Was Manager jetzt tun sollten

Ägypten im Umbruch:

Von Ulrich Hemel
10. Februar 2011

Ägypten ist eines der attraktivsten Länder unter den arabischen Staaten. Zum einen ist es ein interessanter Markt mit erstaunlichen Wachstumsperspektiven. Allein in Kairo leben mehr als zehn Millionen Menschen, im ganzen Land mit 81,5 Millionen so viel wie in Deutschland. Es gibt eine nennenswerte Mittelschicht mit guter Kaufkraft, die sich für Konsumgüter interessiert. Zum anderen ist das Land ein vielversprechender Standort für westliche Unternehmen, die in der Region expandieren wollen.

Proteste in Ägypten: Direktes politisches Engagement ist und kann nicht die Aufgabe von Unternehmen sein. Doch es gibt vieles, was Manager jetzt tun könnten. Und sei es nur die Geste, die signalisiert: "Ihr seid nicht alleine".
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Proteste in Ägypten: Direktes politisches Engagement ist und kann nicht die Aufgabe von Unternehmen sein. Doch es gibt vieles, was Manager jetzt tun könnten. Und sei es nur die Geste, die signalisiert: "Ihr seid nicht alleine".

Denn es leben dort viele gut ausgebildete Fachleute, die teilweise in den Golfstaaten ihr Glück versucht haben und dann nach einer gewissen Zeit zurückgekehrt sind. Diese Arbeitnehmer mit Auslandserfahrung sind sehr attraktiv für größere Mittelständler und internationale Konzerne, die Niederlassungen und Partner in Ägypten haben. Außerdem fördert der Staat die Ansiedlung von Fabriken; es gibt außerhalb von Kairo neue, moderne Industriezonen. Fast ein Paradies - bis Anfang 2011. Seitdem bestimmen Bilder von Demonstrationen, brennenden Barrikaden und Plünderungen die Nachrichten.

Lange galt Ägypten als Hort politischer Stabilität. Präsident Husni Mubarak versuchte, im Nahostkonflikt mit Israel ausgleichend zu wirken. Er engagierte sich im Kampf gegen islamischen Extremismus, indem er unter anderem die als fundamentalistisch geltende Muslimbruderschaft verbot. Was sich unter der Oberfläche tat, nahmen die Europäer kaum wahr. Jetzt fragen sich viele Manager im Westen, ob sie mit der noch amtierenden Regierung des Landes Geschäfte machen dürfen und wie sie sich angesichts der unübersichtlichen Lage verhalten sollen.

Frühe Warnzeichen

Schon 2005 erzählten mir ägyptische Geschäftsfreunde von internen Spannungen. Für Unmut sorgte der Versuch Hosni Mubaraks, seinen Sohn Gamal Mubarak als Nachfolger aufzubauen. Dessen Rede beim Jahreskongress der Regierungspartei NDP am 1. November 2009 galt als erster Schritt in diese Richtung. Im Zug der gegenwärtigen Unruhen trat Gamal Mubarak Anfang Februar 2011 von wichtigen Ämtern zurück, um die Wogen zu glätten.

Die Europäer sind in Ägypten zwar in der Regel beliebter als die US-Amerikaner - dies galt vor allem während der Präsidentschaft von George W. Bush Jr. Aber es herrscht dennoch das Gefühl vor: "Die verstehen uns nicht". Dieses Gefühl wird noch eher bestärkt, wenn Menschen im Westen vielen Ägyptern, die in Europa oder in den USA studieren, unterschwellig signalisieren, "Demokratie funktioniert bei Euch ja wohl nicht".

Diese Skepsis wird noch verstärkt, weil noch niemand die Frage beantworten kann, wer denn von demokratischen Wahlen in Ägypten profitieren wird. Gewinnen islamistische Kreise, dann könnte schnell eine demokratisch legitimierte Einschränkung von Bürgerrechten die Folge sein - eigentlich ein Widerspruch in sich. Für die koptischen Christen, die etwa 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen, ist das eine eher beängstigende Vision - gerade nach dem Anschlag in Alexandria mit 23 Toten.

Weitermachen wie bisher?

Ist es dann nicht am besten, sich darauf zu verlassen, dass Handel und Wandel politisch neutral sind?

