Vor der nächsten Revolution

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Von Lutz Becker
9. November 2011

Es muss um das Jahr 1988 gewesen sein. Ich war damals eingeladen, einen Vortrag in der Duisburger Mercatorhalle zu halten. Meine Kernthese damals: "In zehn Jahren werden Sie ihre Urlaubsfotos über die Telefonleitung nach Hause schicken." Die meisten im Publikum, großenteils Ingenieure, hielten mich damals schlicht für verrückt und hätten mich wohl am liebsten in eine Zwangsjacke gesteckt und abführen lassen: "Digitale Fotografie wird nie funktionieren! " "Woher soll denn die Übertragungsbandbreite kommen? ", "Die digitale Fotografie wird eine kleine Nischenanwendung bleiben!"

In der Automobilbranche stehen radikale Entwicklungen an: Das neuartig, batteriegetriebene Experimentalfahrzeug von Opel hört auf den Namen RAK e
Opel

In der Automobilbranche stehen radikale Entwicklungen an: Das neuartig, batteriegetriebene Experimentalfahrzeug von Opel hört auf den Namen RAK e

So oder ähnlich brachten die Zuhörer teils emotional und lautstark ihre Gegenargumente vor. Natürlich sah die Revolution durch die digital-vernetzte Fotografie in vielem anders aus, als ich es mir damals vorgestellt habe, denn an ein World Wide Web oder Apple's Photo Stream war damals noch nicht zu denken. Aber sie kam - und das schneller und folgenreicher, als die meisten es für möglich gehalten hätte.

Ohne Zweifel haben kreative Entwickler und findige Unternehmer in den folgenden Jahren immer wieder Grenzen des vermeintlich Machbaren überwunden. Sie schufen Bandbreiten, die Experten zuvor als physikalisch vollkommen unüberwindbar bezeichnet hatten. Sie erhöhten die Packungsdichte von Speichermedien in einem Maße, von dem niemand zu träumen gewagt hätte. Wenn ich nun an einem frühen herbstlichen Sonntagmorgen im Sessel sitze und die ersten Gedanken zu diesem Beitrag mit meinem iPad in die Cloud tippe, frage ich mich, wie viele Widerstände ein Steve Jobs in seiner oft diktatorischen Art überwinden musste, um das alles zu ermöglichen.

Heute geht mir diese skurrile Szene aus Duisburg manchmal bei Gesprächen mit Energiemanagern durch den Kopf, von denen einige mit Vehemenz argumentieren, dass die Grundversorgung mit erneuerbaren Energien ein Hirngespinst sei; und mit Automanagern, die darauf bestehen, dass Elektromobilität langfristig eine Nische bleiben wird. Ich denke an das rheinische Handwerkermantra: "Hamm wir nich: Jibbet nich." "Könn' wir nich: Jeht nich!" "Haben wir immer so jemacht: Jeht nich anders!".

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Kommentare
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lutzbecker 13.12.2011

