Reiz und Risiken der Superstars

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Von Christian Stadler
14. Dezember 2011

Kürzlich verfolgten 14,73 Millionen Deutsche (ich gehörte auch dazu) Anfang Dezember gespannt den Abschied von Thomas Gottschalk von "Wetten, dass…". Wird die Sendung ohne den Superstar überleben? Es ist kaum vorstellbar. Günther Jauch will die Show, wie so viele andere, auch nicht übernehmen. Wer bleibt da noch übrig?

Große Erwartungen: Wird Thomas Gottschalk auch künftig in der ARD ein Quotengarant sein?
DPA

Große Erwartungen: Wird Thomas Gottschalk auch künftig in der ARD ein Quotengarant sein?

Nicht nur im Fernsehen nehmen Stars eine zentrale Rolle ein. Der FC Bayern München langt kräftig in das Portemonnaie, um begnadete Kicker wie Franck Ribéry und Bastian Schweinsteiger im Team zu haben. Mit viel Gespür für coole Produkte wandelte Steve Jobs Apple vom Pleitekandiaten zum gefeierten Unternehmen. Studien belegen, dass einige wenige Wissenschaftler um ein vielfaches produktiver sind als ihre Kollegen. Selbst eine große Gruppe durchschnittlicher Forscher kann eine Spitzenkraft nicht ersetzen. (Spitzenkräfte werden in der Anzahl ihrer Veröffentlichungen in den wichtigsten Zeitschriften ausgemacht.)

Es scheint, als führe kein Weg an den Superstars vorbei. Doch bevor Sie einen Star in Ihr Unternehmen holen, sollten Sie einige Überlegungen anstellen.

Kann ein Superstar seine Stärken im neuen Umfeld ausspielen? Harvard Business School Professor Boris Groysberg hat die Leistung von Star-Analysten an der Wall Street untersucht. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass deren Leistung einbrach, wenn sie die Firma wechselten. Ihre Fähigkeit hing offensichtlich von vertrauten Systemen und Prozessen ab. Im neuen Umfeld kam ihnen die gewohnte Unterstützung abhanden.

Auch Superstars sind keine Einzelspieler. Die Entwicklung neuer Produkte erfolgt im Team. Frank Rothaermel, Professor für Strategisches Management an der Georgia Tech und sein Kollege Drew Hess von der McIntire School of Commerce der University of Virginia zeigten in einer Studie über Innovationen in der Pharmaindustrie, dass Spitzenforscher ihr Potenzial nur dann entfalten, wenn sie ausreichend von ihren Teams unterstützt werden. Sie waren demnach auf "normale" Wissenschaftler angewiesen.

Wenn es schiefgeht, dann richtig. Kollegen und Untergebene folgen einem Superstar oft, ohne deren Ideen zu hinterfragen. Das kann zu besonders großen Triumphen, aber auch zu ausgeprägten Niederlagen führen. Anders gesagt, die Varianz steigt erheblich. In meinen Forschungen zu langfristig erfolgreichen Unternehmen entpuppt sich der Superstar-CEO als ein Risikofaktor. Edzard Reuter war Manager des Jahres kurz bevor Mercedes den bis dahin größten Verlust der Nachkriegsgeschichte vermeldete. Weder Vorstand noch Aufsichtsrat haben sein Konzept des integrierten Technologiekonzerns gestoppt, bevor es zu spät war.

Überlegen Sie es sich zweimal, ob Sie einen Star anheuern. Sollte sich Schweinsteiger bei Ihrem Verein melden, würde ich dennoch, ohne lange zu überlegen, zuschlagen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Stars gemacht? Diskutieren Sie mit!