Gerade darin liegt ein Trugschluss, der in Europa immer wieder zu Fehleinschätzungen geführt hat. Als ich meine erste Reise nach Saudi-Arabien antrat, bekam ich den wohlmeinenden Ratschlag, mich auf keinen Fall über Religion zu unterhalten. Ich tat es trotzdem - in respektvoller Weise, aber auch deutlich. Und meine Erfahrung war überaus positiv: Meine Geschäftspartner waren dankbar darüber, bei aller Verschiedenheit der Positionen solche Themen nicht ausklammern zu müssen.

Gleiches gilt für politische Fragen. Gemeint ist weder Besserwisserei noch eine wohlfeile Einmischung in das Tagesgeschehen. Nötig - und von vielen Ägyptern auch erwartet - ist aber das klare Bekenntnis zur Demokratie und den Rechten von Minderheiten (etwa im Bereich der Religionsfreiheit). Spätestens seit der indische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Amartya Sen den Nachweis erbrachte, dass Hungersnöte in Demokratien deutlich seltener sind als in Diktaturen, gibt es auch ökonomische Gründe für demokratisches Engagement (siehe auch: Amartya Sen: Ökonomie für den Menschen, Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft)

Es greift nämlich zu kurz, wesentliche Menschenrechte wie etwa die besonders bedrohte Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit mit Verweis auf kulturelle Eigenschaften höflich hintanzustellen. Bei vielen Gesprächspartnern aus dem Nahen und Mittleren Osten konnte ich immer wieder Verwunderung darüber feststellen, dass Europäer ihre demokratischen Werte nicht stärker zur Geltung bringen.

Manager auf den Tahrir-Platz?

Heißt das, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Ägypten sollten nun alle auf dem Tahrir-Platz demonstrieren und dafür Sonderurlaub bekommen? Wichtiger als Aktionismus ist auf jeden Fall, dass die Führungskräfte in Deutschland, Interesse und Mitgefühl äußern. Ein Brief der Geschäftsleitung an die Mitarbeiter vor Ort; ein Telefonat mit wichtigen Geschäftspartnern - sinnvoll sind Handlungen, die das Gefühl erzeugen: "Ihr seid nicht alleine".

 Prof. Ulrich Hemel ist Autor zahlreicher Bücher und Direktor des Instituts für Sozialstrategie in Laichingen, Jena und Berlin

Prof. Ulrich Hemel ist Autor zahlreicher Bücher und Direktor des Instituts für Sozialstrategie in Laichingen, Jena und Berlin

Sollten sich europäische Unternehmen nicht viel eher ganz aus der Region zurückziehen? Angesichts der Tagesereignisse, den möglichen Gefahren für Menschen aus dem Westen und der höchst vielschichtigen politischen Landschaften im Nahen und Mittleren Osten, mag das nahe liegen. Doch dies widerspricht fast immer den eigenen Interessen: Dafür ist die Region, wirtschaftlich betrachtet, zu bevölkerungs- und ressourcenreich.

Direktes politisches Engagement ist und kann nicht die Aufgabe von Unternehmen sein. Unternehmen sind aber wichtige Akteure der globalen Zivilgesellschaft; sie haben Anteil an der Entwicklung der Gesellschaften, in denen sie tätig sind. Es lohnt sich daher, wenn Manager und Mitarbeiter über Verhaltensstandards nachdenken, die den Werten eines Unternehmens entsprechen; übrigens bis hin zum Thema Korruption. Denn auch in Ländern mit schlechtem Ruf sind nicht alle Menschen bestechlich; nach meiner Erfahrung lassen sich auch ohne Zugeständnisse gute Geschäfte machen. Wahr ist eben auch, dass die Korruptionsneigung des noch amtierenden Regimes in Ägypten in den vergangenen Jahren in der Bevölkerung hinter vorgehaltener Hand auf immer mehr Ablehnung stieß.

Außerdem hat das Verhalten eines Unternehmens in politischen Krisen auch Rückwirkungen auf das Heimatland. Menschen mögen es, wenn sie auf ihre Organisation stolz sein können. Wie gesagt: Es geht nicht um einseitige Parteinahmen, wohl aber um das mutige Einstehen für demokratische Prozesse inklusive des Schutzes von Minderheiten. Dass dies auch im Interesse der Corporate Governance und der offiziell definierten Werte eines Unternehmens geboten ist, versteht sich von selbst. Demokratisches Engagement erhöht sogar - mit etwas Glück - die Attraktivität als Arbeitgeber für die knappen Talente von morgen.

Was meinen Sie? Was sind Ihre Erfahrungen in den arabischen Staaten? Diskutieren Sie mit!

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