Warum Konzerne keine Diamanten finden

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Von Jens-Uwe Meyer
6. April 2011

Stellen Sie sich vor, vor Ihnen liegt plötzlich ein Diamant. Einfach so. Vor der Firma. Der Diamant strahlt in der Sonne und funkelt. Was würde ein durchschnittlicher Mensch in dieser Situation tun? Die Antwort scheint offensichtlich: den Diamanten aufheben. Und sich freuen.

Doch so einfach ist die Sache nicht. Die meisten Mitarbeiter großer Konzerne würden den Diamanten mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen lassen. Denn große Konzerne sind auf solch glückliche Zufälle nicht vorbereitet. Die Realität sieht so aus:

Die Aufgabe des Mitarbeiters ist es nicht, nach Diamanten zu suchen, sondern zwei Meter daneben ein Loch zu graben.
Corbis

Die Aufgabe des Mitarbeiters ist es nicht, nach Diamanten zu suchen, sondern zwei Meter daneben ein Loch zu graben.

Die Aufgabe des Mitarbeiters ist es nicht, nach Diamanten zu suchen, sondern zwei Meter daneben ein Loch zu graben. Der in langer Abstimmung mit den zuständigen Fachabteilungen implementierte Prozess sieht vor, dass das Erdreich mit Hilfe modernster Technik auf Spuren von Edelsteinen zu untersuchen ist. Die Verantwortlichen dokumentieren die Erdreichanalyse auf 40 Seiten Powerpoint. Sie müssen die Präsentation zweimal überarbeiten, weil sie nicht exakt die Richtlinien des Corporate Designs eingehalten haben. Die Präsentation der Analyse zwei Monate später hat eine eindeutige Botschaft: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 49,74 Prozent befinden sich im näheren Umfeld des Bohrlochs Edelsteinvorkommen. Um unnötige Kosten zu vermeiden, ermitteln Spezialisten mit Hilfe statistischer Rechenmodelle, in welcher Richtung Bohrungen am erfolgversprechendsten sein könnten. Mit Hilfe einer Erdaushub-Matrix priorisieren sie die verschiedenen Bohransätze. Einen Monat später beginnen die Bohrungen in der prozessual festgelegten Reihenfolge. Am Diamanten vorbei, der übrigens nach wie vor in der Sonne funkelt. Vier Monate später finden erstmals Bohrungen an dem Ort statt, an dem der Diamant lag. Inzwischen hat ein Passant den Diamanten aufgehoben.

Viagra entstand zufällig

Der Diamant ist eine zufällige Chance, die sich ergibt, wenn Mitarbeiter Dinge erforschen, ausprobieren oder tun. Die Entdeckung des Penicilins war so ein Diamant, genauso wie die Teflonpfanne und die für Männer ab 50 äußerst angenehme Nebenwirkung von Viagra, einem Mittel, das der Pharmakonzern Pfizer eigentlich für ganz andere Anwendungen entwickelt hatte. Doch solche Zufallsentdeckungen sind selten. Nicht weil es sie nicht gibt, sondern weil große Konzerne darauf nicht vorbereitet sind.

Mit tragischen Folgen. Während Manager und Mitarbeiter in den Konzernen noch dabei sind, ihre festgelegten Prozesse zu optimieren, sind andere bereits dabei, ganze Diamantenfelder zu entdecken. Nicht anders verhält es sich bei einem Großteil der weltweit innovativsten Unternehmen, die wir im vergangenen Jahr untersucht haben. Amazon, Nike und Facebook sind nicht wegen ihrer starren Prozesse so erfolgreich, sondern weil ihre Manager und Mitarbeiter ständig die Augen offen halten, neue Ideen schnell ins Unternehmen hineintragen, sie ausprobieren und so den Boden für Neues bereiten.

