Topmanager müssen nicht authentisch sein

Blog:

Von Dorothee Echter
4. Januar 2011

Muss der Vorstand für eine Einladung danken, die er uninteressant findet und die er nicht wahrnehmen kann? Muss die Aufsichtsrätin in ihrer kleinen Abschiedsrede den scheidenden Betriebsratsvorsitzenden würdigen, obwohl sie ihn für unfähig hält?

Große Gesten, viel Emotionen: Microsoft-Chef Steve Ballmer
DPA

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Die Antwort heißt in beiden Fällen: Ja. Erfolgreiche Führungskräfte müssen ihre Persönlichkeit zeigen, das Wie ist entscheidend. Sie sollten darüber sprechen, welche Gedanken sie sich über ihr Unternehmen machen, was sie erreichen und in die Welt bringen möchten. Das bedeutet aber nicht, alle Menschen, denen sie begegnen, authentisch an ihren Tageslaunen und persönlichen Abneigungen teilhaben zu lassen. Sie zügeln ihr Verlangen, ihre Überlegenheitsgefühle, ihre Gleichgültigkeit, Undankbarkeit oder Verachtung zu äußern. Sie beherrschen sich auch und unterdrücken ihr aufrichtig empfundenes Desinteresse oder ihren Ärger. Sie kritisieren nicht, sondern äußern ihre Wünsche.

Die Grenze zwischen authentisch sein und berechnend sein ist nicht immer leicht zu erkennen. Authentisch sein heißt, ganz bei sich selbst zu sein und dies zu signalisieren.

Der authentische Manager mag glücklich und gesund sein, da er keinen Ärger herunter schluckt. Er gilt als aufrichtig und berechenbar für andere. Gleichzeitig stellt er sich selbst in den Mittelpunkt und macht sein Empfinden zum Maßstab. Ist er verstimmt, zeigt er es. Empört er sich über andere, hält er nicht hinter dem Berg. Zweifellos hat er Zivilcourage. Entspricht jemand nicht seinem Wertesystem, bricht er den Kontakt ab. Er muss lernen, dass sich seine Authentizität in seinen Werten mitteilt, die er kontinuierlich vorlebt - und nicht darin, stets spontan Gefühle zu zeigen. Er muss sein Ego unter Kontrolle bringen, über sein inneres Anliegen sprechen, ohne andere zu kränken.

Der berechnende Manager ist dagegen stets nett und freundlich zu allen, und ganz besonders zu jenen, von denen er etwas will - mag es um einen geschäftlichen Vorteil für sein Unternehmen oder mehr Einfluss für sich selbst gehen. Nach dem Motto "man begegnet sich immer zweimal im Leben" versteht er es, unterschiedslos gute Stimmung und Wertschätzung zu verbreiten. Was er lernen muss ist, stärker bei sich selbst zu bleiben, glaubwürdig die eigenen Werte zu vertreten, Unterschiede zu machen sowie Entschiedenheit und Leidenschaft zu zeigen.

Dorothee Echter ist Topmanagementberaterin für international tätige Führungspersönlichkeiten

Dorothee Echter ist Topmanagementberaterin für international tätige Führungspersönlichkeiten

Das Verhalten und die Äußerungen von Topmanagerinnen und Topmanagern werden tausendfach wahrgenommen und kopiert, ob diese es nun wollen oder nicht. So tragen sie die Verantwortung für den Charakter der Kommunikation und für die Stimmung im Unternehmen. Die eigene, nach außen gezeigte Stimmung wird zur Strategie, sie ist Maßstab, Vorbild, Orientierung. Deshalb nutzen erfolgreiche Vorstände regelmäßig Rituale. Sie trainieren mit ihrer Hilfe, stets das Positive und Wertschätzende zu sehen, zu empfinden, und angemessen, respektvoll mitzuteilen. Vorrang vor Authentizität hat für Spitzenleute die eigentliche Aufgabe: Kleine Schritte Anderer in die richtige Richtung zu bemerken, zu benennen, zu würdigen; diszipliniert und vorbildlich respektvoll zu wirken sowie Kollegen und Mitarbeiter darin anzuleiten. Solche Stimmungsrituale helfen, die Ressourcen eines Teams optimal zu nutzen. Sie anstelle von Authentizität einzusetzen will gelernt sein - zum Beispiel bei diesen Gelegenheiten:

  • Jedes Meeting positiv beginnen,
  • Teilergebnisse regelmäßig visualisieren und loben,
  • Für Informationen, Kontakte, Einladungen stets danken,
  • Aufmerksamkeit schenken, wenn jemand spricht,
  • Gute Manieren im Umgang.

