Die Weihnachtsrituale der Topmanager

Blog :

Von Dorothee Echter
7. Dezember 2011

Der finnische Europachef fliegt zum Jahreswechsel nach Uganda. Er hilft dort beim Bau eines neuen Klassenraums an einer Schule, ein von ihm ehrenamtlich initiiertes Hilfspprojekt. Die schönsten Fotos von dort sendet er begeistert an seine internationalen Kollegen, mit handschriftlichen Grüßen und Wünschen für das neue Jahr. Eine Managerin aus der Medizintechnik-Branche lädt ihre Geschäftspartner, die zu einer Sitzung in Hamburg sind, zum Bummel über den Weihnachtsmarkt ein und spendiert Glühwein und Zimtplätzchen. Der deutsche Strategiechef aus der Konzernzentrale bringt zur Konferenz in Schanghai viele kleine Geschenke für seine Kollegen mit: gute deutsche Schokoladen-Weihnachtsmänner. Der chinesische Asienchef dagegen versendet zum Jahreswechsel kleine rot-goldene Tüten mit einem 1-Yuan-Geldschein als Glückwunsch für das neue Jahr.

Wirkungsvoll: Selbst geschriebene Weihnachtsgrüße erzeugen Verbundenheit
Corbis

Wirkungsvoll: Selbst geschriebene Weihnachtsgrüße erzeugen Verbundenheit

All diese Führungskräfte reservieren vor den Feiertagen ein Wochenende, um persönlich ausgewählte, selbst gekaufte und frankierte Karten mit individuellen, handschriftlichen Wünschen zu versehen. Diese senden sie dann an ihre Partner innerhalb und außerhalb des Unternehmens. Das bedeutet eine enorme Kraftanstrengung, gerade weil zum Jahresende oft viele zusätzliche unternehmerische Aktivitäten anstehen.

Verbindende Rituale

Warum tun sie das? Weil es sich bei Weihnachten und Silvester um ein großes kulturelles, gesellschaftliches Ritual handelt. Es ist verbindlich und verbindend. Rituale ragen als sozial definierte gesellschaftliche Höhepunkte aus dem Alltag heraus, sie geben der Kommunikation besondere Bedeutsamkeit. Während großer Rituale steigt die Aufnahmebereitschaft für positive emotionale Botschaften. Sie bieten eine einmalige Chance, die beste Stimmung für Zugehörigkeitsgefühle, Wertschätzung, Verbundenheit, Versöhnung zu schaffen. Auch wenn es vorher Spannungen und Distanz gab.

Weihnachten und der Jahreswechsel eignen sich ganz besonders, einen Dank auszusprechen. Hier können Sie auch nachträglich für alles glaubwürdig danken, das vielleicht im Alltag zwölf Monate lang unbemerkt und unausgesprochen blieb. Die Erfolgreichsten nutzen Dankbarkeitsrituale nicht nur zur Festigung ihrer weltweiten Community, sondern auch als hochwirksames Führungsritual im Unternehmen. Sie fokussieren und bestärken gewünschtes Verhalten, stellen Verbundenheit her und festigen sie. Dies ist deshalb so wichtig, weil in den komplexen internationalen Matrix-Organisationen, in Projekten und Netzwerken Einfluss und Verhaltenssteuerung nicht mehr über Ziele, Anweisungen und Kontrolle funktionieren, sondern nur noch über begeistertes, freiwilliges Engagement. Daher sollten Sie für die richtige Hochleistungsstimmung sorgen. Dankbarkeitsrituale befeuern und lenken die nötige intrinsische Motivation. Weihnachten ist dafür ideal!