Die Revolution kommt doch
Zuerst einmal vielen Dank für die kompetenten Kommentare. Gerade in meinen "Business Development" und "Innovationsmanagement" Seminaren bin ich regelmäßig mit Managern, meist Ingenieuren und Naturwissenschaftlern, im Gespräch, die mit neuen Technologien kurz vor der Markteinführung stehen. Ich bin mir durchaus dessen bewusst, dass meine Interpretationen dadurch - und durch meine eigene beruflichen Erfahrungen in Märkten mit extrem schnellen Innovationszyklen - geprägt ist. Ich kann mich an dieser Stelle nur auf meine Gespräche mit diesen Experten beziehen. Zu eMobilität: Ob in der Elektromobilität die Lithium Batterie der Weisheit letzter Schluss ist, kann ich nicht zuverlässig beantworten. Allerdings steht die Technologie kurz vor dem Durchbruch, und alle Experten, die dazu befragt habe, gehen von deutlich sinkenden Preisen aus. (Allerdings gibt es auch hier gewisse Risiken, man denke etwa an das Problem der "seltenen Erden") Range Extender halte ich auch für eine vielversprechende Technologie, hier sei auch nochmals auf die Gasturbine verwiesen (siehe unten: Methan). Die Elektromobilität hat dann das Potential, eine nicht nur kleine Revolution zu werden, wenn man auch den Kontext betrachtet. Elektromotoren in Verbindung mit intelligenten, softwarebasierten Lösungen (Energierückgewinnung, Assistentensysteme etc.) reduzieren einerseits den mechanischen Aufwand (Power Train bedeutet nicht zuletzt auch Gewicht und die Mechanik lässt nur ein bescheidenes Steuerungsspektrum zu) und ermöglichen ein wesentlich intelligenteres Fahren - sprich: agiles, energiesparenderes und sicheres Fahren. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass das Auto nur für einen Teil unserer akuten Energie- und Umweltrisiken verantwortlich zeichnet. Es bleibt nicht aus, dass wir an weiteren Stellschrauben drehen müssen. Die Technologie CO2 Abscheidung steht unmittelbar vor ihrem industriellen Durchbruch (auch wenn nicht alle Fragen nach Seiteneffekten, etwa bei der Verwendung von Katalysatoren, auf's Letzte geklärt sind). An vielen Stellen arbeitet man daran, diese Technologie in die Wertschöpfungsketten einzubauen. Zum Beispiel arbeitet Bayer daran, den frei werdenden Kohlenstoff in Polyurethane "einzubauen" und auch die Verfahren zur Methangewinnung aus dem abgeschiedenen CO2 sind meines Wissens schon aus dem Laborstadium heraus. Wobei allerdings die in Großkraftwerken zu gewinnenden CO2 Mengen wohl relativ bescheiden und keine Lösung für alle Probleme sein werden. Zum Thema Agfa: Neulich erzählte mir ein Kollege, der für das damals um das Jahr 2000 größte Fotolabor Europas gearbeitet hat, dass es in Boardsitzungen vollkommen tabu gewesen sei, über Digitalisierung zu reden. Das scheint mir typisch zu sein: Verdrängen statt reagieren. (Das beobachte ich im Moment bei den traditionelle Energieversorgern, wo an nicht wenigen Stellen die Devise "jetzt erst recht" gelebt und Veränderung ausgeblendet wird. Das ist menschlich, aber nicht zielführend.) Eine Randbemerkung vorab: Agfa war über viele Jahre in der Kameratechnologie wegweisend; Ältere von uns erinnern sich noch an die Kameras mit dem "Roten Punkt" oder an 16mm Systeme, die über ein paar Jahre durchaus erfolgreich vermarktet werden konnten. Dass Agfa "nie die Chance" hatte, auf den Digitalisierungstrend aufzuspringen hieße ja in der Konsequenz, das Management sei am Ende des Tages nur dafür da, das Licht auszumachen. Auch das in eine Form von Harakiri, eine sehr sichere sogar. Die Preussag AG (heute: TUI AG) beweist recht plakativ, dass es wirklich möglich sein kann, sich von Pfadabhängigkeiten und nicht mehr opportunen Kernkompetenzen freizumachen. Andere Beispiele gibt es im Mittelstand zuhauf. Mit Verlaub: "Keine Chance" ist nicht die Antwort, die ich von einem Manager erwarten würde. Ich stimme vollkommen zu, dass es in einem durch übertriebene staatliche Eingriffe geprägten "Markt" (der Staat setzt nicht den Rahmen, wie er sollte, sondern gibt stattdessen Lösungen vor) zu teilweise tragischen Abhängigkeiten kommt. Der Staat sollte Ergebnisse vorgeben und die Lösungswege den Privaten überlassen. Ich vermute, dann würde man auch technisch und wirtschaftlich sinnvollere und zukunftsoffenere Alternativen zu den derzeit kursierenden Smart Metering Konzepten finden. Aber von dieser wünschenswerten Utopie sind wir wirklich noch allzu weit entfernt.

Stephan Schleuss 03.01.2012

Generell: Manager & Strukturelle Trägheit
Was man bei dieser Thematik auch erkennt ist die Trägheit, die so viele Unternehmen befällt: Kaum sind sie bekannt & erfolgreich, verlieren viele Organisationen das Feuer und die Leidenschaft, sich immer wieder selber in Frage zu stellen und anzupassen. Marktentwicklungen werden unterschätzt oder schlimmstenfalls einfach ignoriert, bis es zu spät ist. Gerade das Agfa Beispiel zeigt diese Problematik. Es ist schon bemerkenswert, dass selbst internationale Konzerne mit den klügsten Köpfen der Welt nicht davor gefeilt sind, solche existenzbedrohlichen Fehler zu machen! Auf der anderen Seite muss man in diesem Zusammenhang auch den Unternehmen Respekt zollen, die sich immer wieder selber erneuern. Gleich welcher Branche. Seien es Google und auch Amazon im Online Bereich oder Nokia mit seiner radikalen Wende von Gummistiefeln und Reifen hin zur moderen Technologie (mal sehen, ob sie nochmal einen Wandel schaffen). Ich bin gespannt, wie es im Energiebereich weitergeht. Im Anbetracht von Peak Oil und unsicherer Lage in einigen Öl Förderstaaten steht die Branche vor gewaltigen Herausforderungen. Die grosse Veränderung wird daher wohl nicht eine Frage des Obs sondern des Wanns. Vielen Dank für den spannenden Artikel!

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