Mythos Experte

Entscheiden:

Von Andrew McAfee
29. Februar 2012

Ich habe eine Menge gelernt, als ich "Thinking Fast and Slow" von Daniel Kahneman gelesen habe. Kahneman ist der weltweit führende Experte auf dem Gebiet des menschlichen Urteilsvermögens und der Entscheidungsfindung. Als einer der ganz wenigen Nicht-Ökonomen hat er den Nobelpreis in Ökonomie gewonnen (von der Ausbildung her ist er Psychologe). Seine Ansichten und Schlussfolgerungen sind also sehr ernst zu nehmen. In seinem Buch stellt er seine Sicht vor und erklärte sie den Laien. Lesen Sie es, und Sie werden die Welt mit anderen Augen sehen. Und es wird Ihnen und der Welt gut tun.

Mythos Experte
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Mythos Experte

Besonders interessant ist der folgende Punkt: Wir alle täten gut daran, die intuitiven Urteile so genannter "Experten" weniger Ernst zu nehmen. Damit meine ich Menschen, die typischerweise in ihrem Feld oder in der Hierarchie ihrer Organisation durch eine Kombination von Faktoren wie Bildung, Erfahrung, Beschäftigungsdauer, Erfolg in der Vergangenheit und Tatkraft bis an die Spitze gekommen sind. Die Geschäftswelt ist natürlich voller Experten. Es gibt Finanz-Analysten, Produkt-Entwickler, Chefs von Geschäftsbereichen, die Mitarbeiter rekrutieren und Teams zusammenstellen, Marketingleiter sowie eine unüberschaubare Zahl von Beratern, Experten und Gurus.

Den Ansichten dieser Experten (besser: deren Intuition) sollten Sie mit größter Skepsis begegnen - ob eine Aktie steigen wird, wie eine neue Werbekampagne laufen oder das Kräftemessen zweier Unternehmen ausgehen wird, welche Produkte sich im Markt durchsetzen werden, wer eingestellt oder befördert werden sollte und so weiter. Am besten kümmern Sie sich gar nicht darum.

Gefahr der Selbstüberschätzung

Vor allem deshalb, weil Experten zu Selbstüberschätzung neigen, inkonsistent und Opfer einer ganzen Reihe gut dokumentierter Verzerrungen ihrer Wahrnehmung sind. Die meisten dieser Fehlerquellen sind den Experten selbst gar nicht bewusst. Darüber hinaus wagen sie in vielen Fällen selbstbewusst Prognosen in Feldern, in denen genaue Vorhersagen gar nicht möglich sind. Wenn jemand versucht Ihnen zu erklären, wo genau der Gold-Preis in sechs Monaten liegen wird, oder wer im Jahr 2020 die High-Tech-Industrie dominieren wird, nehmen Sie so schnell es geht Reißaus.

Kahneman erklärt alle diese unbequemen Wahrheiten in seinem Buch mit vielen Details, die sich nur schwer ignorieren lassen. Ich selbst habe ein wenig über diese Problematik geschrieben (zum Beispiel hier oder hier).

Die meisten Menschen lehnen diese Fakten leider ab, statt sie zu akzeptieren und danach zu handeln. Oder sie erkennen die Grenzen von Experten an, aber verweisen darauf, dass es keine guten Alternativen gibt.

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Schröder-hc-Consult 29.02.2012

