Wie IT die Wirtschaft in 2012 verändern wird

Innovationen:

Von Andrew McAfee
20. Januar 2012

Die englische Schriftstellerin George Eliot sagte einmal, dass von allen Lastern das Vorhersagen der Zukunft das überflüssigste sei. Und die amerikanische Baseball-Legende Lawrence Peter "Yogi" Berra soll das gleiche in einer etwas weniger geschliffenen Form formuliert haben: "Es ist schwierig, Vorhersagen zu treffen - besonders über die Zukunft."

Also wird sich vieles von dem, was ich hier schreibe, als abwegig oder sogar als völlig falsch entpuppen. Aber Vorhersagen machen Autoren Spaß, und sie sind beliebt bei den Lesern, also warum nicht. Ein intensiver Blick in meine Kristallkugel, die spezialisiert ist auf das Zusammenspiel von Geschäft und Informationstechnik, hat sechs Vorhersagen für 2012 ergeben:

Der Tablet-Krieg kommt 2012 in Fahrt.
AFP

Der Tablet-Krieg kommt 2012 in Fahrt.

1. Das iPad bekommt echte Konkurrenz.

Als Amazon seinen Tablet-Computer Kindle Fire im November in den USA auf den Markt brachte, schrieb ich, dass der Tablet-Krieg nun ernsthaft beginnen würde. Wenn ich höre, dass Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt für 2012 ein Android-Tablet von "höchster Qualität" verspricht, kann ich kaum erwarten, was passiert. Dank der Tablet-Computer und der Smartphones sind wir dabei, das langjährige "Wimp"-Schnittstellen-Paradigma hinter uns zu lassen (windows, icons, menues, pointers - Rechner werden per Fenster, Icons, Menüs, Zeigegeräte gesteuert Anm.d. Red.). Ablösen wird dieses Paradigma das, was ich als VEST bezeichne - voice, eyes, speech, and touch (Stimme, Augen, Sprache und Berührung, Anm.d.Red.). Dieses Paradigma wird unsere Gewohnheiten umkrempeln, welche Computer wir am meisten nutzen und wie wir mit ihnen interagieren werden.

2. Ein großer US-Konzern wird voll auf die Cloud setzen.

Die University of California in Berkeley hat gerade erklärt, warum sie sich bei ihrem campusweiten E-Mail- und Kalendersystem für Google-Dienste entschieden hat. Offensichtlich beginnen also auch recht große Organisationen mit dem Umzug in die Cloud. Ich sage voraus, dass mindestens ein Vorstandsvorsitzender eines großen amerikanischen Unternehmens sich von den eigenen Rechenzentren verabschieden wird. Wenn das zutrifft, wird das ein hochinteressantes Experiment sein.

3. Eine reine Internet-Bank wird erfolgreich starten

Ich gebe zu, das ist mehr bloße Hoffnung oder ein Schrei nach Hilfe als eine fundierte Vorhersage. Aber ich habe es gründlich satt, wie derzeitige Finanzdienstleister ihre Kunden behandeln und deren Internet-Umfeld ignorieren. Ich möchte, dass dieses alte, schläfrige Kartell erschüttert wird durch einen Online-Pionier. Von einem, der sich wirklich Gedanken darüber macht, was Kunden wollen und weiß, wie er den Kunden diesen Service bieten kann.

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Alisa 23.01.2012

Das ist meine Vorausschau
1. Das iPad wird Konkurrenz bekommen, bzw. weiterführende Innovationen geben den Ton in Richtung arbeiten an. 2. Ich hoffe, dass Cloud-Computing wegen seiner Risiken keinen Durchbruch erlangt, weder in den USA noch bei uns. 3. Internet-Bank funktioniert für den Zahlungsverkehr mit PayPal wunderbar. Für Investment und Geldanlagen hoffe ich auf einen Umbruch, der den Markt wieder nach alten Prinzipen reguliert und die Einkommen dieser virtuellen Welt wieder auf ein normales Maß senkt. 4. Den Durchschnitts-Amerikaner gibt es nur in der Statistik. Somit ist er mir relativ egal. 5. Eine bahnbrechend neue Technologie erwarte ich nicht. Wir haben ja schon immense Probleme, mit den bisherigen einigermaßen klar zu kommen. Es gibt für die bestehnden eine Vielzahl und Vielfalt an Lücken. Mir wäre lieber, man würde etwas langsamer entwickeln, aber dafür mit Hand und Fuß. 6. Die Lebensbedingungen werden sich in den meisten Ländern verschlechtern, mancherorts ist mit Bürgerkriegen zu rechnen. Ich wüsste auch nicht, was die Punkte 4 und 6 mit der IT zu tun haben sollten.

