Frauen  - die besseren Manager?

16. November 2011

2. Teil: Schlange oder Stock?

Egal ob Frau oder Mann, wir Menschen hinken evolutionär hinterher. Wir haben keine Ahnung, wie wir mit den kognitiven Bedrohungen des 21. Jahrhunderts klarkommen sollen, die am Arbeitsplatz auf uns lauern. Wir haben überlebt und uns weiterentwickelt durch unsere Fähigkeit, auf physische Bedrohungen zu reagieren - liegt da auf dem Weg eine Schlange, oder ist es nur ein Stock? Schon vor Jahrtausenden machten uns unsere Stresshormone wachsamer, um auf physische Bedrohungen zu reagieren. Unsere Körper schütteten Adrenalin, Kortison, Testosteron und andere Hormone aus, die den Blutdruck erhöhten und dafür sorgten, dass mehr Blut in unsere Muskeln gelangt. Damit konnten wir einen unmittelbaren Angriff abwehren - oder die Flucht ergreifen. Für das Angstzentrum im Gehirn, die so genannte Amygdala, macht es keinen Unterschied, ob ich vor einem angreifenden Löwen wegrenne oder mich ducke, weil mein Chef einen cholerischen Anfall hat. Tief in unserem Inneren sind wir alle hoffnungslos veraltet. Aber das Gefühlsleben im modernen Arbeitsleben ist tatsächlich viel komplizierter als für unsere prähistorischen Vorfahren in der Savanne. Will der Kollege am Schreibtisch nebenan meinen Job? Wie soll ich meine Arbeit schaffen, wenn der Babysitter absagt? Und diese Kluft - dass wir im Laufe der Evolution noch immer keine emotional differenzierter Reaktionen auf psychische Herausforderungen entwickelt haben - trägt ganz erheblich bei zu den Schwierigkeiten mit unserer modernen Arbeitswelt.

2008 fanden fünf Psychologen um den Stanford-Professor James Gross in einer Untersuchung über geschlechtsspezifische Unterschiede heraus, dass die grundsätzliche "Reaktivität", wie es die Wissenschaftler nannten, auf emotionale Provokationen bei Männern und Frauen zwar nahezu gleich sei. Die Art ihrer Reaktion wich aber deutlich voneinander ab. Die Probanden mussten sich unangenehme Fotos anschauen, wobei funktionelle Magnetresonanztomographen (fMRT) ihre neuronale Reaktion für die Psychologen sichtbar machten. Anschließend befragten die Forscher die Probanden. Bei der Reaktionsgeschwindigkeit konnten die Psychologen keinen wesentlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen feststellen. Bei der Fähigkeit, die emotionale Reaktion zu regulieren und zu bewältigen, zeigten sich jedoch geschlechtsspezifische Besonderheiten. In den Gehirnen der Männer war die Amygdala weniger stark aktiviert. Außerdem waren Bereiche des Präfrontalen Cortex, also des kognitiven Kontrollzentrums, bei den Frauen aktiver als bei den Männern. Die noch recht neue Wissenschaft der Emotionen fängt gerade damit an, die neurochemischen Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Umgang mit Gefühlen genau aufzuzeigen. Es ist sehr wichtig, dass wir ihren Forschungsergebnissen offen gegenüberstehen und uns den Blick nicht von politisch korrekter feministischer Ideologie oder neo-viktorianischer Zimperlichkeit verstellen lassen. Ein allzu eingeschränktes " Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus"-Denken hilft niemandem weiter.

Statt also die charakteristische emotionalen Reaktionsmuster des einen oder anderen Geschlechts zu stigmatisieren, sollte es uns vielmehr darum gehen, alle Emotionen am Arbeitsplatz mit ihren jeweiligen geschlechtsspezifischen Eigenheiten zuzulassen. Dieses Ziel sollte jeder einzelne ebenso anstreben wie jedes Unternehmen. Denn wenn wir die Wahrheiten begreifen, die die Neurowissenschaft jetzt offen legt, werden wir eher verstehen, welche Gefühle unsere Entscheidungen und unser Verhalten am Arbeitsplatz beeinflussen. Dann können wir diese Gefühle leichter kontrollieren. Wenn wir mehr darüber wissen, welche Emotionen - wie Zorn, Sorge, Angst oder Freude - uns motivieren oder behindern, kann uns das helfen: Wir können dann genauer auf unsere Gefühle achten, besser mit ihnen umgehen und sie effizienter nutzen.

Heute ist es in den USA selbstverständlich, dass Frauen berufstätig sind. Gleichzeitig befindet sich unsere Wirtschaft in Schwierigkeiten. Ich hoffe daher sehr, dass wir alle möglichen Dinge hinterfragen können, ohne damit den Fortschritt zu gefährden. Wenn es um Gefühle und Arbeit geht, sollten wir analytischer und empirischer vorgehen als bisher. Die Wissenschaft gewinnt neue Einsichten, bestätigt diese Erkenntnisse und entwickelt sie ständig weiter. Wir verstehen immer besser, wie einzelne Aspekte unseres Gefühlslebens durch unser Geschlecht geprägt sind. Auf diese Erkenntnisse sollten wir versuchen, bloß nicht zu emotional zu reagieren.

Was sind Ihre Erfahrungen mit Emotionen am Arbeitsplatz? Wie groß sind die Unterschiede zwischen Männer und Frauen aus Ihrer Sicht wirklich? Diskutieren Sie mit.

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