Chinas Managerinnen als Vorbild?

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Von Hanne Seelmann-Holzmann
8. Februar 2011

In Deutschland tobt die Debatte um eine Frauenquote für Führungspositionen in der Wirtschaft. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (siehe Quote oder Selbstverpflichtung: Von der Leyen stellt Ultimatum zur Frauenquote) beklagt, dass bei uns ebenso wenige Frauen auf den Vorstandsetagen vertreten sind, wie etwa in Indien oder China. Implizit drückt sie damit aus, dass wir in Fragen der Emanzipation so rückständig sind, wie diese patriarchalisch geprägten Länder.

Beruflich erfolgreiche Frauen in China und Indien verstehen die Diskussion über Frauenquoten hierzulande nicht. Herrscht deshalb dort mehr Gleichberechtigung als in westlichen Staaten? Zweifel sind angebracht.
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Beruflich erfolgreiche Frauen in China und Indien verstehen die Diskussion über Frauenquoten hierzulande nicht. Herrscht deshalb dort mehr Gleichberechtigung als in westlichen Staaten? Zweifel sind angebracht.

Tatsächlich verstehen beruflich erfolgreiche Gesprächspartnerinnen aus Indien und China die Diskussion im Westen nicht. "Sprüche klopfen ist einfacher als Steine klopfen", kommentierte zum Beispiel eine in Deutschland lebende Chinesin die Diskussionen.

Viele westliche Geschäftsleute sind erstaunt, wenn sie in Indien oder China gut ausgebildeten - und sehr selbstbewussten - weiblichen Führungskräften oder Unternehmerinnen begegnen. Da folgt dann der nächste Fehlschluss: In Asien seien die Gesellschaften wohl auch mit der Emanzipation schneller und weiter.

Blick hinter die Kulissen

In Wirklichkeit ist in Indien der Zugang zu Führungspositionen auf allen Ebenen keine Frage des Geschlechts, sondern der gesellschaftlichen Herkunft. Frauen, die Mitglieder der Brahmanenkaste (der höchsten Kaste im Hinduismus) sind, die sich zum ehemals aus dem Iran stammenden Zoroastrismus (Parsen) oder der Jainreligion bekennen, erhalten natürlich beste Ausbildung. Sie saugen zudem in einer von extremer Ungleichheit geprägten Gesellschaft die Codes der Macht mit der Muttermilch ein - ohne die es nun einmal nicht geht. Sie beanspruchen und erhalten Führungspositionen nicht nur in der Wirtschaft. Der westlichen Diskussion um eine Frauenquote folgen sie amüsiert und desinteressiert. Wer als Frau in Indien aus einer einflussreichen Familie kommt, weiß, dass ihr Platz oben ist. Frau hat genügend Personal, um die Betreuung der Kinder und die Organisation des Haushalts zu delegieren. Dagegen erhalten 70 Prozent der indischen Frauen weder Zugang zu Ausbildung, geschweige denn zu einer qualifizierten Berufstätigkeit. Für die überwiegende Mehrzahl der Inder gilt: Eine Tochter ist das größte Elend.

Auch in China ist die Tatsache, dass westliche Geschäftsleute in den Unternehmen häufig gut qualifizierten chinesischen Frauen begegnen, nicht unbedingt ein Beweis für Gleichberechtigung. Zuallererst ist der Grund ein strukturelles Problem. Obwohl jedes Jahr sehr viele Studenten die Universitäten verlassen, herrscht Mangel an Absolventen mit den Qualifikationen, die westliche Firmen benötigen. Junge Chinesinnen greifen deshalb mit beiden Händen nach der einmaligen Chance, Karriere zu machen und finanziell auf eigenen Füßen zu stehen. Und sie scheinen auch eine hohe Karrierebereitschaft zu haben. Das in New York ansässige Center for Work-Life Policy veröffentlichte 2010 eine Studie, wie das US-Magazin Newsweek berichtet, der zufolge 75 Prozent der chinesischen Frauen mit Hochschulabschluss eine Topposition anstreben, im Vergleich zu etwas mehr als 50 Prozent bei den US-Amerikanerinnen. Ein Drittel der Akademikerinnen in den USA bezeichneten sich als sehr ehrgeizig, bei den chinesischen Frauen waren dies dagegen zwei Drittel.

Auch in China gilt: Für die Mehrzahl der Frauen ist der Weg zur Macht steinig. Doch anders als in Indien spielt die soziale Herkunft keine große Rolle. Bereits seit der kommunistischen Revolution wird die Teilnahme von Frauen am Berufsleben erwartet, auf welchen Ebenen auch immer.