proffrans 25.07.2012

Vielen Dank fuer Ihren Beitrag. Die beschriebenen Veränderungen sind aber wirklich klein im Vergleich damit, was wirklich passiert oder passieren wird. Supertemps (selbständige hoch ausgebildete Professionals), Crowdfunding, Crowdsourcing, kommen auf uns zu, Verhältnis von Bürgern zum Staat verändert sich auch mit. Die Betonung fällt dabei auf Flexibilität in Gesetzen sowie Geschäftsleben. Das Konzept "Unternehmen" selbst verändert sich auch: Unternehmen werden immer öfter zeitlich beschränkte Projekte: Koalitionen von Supertemps, die zusammen etwas kreieren und danach auseinander gehen, wie heutzutage in der Filmindustrie. Mehr dazu in folgenden Artikeln: http://www.fransvanderreep.com/2012/06/17/internet-und-der-arbeitsmarkt-2-0/ http://www.fransvanderreep.com/2012/06/13/internet-und-der-weg-des-buddha/ Prof. Frans van der Reep Niederlande

proffrans 10.08.2012

Marktluecken sieht man eigentlich nicht voraus...
Noch einige Gedanken hinterher...Weisst Du,eine Marktlücke sieht man nicht voraus… aber es bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt. Das wuerde also bedeuten, dass man jetzt, gegen das Ende von 2012, noch nicht weiss, welche Innovationen zustande kommen wuerden und welchen Einfluss diese auf die Wirtschaft und Menschen haben wuerden. Hast Du das schon mal mitgemacht, dass man bestimmte Vorgänge im Leben erst im Nachhinein begreift, man versteht zum Beispiel später, was van von bestimmten Personen oder Ereignissen gelernt hat? Und dass es manchmal total anders geht, als man es sich im Voraus vorgestellt oder gewünscht hat. Was nicht immer so schlecht ist. Die Website, die ihren Benutzern eingeschriebene Anrufe anbietet ist ein Beispiel dafür. Die schien nicht so viel für „finanziell wichtige“ Gespräche gebraucht zu werden sondern vor allem für letzte Gespräche mit den Geliebten und Verwandten. Wenn man das hört, begreift man es gleich. Das zeigt, wie schwer sich Innovationen planen und voraussagen lassen. Was lernt man davon? Eine Marktlücke kann man eigentlich nicht voraussehen… Im Nachhinein begreifst Du gleich, warum es so gegangen ist. Warum die eine Initiative zum großen Erfolg wurde, und die andere starb, obwohl sie am Anfang genauso vielversprechend aussah. Ja, die Entdeckung kommt im Nachhinein, und das Geld ist schon ausgegeben. Was kann man tun, um das Nachhinein im Voraus zu wissen? Wie sieht die Logik einer erfolgreichen Innovation aus? Eine erfolgreiche Innovation löst erstens ein ganz konkretes Problem. Je konkreter das Problem und je mehr das Problem frustriert und je einfacher die angebotene Lösung, desto grösser ist die Chance auf Erfolg. Um herauszufinden, ob Deine Idee tatsächlich ein konkretes Problem löst, muss man vom bequemen Stuhl Abschied nehmen und auf schöne Pläne einfach verzichten. Gehe zu den Menschen, die Deiner Meinung nach das Problem erfahren. Organisiere einen Ideenstrom über Crowdsourcing und Crowdfunding. Social Media können hier übrigens sehr hilfreich sein und beschleunigen eine kundengesteuerte offene Innovation. Sie haben gleichzeitig die bekannten Spielregeln verändert. Kannst Du in 7 Sekunden Deinem Kunden erklären, warum Deine Innovation seine Rettung bedeuten würde? Für die Durchbruchinnovationen, wie der Schritt von der Grammophonplatte zur