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Kommentare
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wgriepentrog 15.12.2011

Das Dilemma der Starkults in der Öffentlichkeit
Ein spannendes Thema mit weitreichenden Konsequenzen: Superstars sind Multiplikatoren und beeinflussen die öffentliche Meinung, ohne Frage. Aber Reiz und Risiken von Superstars hängen weniger mit den Qualitäten als mit den vielfältigen, oft gegensätzlichen Erwartungen in der Öffentlichkeit zusammen. Superstars sind eine Projektionsfläche unterschiedlichster Erwartungen der Öffentlichkeit. Deswegen wäre es hilfreich, zunächst "Superstar" zu definieren und die verschiedenen Typen zu unterscheiden. Sie sind m.E. nämlich kaum vergleichbar: Der Ruf von Stars im Management ist beispielsweise rational begründet und basiert auf besonderer Führungsfähigkeit und einem starken Netzwerk. Sie drängen in der Regel nicht in die Öffentlichkeit. Anders die Stars in der Unterhaltung und im Sport: Sie werden durch irrationale Autorität zum Star und definieren sich manchmal eher durch die große öffentliche Aufmerksamkeit als durch Leistung. Sie leben nicht selten im Konflikt zwischen gewollter öffentlicher Rolle und eigenem Anspruch. Das Risiko der Stars liegt im Umgang mit der Wirkung ihres öffentlichen Auftritts. Es ist ein Grundproblem unserer Kommunikationsgesellschaft, dass Menschen in führenden Positionen oft nicht angemessen mit der Herausforderung "Öffentlichkeit" umgehen können. Da gibt es Differenzen zwischen privatem Interessen und öffentlicher Vorbild- und Leitbildfunktion. Ihre Glaubwürdigkeit wird besonders stark hinterfragt und ist für das Profil als Superstar notwendig. Bei Superstars kommt es mehr als bei anderen Menschen darauf an, dass Worte und Taten zusammenpassen. Wer wissen will, was das konkret heißt und wie vielfältig diese Herausforderung im einzelnen ist, dem seien die Analysen auf www.glaubwuerdigkeitsprinzip.de/das-blog empfohlen. Das größte Risiko des Starkults stellen wir allerdings selbst dar. Das zeigt der Abschnitt im Beitrag von Christian Stadler "Kann ein Superstar seine Stärken im neuen Umfeld ausspielen?" Diese Frage impliziert nämlich eine Deutung von "Superstar", die ich hinterfragen möchte. Sind es wirklich "andere" Menschen, die zu Superstars werden? Oder sind es nicht im Grunde "normale" Menschen wie andere auch, die zwar besondere Eigenschaften haben, deren Starkult sich aber primär durch den Effekt in der Öffentlichkeit erklärt? Ich glaube letzteres. Wie andere Menschen auch können Superstars ihre Fähigkeiten je nach Umfeld besser oder schlechter zur Geltung bringen. Wir sollten hierüber nicht überrascht sein. Das größte Risiko des Starkults sind unsere Erwartungen – das Bild der Öffentlichkeit, das oft unangemessen ist und den Hypefaktor im Mechanismus öffentlicher Kommunikation unberücksichtigt lässt. Die Superstars in Sport und Unterhaltung leben kaum von ihren besonderen Fähigkeiten, sondern mehr von der Funktionalisierung zum (gut bezahlten) Aufmerksamkeitsträger. Das macht ihren Reiz aus und aber auch Grund für das Dilemma des Starkults. Bei den Stars im Management ist das, wohl bemerkt, ganz anders. Dieses Thema ist für jeden, der durch öffentliche Kommunikation Verantwortung trägt, wichtig. Man kann leicht zum Superstar werden und diesen Nimbus rasch wieder verlieren. Eine besondere Verantwortung im Umgang mit Superstars haben PR-Berater. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es schwer ist, Reiz und Risiken von Star-Persönlichkeiten sowohl im Management als auch in anderen Bereichen im Detail zu erkennen und deren Glaubwürdigkeit (auch jensseits des Starkults) zu schützen. Wolfgang Griepentrog, WordsValues

Unregistriert 29.05.2012

Stars
Mir gefällt vor allem die Erkenntnis, dass hinter den meisten Superstars eine Mannschaft steht, die diese Leistungen erst ermöglicht. In der Wirtschaft können wir wohl gerade deshalb häufig beobachten, dass neue Manager Teile der Mannschaft aus ihrem letzten Unternehmen einfach mitbringen.

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