Glücklich ohne Work-Life-Balance

Blog:

Von Ulrich Hemel
15. Dezember 2010

Jeder kennt dieses Bild: Manager mit Rollköfferchen in den Abflughallen der Geschäftszentren München, Frankfurt oder Zürich. Ihre Kleidung ist uniform, ihre Gesichter wirken grau von den durchgearbeiteten Nächten. Sie sind geschäftig und scheinen immer unter Termindruck zu stehen. Im Flugzeug bearbeiten sie Excel-Tabellen und sobald die Räder des Fahrwerks auf der Landebahn aufsetzen, werfen sie ihren Blackberry an, um die neuesten E-Mails abzurufen.

Work-Life-Balance: Nicht jeder braucht zwingend einen Ausgleich zwischen Job und Privatleben. So mancher Manager lebt für seinen Job - und es geht ihm trotzdem gut. Das sollten Missionare in Personalabteilungen respektieren
Corbis

Work-Life-Balance: Nicht jeder braucht zwingend einen Ausgleich zwischen Job und Privatleben. So mancher Manager lebt für seinen Job - und es geht ihm trotzdem gut. Das sollten Missionare in Personalabteilungen respektieren

Work-Life-Balance heißt das Konzept, das diesen Menschen helfen soll. Manche Personalexperten und Coaches verbreiten es geradezu missionarisch. Sie wollen - voller Fürsorge - dem Mitarbeiter mehr Zeit außerhalb des Jobs verschaffen. Denn die eigene Familie wird für die jungen Manager der Generation Y immer wichtiger, so die Annahme. Das führt dazu, dass die Personaler Blackberry-freie Zeiten verordnen, Sabbaticals empfehlen und sich sogar um einen Arbeitsplatz für den Partner neu angeworbener Fach- und Führungskräfte kümmern.

Die Fürsorge unter dem Deckmäntelchen Work-Life-Balance treibt mitunter merkwürdige Blüten. Doch wer will das eigentlich? Ist es wünschenswert, Leben und Arbeit trennscharf abzugrenzen? Was passiert, wenn es jenseits des Berufs gar kein attraktives Leben gibt?

Mischen unmöglich?

Im Gedanken der Work-Life-Balance steckt immer noch die alte Trennung zwischen entfremdeter Arbeitswelt und erfülltem Privatleben. Doch was ist davon übrig geblieben?

Nicht viel. Anders als in der Zeit der Industrialisierung nehmen heute viele Menschen qualifizierte Arbeit eher erfüllend als entfremdend wahr. Da ist es kein Opfer, kurz vor einem privaten Abendessen eine wichtige Mail auf dem Blackberry oder iPhone zu beantworten. Manche Manager rufen im Urlaub einmal am Tag (aber eben nicht öfter) im Büro an. Eine ganz hervorragende Kollegin leistet komplexe Beratungsarbeit neben ihrem Familienhaushalt mit Mann und zwei Töchtern. Ein Kollege aus der Informationstechnik hat in seinem Vertrag einen Tag Heimarbeit pro Woche herausgehandelt, weil er Familie und Arbeit unter einen Hut bringen will.

Dieses Vermischen von Privatem und Beruflichen kann mit den Bedürfnissen einer Partnerschaft und Familie in Konflikt geraten - muss sie aber nicht. Oft sind beide Partner heute berufstätig und schätzen die neue Flexibilität. Die meisten Menschen wissen, dass sie bei wichtigen privaten Terminen oder zu fest vereinbarten Zeiten nicht für ihren Job verfügbar sein müssen. Und sie halten sich auch daran. Umgekehrt bedeutet dies, dass keiner ein schlechtes Gewissen haben muss, wenn er sich auch zu ungewöhnlichen Zeiten um Berufliches kümmert.

Engagierte Zombies

Selbst wenn das berufliche Engagement das Übergewicht gewinnt, heißt das noch nicht unbedingt, dass ein Arbeitgeber seinem Mitarbeiter ein Programm für eine bessere Work-Life-Balance verordnen sollte. Wie haben sich die Zeiten verändert: Noch in den 50er Jahren erwartete die Gesellschaft von Lehrerinnen, dass sie nicht heiraten, weil sie, so die Begründung, "schon in der Schule so viele Kinder haben"!

