Mythos Experte

29. Februar 2012

2. Teil: Wie sich Experten schlagen lassen

Glauben Sie das nicht! Eine ganze Reihe sehr guter Studien (angefangen von Wissenschaftlern wie Paul Meehl, Professor für Psychologie an der University of Minnesota und Robyn Daves, Psychologie-Professor an der Carnegie Mellon University) zeigt, wie leicht sich so genannte Experten schlagen lassen. Zumindest bei den Situationen, in denen genaue Prognosen überhaupt möglich sind (also nicht an der Börse, oder was die Zukunft der High-Tech-Industrie in acht Jahren betrifft). Sie müssen einfach nur ein paar messbare Dinge finden, die mit dem zusammenhängen, was sie interessiert. Ein Beispiel: Eine extrovertierte Persönlichkeit korreliert mit dem Erfolg als Verkäufer. Messen Sie diese Parameter objektiv und nutzen Sie sie, um einen Gesamtwert zu erhalten. Machen Sie sich keine zu großen Sorgen, wie Sie die Werte gewichten, wenn Sie das Ergebnis ermitteln; gleiche Gewichtung funktioniert wirklich gut (eine Erkenntnis, die mich überrascht, wenn ich an die ganzen Statistik-Kurse denke, die ich besucht habe).

Natürlich können anspruchsvollere Techniken die Qualität der Vorhersagen steigern. In unserer Zeit der großen Datenmengen können wir immer mehr Dinge leicht messen. Zum Beispiel gab es eine Zeit, als es schwer war, die Stimme des Kunden überhaupt wahrzunehmen. Nun hallt diese Stimme durch das gesamte Internet. Deshalb gibt es immer weniger Gründe, sich auf das Urteil von Experten zu verlassen. In der Geschäftswelt sollten wir gnadenlos verdammen, auf Basis von Intuition und Bauchgefühl zu entscheiden - so wie die Spanische Inquisition vermeintliche Ketzer verfolgt hat (und wir haben natürlich viel bessere Gründe dafür).

Die wichtigsten Methoden, um dieses Ziel zu erreichen, werden natürlich nicht Folter und Ketzerverbrennung sein. Vielmehr brauchen wir klares Denken und Wettbewerb. Das Buch von Kahneman ist ein bewundernswertes Beispiel für dieses klare Denken. Intelligente Manager werden es lesen und ihre Unternehmen schnell anpassen. Sie werden stark davon profitieren. Ihren Konkurrenten wird nur übrigbleiben, sich anzupassen oder aus dem Markt auszuscheiden. Nicht sofort, nicht schnell genug, aber unweigerlich.

Welche Erfahrungen haben sie mit den Prognosen von Experten gemacht? Für wie wichtig halten Sie Intuition und Bauchgefühl? Diskutieren Sie mit!

Der Autor

Andrew McAfee ist Principal Research Scientist am Center for Digital Business des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA. Er ist erfolgreicher Buchautor und Blogger und hat den Begriff des Enterprise 2.0 geprägt, mit dem er Unternehmen meint, die intensiv die Möglichkeiten des Web 2.0 nutzen.

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Schröder-hc-Consult 29.02.2012

