Frauen  - die besseren Manager?

Diversity:

Der Einfluss der Frauen in der Wirtschaft wächst - wenn auch langsam. Wird deshalb alles besser in den Unternehmen? Die Antwort der Wissenschaft zerstört liebgewonne Vorurteile. Diskutieren Sie mit.

Von Anne Kreamer
16. November 2011

Männer müssen sich im Job allmählich an die Wand gedrückt fühlen. Denn gerade finden zwei Umwälzungen statt, die unser Verständnis des Arbeitslebens ein für alle Mal verändern werden.

Frauen als Boss: Die Regeln der Arbeitswelt müssen neu diskutiert werden.
Corbis

Frauen als Boss: Die Regeln der Arbeitswelt müssen neu diskutiert werden.

Einerseits haben Neurowissenschaftler dank neuer Verfahren festgestellt, dass das männliche Gehirn anders funktioniert als das weibliche (Wer hätte es gedacht?). Die überraschende Erkenntnis: In bestimmten beruflichen Situationen neigen Männer offenbar eher dazu, emotionaler und irrationaler zu handeln - soviel also zum Mythos der Frau als einzigem fühlendem Lebewesen am Arbeitsplatz. Aktuelle Forschungsergebnisse, wie etwa die des Neurowissenschaftlers John Coates an der Universität Cambridge, deuten darauf hin, dass ein plötzlicher Anstieg des Testosteronspiegels männliche Finanzhändler in einen Euphoriezustand versetzt. Dies lässt sie Risiken unterschätzen, was zum Entstehen der globalen Finanzkrise beigetragen haben mag. Männer produzieren von Natur aus etwa zehnmal soviel Testosteron wie Frauen. Und so werden nun Forderungen laut: Mehr Frauen im Finanzsektor könnten sowohl einzelne Firmen als auch das Gesamtsystem stabilisieren.

Andererseits gewinnen Frauen im 21. Jahrhundert zunehmend an Einfluss und sind beruflich und wirtschaftlich auf dem Vormarsch. Wenn Sie die vergangenen beiden Jahre betrachten, gibt es in den USA mehr weibliche als männliche Arbeitnehmer. Die von Frauen dominierten Berufsfelder in der postindustriellen Gesellschaft - unter anderem der Gesundheits- und der Bildungsbereich - sind gleichzeitig die Branchen mit dem stärksten Wachstum. Frauen stellen mit 57 Prozent die Mehrheit unter den College-Studenten. Noch stärker ist die weibliche Dominanz an den Universitäten: Hier sind 62 Prozent aller Studenten weiblich. Ähnliches gilt für die Absolventen medizinischer und juristischer Hochschulen.

Dennoch stehen noch immer sehr wenige Frauen an der Spitze großer Konzerne und Banken (auch wenn sich das zwangsläufig ändern wird, wenn die männlichen CEOs in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand gehen werden). Dabei ergab eine Studie der Frauenorganisation Catalyst schon im Jahr 2004, dass Firmen mit besonders vielen Frauen in der Führungsriege durchschnittlich 35 Prozent mehr Gewinn erzielen. Noch gravierender ist, dass laut einer Statistik des amerikanischen Center for Women's Business Research 40 Prozent aller Privatunternehmen in den USA Frauen gehören. Außerdem ergab eine Untersuchung aus dem vergangenen Jahr, dass die (relativ wenigen) Start-ups im High-Tech-Bereich, die Frauen leiteten, seltener Pleite gingen als die von Männern geführten Unternehmen. Nachdem wir nun also vierzig Jahre lang in den Feminismus investiert haben, ist die Zeit der Frauen endlich gekommen. Zeit für ein bisschen Jubel!

Als Frau, die Ende der siebziger Jahre erwachsen wurde, finde ich diese Entwicklung durchaus positiv. Denn ich habe oft erlebt, dass männliche Dominanz am Arbeitsplatz auf Kosten der Produktivität gehen kann. Familien mit zwei Einkommen sind heutzutage normal. Eine wirtschaftliche Gleichbehandlung der Frau ist eine gute Entwicklung. Dennoch denke ich nicht, dass eine von Frauen dominierte Arbeitswelt die Gesellschaft so verändern würde, dass auf einmal alles perfekt ist. Die größere Chance liegt darin, die Geschlechter-zentrierte Ideologie der Siebziger Jahre endlich hinter uns zu lassen. Wir sollten diskutieren, wie wir die Regeln der Arbeitswelt neu definieren können. Ein solches Umdenken wäre von grundlegender Bedeutung für einen Neustart unserer Wirtschaft.

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