Wenn der Kollege zum Feind wird

23. Februar 2012
Probleme mit Kollegen: Die richtigen Techniken können helfen.
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Probleme mit Kollegen: Die richtigen Techniken können helfen.

4. Teil: Fallstudien

Fallstudie 1: Der anstrengende Finanzchef

Bruno West, ein Topmanager im Technologie-Bereich, war verantwortlich für ein Integrations-Team nach einer Fusion. In dieser Gruppe waren Mitarbeiter der beiden früheren Unternehmen vertreten. "Es war ein brisantes Umfeld mit sehr ambitionierten Zeitplänen und scheinbar endlosen Arbeitstagen", sagt Bruno. Harry, der Leiter der Finanzabteilung eines der Unternehmen, war ein besonders anstrengender Zeitgenosse. Sein Stil war verletzend, er sprach in einem abschätzigen Ton und hielt sogar entscheidende Informationen vor Bruno und anderen zurück. Bruno war von Harry frustriert, aber versuchte seine Abneigung für sich zu behalten. "Ich frage mich immer: Kann ich die Person wirklich nicht leiden, oder bringt ihre Erfahrung und Hintergrund sie nur dazu, die Dinge anders anzugehen als ich?" Egal ob Bruno Harry mochte oder nicht: Er wusste, dass er Harrys Mitarbeit benötigte, um erfolgreich zu sein. Er entschied sich, mehr Zeit mit Harrys Kollegen aus dessen Firma zu verbringen, um besser zu verstehen, warum sich Harry so verhielt. Sie sprachen mit Hochachtung von seiner Erfahrung und seiner langen Zeit im Unternehmen. Bruno verabredete sich dann mit Harry zum Essen und ließ ihn sich abreagieren. "Er formulierte viele Bedenken und war recht abschätzig," sagte Bruno. Dann fragte er Harry nach einigen Projekten, von denen Bruno von Harrys Kollegen gehört hatte. "Er sprach mit Stolz vom Teamgeist, von langen Abenden der Zusammenarbeit, gemeinsam erarbeiteten Leistungen und Erfolgen." Nach dem Ende des Essens fühlte Bruno, dass er Harry nun besser kannte und seine Entwicklung verstand.

Dann begann Bruno langsam damit, die Geschichten von vergangenen Projekten während der Teambesprechungen zu erwähnen und gab Harry die Gelegenheit zu erklären, was sie seiner Meinung nach aus diesen Erfahrungen lernen konnten. "Diese Eigendynamik war positiv. Er wollte von den anderen im neuen Unternehmen Anerkennung für die Leistungen der Vergangenheit. Vor der Fusion wusste jeder über seinen Wert bescheid. Nun glaubte er, dass er wieder bei Null anfangen müsste", sagte Bruno. Harry war sehr viel kooperativer, wenn andere ihn nach seiner Meinung fragten und seine Expertise anerkannten. Für Bruno war es nun viel einfacher, mit ihm zusammenzuarbeiten. Später verließ Harry zwar das neue Unternehmen, aber die beiden trennten sich in gutem Einvernehmen.

Fallstudie 2: Der superkritische Major

Als Alex Varnier, ein Logistik-Offizier in der Kanadischen Armee, von einem Auslandseinsatz in Afghanistan zurückkehrte, wurde ihm eine Aufgabe unter Major Newton zugewiesen. Newton war ein Instandhaltungs-Offizier in Petawawa, mit dem Auto etwa 90 Minuten nordwestlich von Ottawa. Alex empfand diesen Major als reserviert und als überkritisch. Noch schlimmer: Er wälzte oft Arbeit auf Alex ab. "Er gab mir Aufgaben, die eigentlich seine Arbeit waren und die für mich ungeeignet waren", sagt er. Der Major war kein Mentor für seine Untergebenen und oft schien es, als sei er nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Er fragte Alex nach seiner offenen Meinung zu Nachschubproblemen, und als Alex antwortete und davon ausging, frei und vertraulich in einer Mail antworten zu können, leitete der Major diese Mail einfach an seinen Vorgesetzten weiter. "Die Zusammenarbeit mit ihm machte mir wirklich keinen Spaß. Er hatte diese "Ich-bin-besser-als-du"-Einstellung", sagte Alex.

Alex versuchte alles zu vermeiden, was ihn in die Nähe des Majors bringen konnte. Das war natürlich nicht immer möglich, denn der Major war sein direkter Vorgesetzter. "Ich ging zur Arbeit und machte meinen Job", sagt er. Er bemerkte, dass der Major alle anderen auch so behandelte. "Ich sah ihn an und dachte: Er hat seine Macken. Aber ich nahm es nicht persönlich. Er wandte sich auch an Freunde außerhalb des Büros und ließ dort Dampf ab. An einem Punkt überlegte Alex, sich beim Stabschef zu beschweren, ließ es dann aber bleiben. "Ich fand nicht, dass es meine Aufgabe war, ihn in seinem Amt zu beschädigen. Er wollte auch nicht als Querulant gelten und war sich nicht sicher, ob seine Meinung überhaupt etwas würde ändern können. Alex entschied sich, die Sache auszusitzen, da Militärangehörige oft sehr schnell die Posten wechseln. Schließlich wurde der Major zu einer anderen Position versetzt und Alex rückte für vier Monate auf seine Stelle. Für ihn war es eine Erfahrung, die ihn für vieles entschädigte. Denn viele Leute sagten ihm, dass er einen viel besseren Job als der Major machte. Am Ende, sagt Alex, hatte er keinen Groll mehr gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten. Er glaubt, dass diese Erfahrung seine Selbstwahrnehmung gestärkt hat. "Ich frage mich oft: Gehe ich auch so mit meinen Untergebenen um?" Schlussendlich glaubt er, dass er heute deshalb ein besserer Manager ist.

Haben Sie auch einen schwierigen Kollegen oder Vorgesetzten? Wie reagieren Sie in einer solchen Situation? Diskutieren Sie mit.

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Kommentare
3
Unregistriert 23.02.2012

Entspannungsübungen
Wenn der unausstehliche Kollege sich erst jetzt so verhält, weil er selbst als Vorgesetzter unter Druck steht, dann sind Entspannungsübungen ein langfristig unerträglicher Mehraufwand für einen selbst ! Besser - falls einigermaßen unkompliziert - ist es den Job bzw die Firma zu wechseln.

Unregistriert 24.02.2012

Wenn der Kollege zum Feind wird ...
Ein langes und schwieriges Thema und eigentlich Chefsache. Aber der Wechsel in eine andere Firma ist auch nicht nur angenehm. Man muss damit rechnen, dass man auch dort erst einmal die Dreckarbeit zu übernehmen hat, die sonst keiner machen will, und das unter den erschwerten Bedingungen des Neuanfangs. Insofern kann es auch helfen, die Belegschaftsvertretung einzuschalten, für was gibt es Sprecherausschüsse.

Unregistriert 11.03.2012

Ich habe seit ca. 1 Jahr eine unausstehliche Kollegin, bzw. ehemals Vorgesetzte. Anfeindungen ignorieren, auf Emails nicht antworten, trotzdem immer anständig guten Morgen sagen ist zwar eine anstrengende Variante, aber hilft ungemein, sich die Kollegin vom Leib zu halten. Der Versuch gemeinsam ein Projekt zu stämmen ist kläglich gescheitert und auch ein klärendes Gespräch ist ekaliert, das hat den Konflikt noch verhärtet und mein Bild über die Kollegin noch verschlimmert. Meine Strategie daher: Ignoranz!

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