Natürlich gibt es - unter Managern ebenso wie unter Taxifahrern - Menschen, die eben keine familiären oder sonstigen persönlichen Beziehungen aufgebaut haben. Sie mögen ein paar schwierige Erlebnisse aus der Kindheit mitgenommen haben. Oder Beziehungen sind in die Brüche gegangen, ohne dass neue dazugekommen wären. Manche verarbeiten ihre Trauer über einen bestimmten Verlust durch intensiviertes Engagement im Beruf. Nicht jeder hat oder will Kinder. Und nicht jeder mag sich in der Kirchengemeinde, in einer Partei oder in einem Verein engagieren. Wenn in solchen Fällen die Arbeit im Vordergrund steht, wäre es inhuman und voreilig, solchen Menschen nur noch den Status eines sozialen Zombies zuzugestehen.

Begrenzte Vielfalt

Wir bemühen uns heute darum, auch in den Unternehmen von der Dominanz weißer deutschsprachiger Männer zwischen 45 und 60 wegzukommen. Der Weg dahin scheint klar zu sein, typische Stichworte sind Frauenquoten im Management oder die Forderung, mehr ausländische Manager in die Topetagen zu bekommen. Dabei könnten die Führungskräfte schon im Kleinen anfangen. Zur Diversität gehört auch ein differenzierter Umgang mit Lebensmodellen. Die moderne Gesellschaft erwartet, jenseits des Berufs Interesse an Partnerschaft und Familie aufzubringen. Wer aus Überzeugung oder aus den besonderen Lebensumständen heraus unverheiratet oder kinderlos ist, für den kann das beim Netzwerken außerhalb des Büros ein Karrierehindernis werden. Dabei stürzen sich oft Singles begeistert in die Teamarbeit. Sie schätzen Events und gemeinsame Freizeitaktivitäten, die für Familienväter und Mütter eine lästige Zusatzverpflichtung sind.

In einer freien Gesellschaft ist es ein hoher Wert, die Wünsche von Mitarbeitern individuell zu respektieren. Diesen Respekt können und sollten wir auch von unseren Unternehmen und ihren Personalabteilungen fordern!

Was denken Sie? Wieviel Work-Life-Balance ist wichtig, wie viel Diversität nötig? Diskutieren Sie mit.

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Kommentare
10
mfranck 15.12.2010

Das eine schließt das andere nicht aus
Natürlich gibt es Menschen, die keine Befriedigung beim Briefmarkensammeln empfinden. Sie bekommen die gleiche Befriedigung bei ihrer Arbeit. Ebenso gibt es natürlich auch Phasen, in denen man sich einfach nur betäuben will. Da ist Arbeit eine bessere Alternative als Alkohol. Nur braucht jeder Geist auch Zeit zur Reflexion. Man muss dann nicht in einen Verein gehen, oder zur vielleicht nicht vorhandenen Familie. Ein einfaches Hinsetzen und Meditieren ist eine Möglichkeit. Ebenso kommen manche Leute gute Gedanken beim Sport. Dass Bewegung notwendig ist, und die meisten Manager davon zu wenig oder zumindest falsch dosiert haben, ist bekannt. Die klareren Gedanken könnten auch dem Autor des Blogs gut tun. Denn wie passt der Arbeitsplatz des Lebenspartners zu Blackberry-Verbot und Sabbatical? Wollen viele vielleicht woanders arbeiten, um endlich getrennt vom Partner zu sein?