Fehlender Wille zur Macht

Ein Aufstieg in Führungspositionen ist immer harte Arbeit, mit viel "Steine klopfen" verbunden. Das gilt weltweit. Ministerin von der Leyen sollte einfach auch einmal darüber nachdenken, dass es für die meisten Frauen schlicht nicht erstrebenswert ist, diese Mühen auf sich zu nehmen. Oder positiver formuliert: Für viele Frauen sind Macht und Verdrängungsspielchen im Haifischbecken einfach nicht sexy. Es ist bequemer, in kuscheliger Kaffeerunde Sprüche zu klopfen. Von den Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten, die deutschen Frauen selbstverständlich zustehen, kann jedenfalls die Mehrheit indischer oder chinesischer Frauen nur träumen.

Was denken Sie über die Frauenquote? Sind Chinas Managerinnen ein Vorbild? Diskutieren Sie mit.

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Kommentare
2
nasowas21 08.02.2011

Vorbilder sollte sich jeder selbst suchen.
Ein vom Staat vorgegebenes Vorbild ist eher eine Hausaufgabe. Werte Frau Seelmann-Holzmann, ich kann Ihrem Artikel nur in vollstem Umfang zustimmen. Ich lebe und arbeite seit etwa zehn Jahren in Fernost (nicht in China) und sammle (eigentlich) täglich derlei Erfahrungen, wie hier durch Sie beschrieben. Wie Frau Ministerin von der Leyen auch immer dazu kam, diese Fakten zur Erklärung einer Notwendigkeit für eine gesetzlich vorgeschriebene Frauenqoute für deutsche Unternehmen herzunehmen, das wird (doch hoffentlich) für immer ihr Geheimnis bleiben. De Facto ergäbe sich daraus ja wohl eher die Ablehnung einer solchen Quote. Ich kann mir wahrlich nicht vorstellen, dass man auch nur einen einzigen der (verbal) angestrebten Vorteile durch Druck oder Zwang erreichen wird. Erreichbar wäre bestenfalls für einige wenige Frauen ein gut erscheinender Posten. Ob das dann immer noch als gut empfunden wird, wenn man es machen ‘muss’, ist ja damit auch noch nicht entschieden. Weiterhin würde mit einer solchen Quote, aus meiner Sicht der Dinge, auf unzulässige Weise in die Führung der Geschäfte eines Unternehmens eingegriffen. So etwas geschieht (wenigstens derzeit) in den privaten Unternehmen der als Beispiel genannten Länder ja gerade nicht. Wenn der Staat erst einmal so weit in die Entscheidungsfindung und deren Ausführung eines privaten Unternehmens eingedrungen ist, weshalb sollte dann bei zukünftigen weiteren Entscheidungen darauf verzichtet werden? Die freie Marktwirtschaft wäre (in Teilen) außer Kraft gesetzt. Möglicherweise offerieren diese patriarchalisch geprägten Länder ihren Mitmenschen ja einfach mehr Freiheiten, als es die werdenden Matriarchate bereit sind zu tun? Es bleibt eben doch: viel "Steine klopfen".

Eichhorn 08.02.2011

Frauenquote
Den Artikel finde ich sehr informativ und aufschlussreich, anschaulich sowieso. Die Diskussion um eine Quote finde ich wichtig und richtig, ist eben ein Hilfsmittel, damit überhaupt etwas nach vorne geht. Ein Gesichtspunkt fehlt aus meiner Sicht. Es gibt ja auch die Frauen, die den Job machen könnten, auch das Zeug zur Durchsetzung haben, sich bewußt aber dieser Lebensweise in einer Führungsposition verweigern (Machtspiele, 80-Stunden-Wochen etc.). Es gibt ja wirklich im Leben noch schönere Dinge und manchmal auch wichtigere Dinge, das muss jede für sich entscheiden, wo Frau ihre Energie reingibt und was wirklich der eigenen Zufriedenheit am besten dient. Aus meiner heutigen Sicht weiß ich nicht, ob ich mich nochmals für eine Führungsposition entscheiden würde. Einfach einen guten Job auf mittlerer Ebene zu machen, dann aber auch viel Freizeit zu haben und sich nicht immer um das Ganze und das Ergebnis kümmern zu müssen, hat was. Bringt eine Menge mehr an Lebenzeit, Freiräume für ganz andere Erfahrungen.

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