Seite
1
2
Artikel
Kommentare
2
wgriepentrog 07.12.2011

Die Weihnachtskarte ist ein Politikum
Wenn es so einfach wäre! In vielen Unternehmen ist die Weihnachtskarte eine unternehmenspolitisch hochbrisante Angelegenheit. Es wird genau festgelegt, wer welche Grußbotschaft erhält, wer unterschreibt, welcher Inhalt und welche Wertigkeit angemessen ist. Der Spielraum zur persönlichen Gestaltung des Weihnachtsgrußes ist vielerorts eng begrenzt – und zwar ganz bewusst und als Vorgabe der Unternehmensspitze. Aus eigener langer Konzernerfahrung kann ich bezeugen: die Weihnachtspost ist ein Politikum, das es jedes Jahr erneut sogar auf die Agenda von Vorstandssitzungen schafft. Das klingt absurd, ist aber bei genauerem Hinsehen eine Konsequenz unternehmensstrategischer Interessen. Eine Weihnachtsbotschaft sagt (in Inhalt, Form und Stil) vieles direkt und manches zwischen den Zeilen. Sie ist nicht bloß eine Nettigkeit, sondern ein Ausdruck von Wertschätzung – und die ist eben abgestuft. Weihnachtsgrüße drücken oftmals bewusst Nähe oder bewusst Distance aus. Das gilt übrigens nicht nur für Unternehmen, auch bei Beratern, Agenturen und Dienstleistern kann man diese Tendenz feststellen. Das muss man beim Appell, die Weihnachtskarte als Chance zur Kommunikation und zur Beziehungspflege zu nutzen, berücksichtigen. In gewisser Weise sind Weihnachtskarten auch in ihrer „unpersönlichen“, standardisierten Form ein ehrlicher Spiegel der Kunden- und Stakeholderkommunikation, gerade dann, wenn sich diese auch sonst schwer tut, Kommunikation als Beziehungsmanagement zu begreifen. Es gibt aber noch einen weiteren Grund dafür, warum Individualität und Persönlichkeit in der Weihnachtspost beschränkt werden (müssen!), nämlich das Interesse an einem einheitlichen CI- und markenkonformen Kommunikationsauftritt. Gerade weil die Aufmerksamkeit im Umfeld von rituell geprägten Ereignissen wie Weihnachten besonders hoch ist, müssen Unternehmen auch darauf achten, nicht mit 1.000 Gesichtern, sondern als klar profilierte Marke aufzutreten. Manchmal fällt die Abwägung nicht leicht, wie groß dann der Freiraum zur persönlichen Gestaltung innerhalb der gebotenen Regeln und Standards sein kann. Fazit: Der Beitrag von Dorothee Echter ist ein schöner Appell, aber er tangiert ein aus Unternehmenssicht äußerst heikles Thema. Im Prinzip geht es gerade in der Weihnachtspost um Glaubwürdigkeit - genauer: um einen konsistenten und glaubwürdigen Kommunikationsauftritt. Welche Grundbedingungen dieser - und damit auch ganz banal die Weihnachtskarte - erfüllen muss, haben wir in diesem Jahr im Blog der Initiative "Das Glaubwürdigkeitsprinzip" intensiv diskutiert (siehe: http://glaubwuerdigkeitsprinzip.de/das-blog/). Wolfgang Griepentrog, WordsValues

wgriepentrog 15.12.2011

Anlass zur Sinn stiftenden Kommunikation
Hier noch ein Nachtrag zum meinem Kommentar, in dem ich darauf hingewiesen habe, dass die individuelle Gestaltung der Weihnachtspost aus Unternehmenssicht ein Politikum und - um es noch deutlicher zu sagen - ein RISIKO ist. Man kann sich in der Weihnachtspost um Kopf und Kragen schreiben, wenn man Stil und Inhalt nicht 100prozentig passen! Ein weiterer Hinweis scheint mir wichtig: Gute Unternehmenskommunikation - und die Weihnachtspost gehört dazu - bietet einen Mehrwert. Oder sollte es jedenfalls. Sinn stiftende Kommunikation unterstreicht die Positionierung. Deswegen sei empfohlen, wenn man sich überhaupt Mühe macht mit der Weihnachtspost, einen guten thematischen Aufhänger zu finden, beispielsweise das zurückliegende Jahr aus Unternehmenssicht, aber auch aus allgemein gesellschaftlicher Perspektive mit Höhen und Herausforderungen Revue passieren zu lassen. Auch eine Weihnchtskarte sollte einen Leitgedanken haben. Das geht in ein bis zwei Sätzen. Und es bringt zum Ausdruck, dass der Weihnachtsgruß vom Absender nicht als lästige Pflicht erlebt, sondern als Sinn stiftende Kommunikationschance wahrgenommen wird. Wolfgang Griepentrog WordsValues

Diskussionsregeln

Wir freuen uns über lebendige, konstruktive und inspirierende Diskussionen auf HBM Online. Um die Qualität der Debattenbeiträge sicherzustellen, werden unsere Moderatoren jeden Beitrag prüfen. Eine Nutzung der Kommentarfunktion zu kommerziellen Zwecken ist nicht erlaubt. Beiträge mit vorwiegend werblichem, strafbarem, beleidigendem oder anderweitig inakzeptablem Inhalt werden von unseren Moderatoren gelöscht.

© Harvard Business Manager 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
ANZEIGE
Die neuesten Blogs
Nach oben