Managern fehlen Bindungen

15. Juni 2011

2. Teil: Ignoranz und Verantwortungslosigkeit

Ignorante Manager

In unserer Wirtschaft und Gesellschaft ist uns das zwar auch klar, oft handelt es sich aber nur mehr um theoretisches Wissen. Erfolg und Sicherheit sind meist Resultate von Teamleistungen, kooperativen Anstrengungen, kollektivem intelligentem Wirken. Es sind die sozialen Beziehungen, die Außergewöhnliches ermöglichen. Aber Manager leugnen immer wieder die Wichtigkeit oder gar die Existenz dieser latenten Beziehungen, weil ein sichtbares Zeichen der Verbundenheit, das Seil zum Anfassen fehlt.

Jeder Supply-Chain-Manager weiß, wie die Beziehungen zwischen Lieferanten, Unternehmen und Kunden zu funktionieren haben. Jedem durchschnittlich begabten Manager ist klar, dass sich die Mitarbeiter mit den Produkten oder Dienstleistungen verbunden fühlen müssen. Denn das ist die zentrale Voraussetzung, um die angestrebte Qualität zu erreichen.

Aber es bleibt eine große Ausnahme, dass Führungskräfte die nötigen Fähigkeiten trainieren, um die soziale Verbundenheit und die Beziehungen im Netzwerk systematisch zu verbessern - obwohl das erfolgskritisch ist. Beziehungsseminare oder Verbundenheitstraining werden einfach nicht genutzt.

Sexuelle Eskapaden

Wenn Manager selbst nicht sozial beziehungsfähig sind, wie können sie dann ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden? Der krasseste Ausdruck von Beliebigkeit und fehlendem Einfühlungsvermögen sind die in letzter Zeit öffentlich gewordenen sexuellen Skandale, wenn hochrangige, beziehungsgestörte Führungskräfte lieber eine Nacht im Bordell auf Firmenkosten verbringen als sich der Verbindlichkeit und Verantwortung gegenüber ihren Ehepartnern zu stellen.

Wissenschaftlich geht es sogar soweit, dass Wirtschaftsethiker wie unter anderem Karl Homann, emeritierter Professor der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Beziehungslosigkeit auf breiter Front Absolution erteilen. Denn er verlagert die soziale und moralische Verantwortung auf die Systembedingungen, die Regeln innerhalb der Wirtschaft und befreit die einzelnen Akteure von ihnen. (siehe zum Beispiel hier, Seite 5) Damit zählen nur die Beziehungen, welche explizit in der Rahmenordnung verankert und abgebildet sind. Das latente Beziehungsgeflecht blendet er aus. Sich möglichst virtuos der Verantwortung zu entziehen wird gar zum Wettbewerbsvorteil. Der gesellschaftliche Schaden spielt keine Rolle.

Homann selbst verwendet den Sport als Metapher, um seine Ideen zu verdeutlichen: So stellen beim Fußball Spielregeln und der Platz die Rahmenbedingungen dar, innerhalb derer sich die Spieler moralfrei bewegen - dabei ist alles legitim, solange es legal ist.

Bedrohliche Verantwortungslosigkeit

Fukushima und andere Katastrophen sind ein dramatisches Abbild dieser behaupteten Beziehungslosigkeit; narzisstisches Gebaren von Managern ist ihre Ursache. Die Verantwortlichen ignorierten großflächig die Außenwelt und die totale Vernetzung, die ein Atomreaktor mit den Lebewesen des Planeten zwangsläufig eingeht. Sie bauten solche Anlagen dennoch und warteten sie nicht mehr als gerade gesetzlich vorgeschrieben. Selbst im Unglücksfall, unter Missachtung jedweder Verbundenheit, vertuschen, heucheln, lügen sie. Die Leidtragenden sind diejenigen, die - um an das Bergsteigen zu erinnern - im Seil hängen und durch die Felswand geschleift werden, während manche Unternehmen und ihre Manager so tun, als ob da niemand wäre und munter voraus steigen ohne Rücksicht auf Verluste. Werden Beziehungen trotz chronischer Leugnung plötzlich evident, ist der erste Reflex meist der Versuch, das Seil zu kappen.