Unternehmen, in denen die Menschen blind werden für neue Chancen, fallen nach hinten. So jüngst geschehen bei Nokia. Apple und Google haben Diamanten gefunden, Nokia hat sie übersehen. In seiner Brandrede hat Stephen Elop, der neue CEO des finnischen Handyherstellers, das Unternehmen als "brennende Ölplattform" bezeichnet. Google habe das neue Betriebssystem Android in nur zwei Jahren geschaffen. Und Nokia? "Wir sind zurückgefallen, wir haben große Trends verpasst und wir haben Zeit verloren," so Elop. Im Billigmarktsegment bringen chinesische Unternehmen neue Mobiletelefone in der Zeit auf den Markt, "die wir benötigen, um eine Powerpoint-Präsentation anzufertigen."

Das Phänomen, nicht angemessen auf Veränderungen reagieren zu können, kennt die Innovationsforschung seit Jahren. Dagegen hilft nur eins: Die Fähigkeit, glückliche Zufälle zu fördern, zu erkennen und zu nutzen. "Der Großteil des kreativen Potenzials eines Unternehmens ist mit dem normalen Managementstil von Planung und Kontrolle praktisch nicht erreichbar," stellten Alan G. Robinson von der University of Massachusetts und Sam Stern von der Oregon State University bereits Mitte der 90er Jahren fest, nachdem sie hunderte von Unternehmen analysiert hatten. Die meisten von ihnen seien blind gegenüber Diamanten, die plötzlich vor ihnen liegen.

Jeffrey H. Dyer, Professor an der Brigham Young University in Provo, Utah, Hal B. Gregersen, Professor an der französischen Business School Insead, und Clayton M. Christensen, Professor an der Harvard Business School in Boston, haben sechs Jahre lang untersucht, was besonders innovative Manager ausmacht. Haben sie die besseren Prozesse und Instrumente? Mitnichten. "Wir waren fasziniert, als wir entdeckten, dass in den meisten Unternehmen die Topmanager es nicht als ihre persönliche Verantwortung begreifen, strategische Innovationen zu entwickeln," heißt es in ihrem Artikel im Harvard Business Manager. "Vielmehr sehen sie ihre Aufgabe darin, Innovationsprozesse zu erleichtern. Ganz anders die leitenden Manager der innovativsten Unternehmen - die im Übrigen lediglich 15 Prozent der in unserer Studie untersuchten Unternehmen ausmachten: Sie übertragen die kreative Arbeit nicht anderen, sondern sind selbst kreativ tätig."

Gedanken springen lassen

Kreative Arbeit ist die Grundlage für die erfolgreiche Suche nach Diamanten. Sie unterscheidet sich deutlich von der klassischen Projektarbeit: Statt einem klaren Prozess zu folgen, lassen kreative Menschen Ihre Gedanken zwischen verschiedenen Fachgebieten hin- und herspringen. Eine zufällige Inspiration, eine Begegnung oder ein Gespräch wird plötzlich zum Katalysator für eine neue Idee. Und statt zu analysieren, probieren Kreative aus. Sie haben zwar ein Ziel im Auge, aber der Weg dorthin ändert sich ständig. Sie werden offen für plötzlich auftauchende Chancen - Diamanten, die sie vorher übersehen haben. (siehe auch die Checkliste: Sind Sie bereit für den Diamanten?)

Natürlich ist der Zufall nichts, worauf Sie sich in Ihrem Unternehmen blind verlassen können und natürlich brauchen Sie weiterhin strukturierte Prozesse und Abläufe. Und doch liegen rund um Ihr Unternehmen, in Ihrem Markt und in den Grenzbereichen zu anderen Branchen so viele Diamanten, dass Sie sich auf den Zufall beinahe schon verlassen können.

Wie sieht es in Ihrem Unternehmen aus? Ist es bereit für Diamanten? Diskutieren Sie mit!

Zum Autor
Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innovationsberatung "Die Ideeologen". Er ist Autor mehrerer Bücher zum Innovationsmanagement und verfasste bereits mehrere Beiträge für den Harvard Business Manager.

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