CD, gebraucht der Markt die 10X-Regel: die neue Situation ist in der Erfahrung Deines Kunden 10 mal schöner, billiger, einfacher oder angenehmer als die alte. Bei einer Durchbruchinnovation erwartest Du vom Kunden, dass er sowohl die gebrauchte Technologie verändert, und eine neue Applikation adoptiert als auch sein Verhalten ändert. Neuheiten mit Gebrauch neuer Technologien. Der Konsument macht den Schritt nicht so einfach. Das müsste schon mal ganz konkret in Genuss, Einfachheit und Gewinn sichtbar sein. An der Produktionsseite bedeutet eine Durchbruchveränderung neue Lieferanten, Rohstoffe, Produktionsprozesse und Fertigkeiten. Das ist doch eine enorme Veränderung! Timing ist auch lebenswichtig hier. Als Weltgemeinschaft können wir einer Innovation gewachsen sein. Dann kommt sie ganz unerwartet an 20 verschiedenen Plätzen gelichzeitig. Vielleicht bist Du dann der glückliche Innovator, der den Jackpot gewinnt, und der eigentlich die Marktlücke gefunden hat. Für eine erfolgreiche Innovation ist eine Kombination von kulturellen, technischen und ökonomischen Faktoren nötig. Das Social Web zeigt, dass die meisten Innovation aus einer unerwarteten Richtung kommen. Relativ einfacher Zugang zu den Informationen und die richtigen Tools ermöglichen neue grenzenlose Kombinationen sowie branchenfremde Innovationen. Wusstest Du z.B. dass ein Löwenteil der Innovationen außerhalb der eigenen Branche kommt? Dafür müsste man eine Blickrichtung verändern und weiter schauen, als Deine Nase lang ist. Viele Innovationen überleben nicht, weil der Blickwinkel zu klein war, man muss im Leben nicht nur der schönsten Frau begegnen sondern auch zu einem richtigen Zeitpunkt und unter günstigen Umständen. Du musst die Chancen sehen und erkennen können. Es ist jedoch nicht einfach, um Chancen und Marktlücken zu erkennen, weil Neuheiten auch neue Blickrichtung, eine neue Perspektive, benötigen. Eine Innovation setzt eine geistige Innovation voraus, die keinen Link zu den bestehenden Vorgängen zeigt. Wie kann man jemandem, der noch nie im Internet gesurft hat, erklären, was Facebook ist? Dann geht man doch auf die Suche nach bestehenden geteilten Bildern und Vorstellungen : wie eine Kneipe usw. Context drives meaning. Wenn der Kontext sich durch die digitale Landschaft und Social Media tiefgreifend verändert, hat Meaning 2.0 Zeit nötig. Ketten-Umkehrung gibt es als Konzept schon seit 20 Jahren. Das entwickelt sich aber ziemlich langsam. Das liegt doch zu weit von unseren heutigen Vorstellungen und Kenntnissen. Es gibt einfach keinen Kontext. Das hat Zeit nötig, aber vor allem eine erfolgreiche praktische Lösung, wodurch wir diesen Kontext entdecken. Abstraktion lässt sich nicht verkaufen, irdische Formen (manchmal) schon. Eine Marktlücke siehst Du also nicht im Voraus. Es gibt aber auch gute Nachrichten: die gibt es trotzdem. Wenn Du das weißt, siehst Du sie. Was kann man tun? Gut zuhören und einen breiten Blick haben. Mache es einfach, konkret und praktisch. Beginne klein, habe einen deutlichen Fokus und hör auf, wenn die Idee kein Erfolg wird. Wie früherer in der Schule, weißt Du noch : lieber eine Zwei als zweimal eine Drei. Ich wünsche Dir viel Erfolg damit ! Gruss Prof. Frans van der Reep Niederlande

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