Wir brauchen schleunigst Manager, die empathisch, beziehungs- und bindungsfähig sind - für eine Wirtschaft, die ein verantwortlicher Teil der Gesellschaft sein kann: eine echte Sicherungsgemeinschaft, um zivilisatorische Gipfel gemeinsam zu erklimmen. Dafür muss jeder Entscheider in der Lage sein, eine Beziehung mit seiner Umwelt und der Zukunft aufzubauen und zu pflegen. Nur wer andere wahrnehmen, sich in Bedürfnisse und mögliche Konsequenzen des eigenen Handelns einfühlen kann, ist reif, dieses Mandat zu übernehmen. Wer das nicht kann, ist vielleicht unschuldig, aber fatal inkompetent.

Wir leben alle auf dem gleichen Planeten und müssen mit aller Kraft beginnen die Verbundenheit Aller mit Allem anzuerkennen, wenn wir den gesellschaftlichen Aufstieg zu einer neuen Höhe der globalen Zivilisation schaffen wollen.

Wie erklären Sie die Beziehungslosigkeit vieler Führungskräfte? Was empfehlen Sie zu tun? Diskutieren Sie mit!

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Kommentare
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globallynaive 15.06.2011

Verbrannte Erde und blühende Landschaften
Als ehemaliger Middle Manager einer internationalen Pharmafirma habe ich leider erlebt, dass stets jene Mitarbeiter befördert werden, welche sich durch Backstabbing, rücksichtsloses Verhalten Peers gegenüber und einer Politik der verbrannten Erde nach unten und blühenden Landschaften nach oben ausgezeichnet haben. Ich habe auch Manager erlebt, die nicht einmal davor zurückschrecken, andere Menschen in den sicheren Tod zu treiben. Fachlich habe ich in diesen Firmen wenig gelernt, aber sehr wohl wie man Mitarbeiter schnell und effizient ruinieren kann. Aber eben auch in einer solchen Umgebung gewinnt nur jene Person, die sich durch Beziehungen ein zwischenmenschliches Gerüst basteln kann, welches alle Intrigen und Angriffe aushält. Also gilt zu präzisieren: Nach unten und auf die Seite darfst Du treten, aber nach oben sollst Du lächeln.

Schröder-hc-Consult 16.06.2011

Distanz als "Schutzschild"
Zum einen stelle ich in meinen Trainings immer wieder fest, dass Manager Distanz aufbauen, um aus ihrer Sicht mehr Neutralität aufbauen zu können, wenn es um die Leistungsbeurteilung der Mitarbeiter geht. Es fällt Ihnen leichter zu kritisieren, wenn da keine persönliche Bindung besteht. Zum anderen bedeutet persönliche Bindung auch Nähe, d.h. Zeit nehmen für die Mitarbeiter. Die normale Antwort: "Ich habe aber keine Zeit für derartige Gespräche". Keine Zeit heißt keine Lust. Die Führungskräfte sind verunsichert wie sie die Gespräche einfühlsam aufbauen, wie sie Ziele konkret setzen und nachhaltig verfolgen und konstruktives Feedback geben. Da ist es leichter ein Schutzschild aufzubauen und Bindung zu unterdrücken. Ich empfehle jedem Unternehmen genau hinzuschauen, wie die gelebte Führungskultur aussieht und ggf. Förderungsmaßnahmen zu unternehmen. Hier liegt oft einiges im Argen. Die erfolgreichste Führungskraft, die ich in meinem Berufsleben jemals kennenlernen durfte macht genau das Gegenteil. Sie hat klare Vorstellungen über die Ziele, handelt aber stets als Teil des Teams. Die Kollegen werden wirklich emotional abgeholt und mitgenommen.