Die Mischung machts
Ohne das Buch zu kennen (und dieser Artikel hat soviel Lust auf das Buch gemacht, das ich es lesen werde) sind meine Erfahrungen als "Experte", dass eine eingehende Analyse der Situation der Startpunkt ist. Da bin ich völlig bei Ihnen. In der täglichen Praxis habe ich nur öfter den Eindruck, dass aufgrund der Komplexität der Situation viele Manager so verunsichert sind, dass sie gar nicht, oder zu spät entscheiden. Es kommt aus meiner Sicht immer auf die Ausgewogenheit des Mitteleinsatzes an. Der Aufwand zur Erstellung eines analytischen Verfahrens, das mit seiner Messung gut verwertbare Ergebnisse bringt, muss in in ausgewogenem Verhältnis zum Nutzen, d.h. zur Verwertbarkeit seiner Ergebnisse stehen. Sind die Unternehmen wirklich in der Lage ein aussagefähiges Messverfahren für viele Fragestellungen zu erstellen? Ich behaupte nein. Die Konsequenz wäre das Einschalten eines weiteren "Experten"... Darüber hinaus steht manchmal Zeitdruck u.ä. einer ausgedehnten Analyse im Wege. Ich kenne und nutze einige Testverfahren zur Persönlichkeitsbeschreibung. Auch ich bin fest von der Korrelation einer extrovertierten Persönlichkeit mit dem Erfolg als Verkäufer überzeugt. Ob dieser Verkäufer dann performt, hängt dann wieder von vielen weiteren Parametern seines Systems ab, das ihm Regeln u.ä. vorgibt, ab. Selbst ein makelloser CV mit nachweisslich beeindruckenden Verkaufserfolgen wäre dahingehend zu hinterfragen. Kann ein laut Testverfahren offensichtlich geeigneter Kandidat unter den vorgegebenen Bedingungen des potenziellen künftigen Arbeitgebers ähnliche Leistung zeigen? Insofern kann ein solches Messverfahren nur eine Ergänzung sein für eine Entscheidung, die letztendlich doch auf dem Bauchgefühl und der Intuition beruht. Malcom Gladwell vertritt in einigen Punkten die Gegenposition zu diesem Artikel und beschreibt in seinem Buch "Blink" anhand eindrucksvoller Beispiele den Nutzen der oft unterschätzten und unterdrückten Intuition. In den vergangenen Jahren habe ich Fehlentscheidungen erleben dürfen, die z.T. auf Basis solider Analyse, als auch aus dem Bauch heraus getroffen wurden. Gleiches gilt auch für Entscheidungen, die zu sehr positiven Ergebnissen geführt haben. Insofern gibt auch eine fundierte Analyse keine absolute Sicherheit. In der gesunden Mischung liegt Kraft.

mayconsult 29.02.2012

Fuzzy Logic
Aus meiner Sicht gibt es zwei Betrachtungsweisen: 1. Ich möchte mich bsw. nur vom einem Spezialisten (also Experte) etwa für Herzoperationen operieren lassen, der schon viele OP's erfolgreich bestanden hat. Hier hat Expertentum, ebenso wie z.b. bei einem auf Umsatzsteuerrecht spezialisierten WP seine Berechtigung. 2. Dem Autor geht es aber wohl um die täglich zu sehende oder hörende Kakophonie von "Expertenmeinungen" zu allen möglichen Themen. Da hat er sicher recht. Zum einen widersprechen sich diese Experten oftmals ganz direkt ("Gold verkaufen"/"Gold kaufen"). Auch haben viele dieser "Experten" oft eigene, versteckte Motive und wollen Meinung bewusst bilden. Weiterhin muss ein Experte zur Beurteilung komplexer Sachverhalte über Fachwissen, aber auch ein breites generelles Wissen (Generalist) verfügen. Nicht zuletzt gilt es, widersprüchliche oder fragmentarische Informationen unterschiedlichster Gebiete (Betriebswirtschaft/Soziologie/Psychologie etc) sinnvoll zu verknüpfen, um zu einem Ergebnis zu gelangen. Ob dieses Ergebnis "wahr" ist oder nicht zeigt erst die Zukunft. Beim Thema "Euro" prallen derzeit unterschiedlichste Meinungen aufeinander, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Fakt ist, man muss sich eine eigene Meinung bilden, wenn man in die Lage kommen will zu handeln. Ohne Meinung wäre man gelähmt. Die Erfahrung zeigt, dass Herdenmeinungen oft fatal sind und eigenes Denken unbedingt angebracht ist. Wenn man dann eine Entscheidung trifft, so scheint diese zwar rational zu sein, ist aber letztlich emotional dominiert (Welche Argumente haben mir -gefallen-?). Habe ich bei dieser Entscheidung ein gutes Gefühl, dann ist es die Richtige für mich. Unser Leben wird von Gefühlen aller Art (Zuneigungen/Abneigungen/Suche nach Anerkennung etc.) bestimmt: Warum sollten Entscheidungen dann rational sein? Daher sind Prognosen oft nicht mehr als Spökenkiekerei.

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