Die Mischung machts
Ohne das Buch zu kennen (und dieser Artikel hat soviel Lust auf das Buch gemacht, das ich es lesen werde) sind meine Erfahrungen als "Experte", dass eine eingehende Analyse der Situation der Startpunkt ist. Da bin ich völlig bei Ihnen. In der täglichen Praxis habe ich nur öfter den Eindruck, dass aufgrund der Komplexität der Situation viele Manager so verunsichert sind, dass sie gar nicht, oder zu spät entscheiden. Es kommt aus meiner Sicht immer auf die Ausgewogenheit des Mitteleinsatzes an. Der Aufwand zur Erstellung eines analytischen Verfahrens, das mit seiner Messung gut verwertbare Ergebnisse bringt, muss in in ausgewogenem Verhältnis zum Nutzen, d.h. zur Verwertbarkeit seiner Ergebnisse stehen. Sind die Unternehmen wirklich in der Lage ein aussagefähiges Messverfahren für viele Fragestellungen zu erstellen? Ich behaupte nein. Die Konsequenz wäre das Einschalten eines weiteren "Experten"... Darüber hinaus steht manchmal Zeitdruck u.ä. einer ausgedehnten Analyse im Wege. Ich kenne und nutze einige Testverfahren zur Persönlichkeitsbeschreibung. Auch ich bin fest von der Korrelation einer extrovertierten Persönlichkeit mit dem Erfolg als Verkäufer überzeugt. Ob dieser Verkäufer dann performt, hängt dann wieder von vielen weiteren Parametern seines Systems ab, das ihm Regeln u.ä. vorgibt, ab. Selbst ein makelloser CV mit nachweisslich beeindruckenden Verkaufserfolgen wäre dahingehend zu hinterfragen. Kann ein laut Testverfahren offensichtlich geeigneter Kandidat unter den vorgegebenen Bedingungen des potenziellen künftigen Arbeitgebers ähnliche Leistung zeigen? Insofern kann ein solches Messverfahren nur eine Ergänzung sein für eine Entscheidung, die letztendlich doch auf dem Bauchgefühl und der Intuition beruht. Malcom Gladwell vertritt in einigen Punkten die Gegenposition zu diesem Artikel und beschreibt in seinem Buch "Blink" anhand eindrucksvoller Beispiele den Nutzen der oft unterschätzten und unterdrückten Intuition. In den vergangenen Jahren habe ich Fehlentscheidungen erleben dürfen, die z.T. auf Basis solider Analyse, als auch aus dem Bauch heraus getroffen wurden. Gleiches gilt auch für Entscheidungen, die zu sehr positiven Ergebnissen geführt haben. Insofern gibt auch eine fundierte Analyse keine absolute Sicherheit. In der gesunden Mischung liegt Kraft.

mayconsult 29.02.2012

Fuzzy Logic
Aus meiner Sicht gibt es zwei Betrachtungsweisen: 1. Ich möchte mich bsw. nur vom einem Spezialisten (also Experte) etwa für Herzoperationen operieren lassen, der schon viele OP's erfolgreich bestanden hat. Hier hat Expertentum, ebenso wie z.b. bei einem auf Umsatzsteuerrecht spezialisierten WP seine Berechtigung. 2. Dem Autor geht es aber wohl um die täglich zu sehende oder hörende Kakophonie von "Expertenmeinungen" zu allen möglichen Themen. Da hat er sicher recht. Zum einen widersprechen sich diese Experten oftmals ganz direkt ("Gold verkaufen"/"Gold kaufen"). Auch haben viele dieser "Experten" oft eigene, versteckte Motive und wollen Meinung bewusst bilden. Weiterhin muss ein Experte zur Beurteilung komplexer Sachverhalte über Fachwissen, aber auch ein breites generelles Wissen (Generalist) verfügen. Nicht zuletzt gilt es, widersprüchliche oder fragmentarische Informationen unterschiedlichster Gebiete (Betriebswirtschaft/Soziologie/Psychologie etc) sinnvoll zu verknüpfen, um zu einem Ergebnis zu gelangen. Ob dieses Ergebnis "wahr" ist oder nicht zeigt erst die Zukunft. Beim Thema "Euro" prallen derzeit unterschiedlichste Meinungen aufeinander, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Fakt ist, man muss sich eine eigene Meinung bilden, wenn man in die Lage kommen will zu handeln. Ohne Meinung wäre man gelähmt. Die Erfahrung zeigt, dass Herdenmeinungen oft fatal sind und eigenes Denken unbedingt angebracht ist. Wenn man dann eine Entscheidung trifft, so scheint diese zwar rational zu sein, ist aber letztlich emotional dominiert (Welche Argumente haben mir -gefallen-?). Habe ich bei dieser Entscheidung ein gutes Gefühl, dann ist es die Richtige für mich. Unser Leben wird von Gefühlen aller Art (Zuneigungen/Abneigungen/Suche nach Anerkennung etc.) bestimmt: Warum sollten Entscheidungen dann rational sein? Daher sind Prognosen oft nicht mehr als Spökenkiekerei.

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