humanopportunities 16.06.2011

soziale Wertigkeit im montären Wettbewerb
Die zum Teil geringe soziale Verankerung und Verantwortung der Wirtschaft ist sicher nicht überraschend. Hier hilft aber kein Wehklagen und einseitige Schuldzuweisung an die Manager. Die Frage ist doch vielmehr, warum die Lobbyverbände der Wirtschaft nicht die sozialen Komponeten in die Regeln des Wirtschaftsspiels aufnehmen und in einer globalen Wirtschaft weltweit für diese Regeln kämpfen. Neben der Gewinnmaximierung des privaten, monetären und leblosen Kapitals zur Steigerung des Shareholder Value wäre doch eher eine Orientierung an der Steigerung des gesellschaftlichen Wohlstands von nöten. Diese Wohlstandssteigerung ist natürlich ungleich schwieriger zu definieren und zu messen, da Sie sich nicht zwangsweise als Wachstumszahl oder monetär zeigt, und damit ist auch der Erfolg und die Vergütung der Manager ungleich schwieriger zu bestimmen. Sinnbildlich vereinfachtes Beispiel: Sinkt der Verbrauch eines PKW von 6 auf 3 Liter/100 km (Reduktion um 50 Prozent) und bleibt zudem der produktive Aufwand (Mensch, Kapital, Umwelt) zur Herstellung gleich, sinkt oder steigt geringer an als die Verbrauchminderung des PKW über den gesamten Lebenszeitraum, wird meines Erachtens Wohlstand geschaffen. Würden Sie einen Manger lieben und wählen, der diesen PKW auf den Markt bringen will, dafür Ihr Kapital investiert bei vielleicht sehr geringer monetärer Rendite (Return of Investment)? Als Shareholder wären Sie sicher dagegen. Als Käufer fragen Sie nach Prestige und Wert eines PKW und ob Sparen (geringer Verbrauch) überhaupt gesellschaftsfähig ist, schließlich wollen Sie nicht als verarmt gelten. Aber als Mensch (gleich welcher Stellung) mit wachem Verstand, der sich als Teil dieser Gesellschaft fühlt, begrüßen Sie diesen PKW, da dieser mehr gesellschaftlichen Wohlstand schafft. Bezogen auf die sozialen Beziehungen eines Managers stellt sich nunmehr die Frage, welche Beziehungen denn nunmehr gemeint sind und Vorrang haben sollten. Sind es die sozialen Beziehungen den Managers zu den Shareholdern (von diesen wird er bezahlt) oder zu den Käufern (diese entscheiden über seinen Erfolg im Markt) oder zu der Gemeinschaft (diese bildet seinen Lebensraum und ist im Grunde genommen sein Leben, wirkt aber auf seine wirtschaftliche Stellung nur unmittelbar)?

k_ischebeck 16.06.2011

Neuer Stellenwert der Kommunikation
Meine Beobachtung ist: Themen wie "Kommunikation" und "Soft Skills" haben in den letzten 20 Jahren in der Personalauswahl und -entwicklung einen anderen Stellenwert bekommen. Als ich meine ersten Schritte ins Berufsleben gemacht habe, war es regelrecht tabu, über persönliche Konflikte zu sprechen. Wer Lob und Anerkennung einforderte, galt als weinerlich. Man zog sich auf die Sachebene zurück. Die vielfach starre Orientierung an der Gewinnmaximierung wirkte auch nicht besonders beziehungsförderlich. In der universitären Ausbildung und in den Trainings hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Nichtsdestotrotz sitzen heute Führungskräfte der alten Schule an den Stellhebeln der Unternehmen. Kein Wunder also, dass eine positive Unternehmenskultur nur manchmal gelingt, oft aber nicht. Am Aufbau und an der Pflege guter Beziehungen führt aber kein Weg vorbei. "Management by Objectives" funktioniert nur so lange wie es keine Konflikte gibt. Konflikte sind aber unvermeidlicher Teil des Alltags. Ohne tragfähige Beziehung wird es den Führungskräften und ihren Mitarbeitern nicht gelingen, Konflikte aufzulösen. Erst dann, wenn die Bahn wieder frei ist, kann das Gespräch auf der Sachebene gelingen.

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