asdfjklö 16.12.2010

Was ist schlecht an Work-Life-Seminaren?!
Ich frage mich, was der Artikel soll. Natürlich kann man jemanden ohne soziales Leben als "sozialen Zombie" bezeichnen, womöglich ist ja auch der Autor davon "betroffen"?! Wenn diejenigen schon gar nicht mehr merken, dass ihnen was fehlt, ist das Stadium schon weit fortgeschritten ... Oder wenn Beziehungen in die Brüche gehen, "ohne dass neue dazugekommen wären", woran liegt das wohl? Kaum an zu großer Freizeit jedenfalls, eher an zuviel work statt life. (Seit ich mich zu den Angestellten zählen darf, hat sich mein Freundeskreis jedenfalls merklich verkleinert und mein Freizeitverhalten in die nähere Umgebung meiner Couch verlagert.) Und warum wohl nehmen Singles gern begeistert an Firmenevents teil? Vielleicht weil sie etwas in ihrer Freizeit vermissen?! Die "wirklichen" Workaholics schieben doch eher Überstunden, als zur Weihnachtsfeier zu gehen. Es verbietet einem ja niemand, den Beruf als Berufung anzusehen. Als Pfarrer ist dies sowieso Pflicht, als Arzt und (Hochschul-)Lehrer wird es zumindest erwartet und selbst als Kellner ist es zumindest von Kunden und Arbeitgeber gern gesehen. Es zwingt einen ja niemand, die Ratschläge zur Work-Life-Balance auch zu befolgen - was will der Autor also eigentlich? Aber wenn ich sehe, wie manche für einen Zwei-Jahres-Vertrag mit Hungerlohn plötzlich zu weltfremden "Ich hab keine Zeit"-Menschen mutieren - dann denke ich mir: Diese Work-Life-Seminare sind schon nicht schlecht - vielleicht um mal aufzuwachen?! Wenn nicht, dann kommt das böse Erwachen eben mit 67 - wenn man auf einem (im besten Fall) Haufen Kohle sitzen bleibt, aber weder Freunde noch Familie vorhanden sind, die einen über die eigene Einsamkeit hinwegtrösten können.

lt.ripley 17.12.2010

"Ist es wünschenswert, Leben und Arbeit trennscharf abzugrenzen?" -> Das ist eine tendenziöse Formulierung, die unter dem Deckmantel von Flexibilität einfordert, dass zwar das Private aufgrund der Arbeit zurückstecken soll, nicht aber andersherum. "Da ist es kein Opfer, kurz vor einem privaten Abendessen eine wichtige Mail auf dem Blackberry oder iPhone zu beantworten." -> Für die Arbeit ist das kein Opfer, für funktionierende soziale Beziehungen, für Intimität, für Freundschaft sehr wohl. "Menschen, die eben keine familiären oder sonstigen persönlichen Beziehungen aufgebaut haben." -> Und die sollen dann sozial kompetente Führungskräfte werden? Danke, die Sorte kenne ich zu Genüge.

Constantin Sander 19.12.2010

Nicht auf dem Stand der Forschung
Dieser Beitrag ignoriert völlig, dass es Menschen gibt, die für ihre Arbeit derart brennen, dass sie aus dem Gleichgewicht geraten - und wenn es schlimm kommt, in das Burnout rasen. Kosten allein in Deutschland: 3 Mrd. Euro. Es geht bei Work-Life-Balance nicht um entfremdete Arbeit, sondern um einen ausgeglichenen Lebensstil, der eben auch andere Bedürfnisse berücksichtigt. Dazu gehören zum Beispiel soziale Bindungen, körperliche Bewegung und Phasen der Entspannung. Wie wichtig diese Bereiche sind, ist auch wissenschaftlich belegt. Das zeigt die Stressforschung. Nur wer für entsprechenden Ausgleich sorgt, kann auch nachhaltig leistungsfähig sein.

pegattac 02.01.2011

Verschiedene Möglichkeiten
Und auch denen, die auf direktem Weg auf den Burnout zurasen, hilft kein vom Arbeitgeber verordnetes Work-Life-Balance-Seminar. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass Arbeitgeber verschiedene Möglichkeiten anbieten, z.B. flexible Arbeitszeitmodelle, Arbeiten von zu Hause und auch die sogenannten Sabbaticals - aber eben als Angebot, nicht als verordnetes Pflichtprogramm. Und so habe ich auch den Autor des Artikels verstanden. Wenn jemand bis 30 nicht verheiratet ist oder eine Mindestanzahl an Freunden hat, dann ist er noch längst kein sozialer Zombie. Viel wichtiger als vom Arbeitgeber verordnete Work-Life-Balance-Programme finde ich, dass es keine dauerhafte Überlastung von Führungskräften und Mitarbeitern gibt, so dass diese auch hin und wieder und nicht erst zum Renteneintritt dazu kommen, über ihr Leben nachzudenken. Und dann wird sicher jedem früher oder später klar, dass auch Familie, Freunde und Freizeitaktivitäten zu einem guten und erfüllten Leben gehören.

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