie es angesprochen haben! Jenny S. im Reich der Mitte

Diskussionsregeln

Wir freuen uns über lebendige, konstruktive und inspirierende Diskussionen auf HBM Online. Um die Qualität der Debattenbeiträge sicherzustellen, werden unsere Moderatoren jeden Beitrag prüfen. Eine Nutzung der Kommentarfunktion zu kommerziellen Zwecken ist nicht erlaubt. Beiträge mit vorwiegend werblichem, strafbarem, beleidigendem oder anderweitig inakzeptablem Inhalt werden von unseren Moderatoren gelöscht.

© Harvard Business Manager 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
ANZEIGE
Folgt uns auf Facebook
Nach oben