Stimmungsrituale beeinflussen zunächst das Ego des Topmanagers selbst , er bringt sich selbst in eine ausgeglichene, zuversichtliche und respektvolle Stimmung - ohne sie ist eine der wichtigsten Aufgaben des Topmanagement nicht zu leisten: Orientierung zu geben. Menschen reagieren auf sogenannte Authentizität leider auch authentisch, nämlich stimmungsabhängig und damit letztlich zufällig. Der Erfolg stellt sich dann auch nur zufällig ein. In diesem Verständnis ist Authentizität etwas für gute Zeiten, wenn sowieso alles passt und alle gut gelaunt sind. Dann darf, soll, muss die Topmanagerin, der Topmanager ihre und seine Freude darüber äußern.

Das Geheimnis ist die selektive Authentizität: diejenigen Gefühlsregungen, die strategisch Orientierung bieten, sollten spontan geäußert werden, die anderen nicht. Bis diese hohe Kunst aber gelernt ist, helfen Disziplin und Stimmungsrituale.

Was sind Ihre Erfahrungen? Wie gehen Sie mit Stimmungen - positiven und negativen - um?

Artikel
Kommentare
13
mmorell 04.01.2011

Respekt und Zugewandtheit ist eine Grundhaltung
Ich bin erstaunt über diesen Artikel. Er klingt, als komme er aus einem 80-Jahre-Archiv und will provozieren. Menschlich und authentisch kann es doch nur gehen - wie denn sonst? Authentisch heißt, mir meiner Rolle, die ich gerade lebe, situativ bewusst zu sein. Und dann zu entscheiden, welche meiner Persönlichkeitsanteile zu zeigen gerade angemessen ist. Letztlich geht es um Haltung, die damit klar ausgedrückt wird. Daran bin ich zu erkennen.

wgriepentrog 04.01.2011

Im Interesse der Glaubwürdigkeit: Authentizität ist Pflicht
Ich glaube, hier liegt kein Bruch mit akzeptierten Managementregeln vor, sondern eher ein begriffliches Missverständnis. Wenn man die Begriffe, "authentisch" (und damit "berechenbar"), "selbstbeherrscht" und "berechnend" klar trennt, hilft dies weiter. Es gilt, alle drei Begriffe im Managementalltag mit Leben zu füllen. Natürlich müssen Top-Manager im Interesse ihrer Glaubwürdigkeit authentisch sein und in diesem Sinne stimmig und konsistent in Wort und Tat. Siehe dazu den Blogbeitrag unter http://glaubwuerdigkeitsprinzip.de/2011/01/mussen-top-manager-authentisch-sein/. Allerdings ist es spannend, die Frage zu stellen, wie Top-Manager mit dem Anspruch an Authentizität umgehen und welche Kompromisse sie jeweils im konkreten Fall eingehen, beziehuntsweise nicht eingehen. Darüber sollte man wirklich ausführlich diskutieren.

debonoo 04.01.2011

Ein überflüssiges Thema, das zu nichts führt weil es - je nach Situation - so oder so gesehen werden kann. Es wäre interessant - wie erfolgreiche Wirtschaftsführer dieses Thema sehen ... Ich denke, gar nicht!

h-a-seeger 05.01.2011

Was soll sich da ausschliessen?
Authentisch zu sein, setzt doch nicht Taktlosigkeit voraus, oder? Auch finde ich, dass ein taktisch kluges Vorgehen in Diskussionen doch nicht den Verlust von Authentizität bedeutet. Übrigens: Ich will auch authentisch sein. Alles andere wäre mir zu anstrengend.

dattallah 08.01.2011

Authentizität und Benehmen sind kein Widerspruch
Respekt ist das Fundament - die Kommunikation ist offen, direkt und ehrlich - eben authentisch.

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