Was die Politik von Open Innovation lernen kann

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Von Johann Füller
3. November 2010

Bürger auf den Barrikaden. Derzeit ist viel los auf den Straßen und Plätzen Deutschlands. Stuttgart, eine eher konservative deutsche Stadt, kocht über im Kampf um den Erhalt des veraltenden Bahnhofs. Im sonst meist beschaulichen München kommen tausende Atomkraftgegner zusammen, um gegen die Politik der schwarz-gelben Koalition zu protestieren. Das scheinbar ungewöhnliche Verhalten der schwäbischen und bayerischen Bürger ist aber nicht ein Sonderfall, sondern ein breiter Trend, der sich bereits seit geraumer Zeit in der gesamten Gesellschaft andeutet.

Open Innovation: Könnte auch für die Politik Vorbild sein
Corbis

Open Innovation: Könnte auch für die Politik Vorbild sein

Das Paradox der politikverdrossenen Politikinteressierten. Von Wahl zu Wahl gehen immer weniger Bürger zu den Urnen. Dies gilt vor allem für die jüngeren Wähler und die intellektuellen Gesellschaftsschichten. Einen ähnlichen Erosionsprozess erleben die deutschen Volksparteien. Im Gegensatz dazu nehmen Formen direkter Demokratie wie etwa (eingeleitete) Volksbegehren laut Statistischem Bundesamt dramatisch zu. Auch gibt es weitere Belege dafür, dass sich die Bürgerinnen und Bürger unserer Republik nicht weniger für politische Fragen interessieren, sondern nur die traditionellen Arenen der Politikvermittlung meiden.

Statt dessen suchen sie sich im Zeitalter des Internets, Social Media und Web 2.0 neue, viel dynamischere Plattformen für Ihre Diskussionen. Leider sind dort die Politiker nur vereinzelt und die deutsche Verwaltung fast nie vertreten. Dieses Missverhältnis führt dazu, dass deutsche Leitmedien wie der Spiegel bereits die "Dagegen-Republik" heraufbeschwören und Vergleiche mit den wilden 60er und 70er Jahren herbeischreiben.

Ich frage mich, inwiefern diese Diagnose tatsächlich richtig ist. Meiner Meinung nach ist Ursache der beschriebenen Phänomene vielmehr eine verkrustete Verwaltungsstruktur und -kultur sowie noch immer sehr traditionelle Denkmuster und Kommunikationsreflexe der Politik. "Staatliche Entscheidungen bei solch gravierenden Projekten [wie Stuttgart 21] ohne Einbindung der Bürger gehören dem vorherigen Jahrhundert an", sagte der frühere CDU-Generalsekretär und jetzige Schlichter in Stuttgart, Heiner Geißler. Im gleichen Satz erklärte er die Basta-Politik der Regierenden für beendet.

Eine unaufhaltsame gesellschaftliche Entwicklung. Die Bürgerinnen und Bürger von heute sind aus anderen Bereichen ihres Lebens bereits ein hohes Tempo der Kommunikation und vor allem interaktive Formen der Auseinandersetzung gewöhnt. Konsequenterweise erwarten sie Ähnliches auch von der Politik. In der Wirtschaft werden die Grenzen der Organisationen immer durchlässiger. Verbraucher wollen ihre Produkte selbst kreieren und Unternehmen bieten Ihnen dazu die Plattformen (siehe meinen Artikel im Harvard Business Manager). Menschen kommunizieren über soziale (Online-)Netzwerke in nie gekannter Dynamik. All diesen Trends gemeinsam ist eine hohe Interaktivität, unmittelbare Kommunikation, ausgeprägte Individualität und ein internationales Vernetztsein. Hinzu kommt ein völlig neues Nutzungsverhalten bei den heute 10- bis 30-Jährigen, die als "Digital Natives" eine Welt ohne Internet nicht kennen und über jede Form digitaler Kanäle ganz anders konsumieren.

Die Bürger von heute wollen auf Augenhöhe mit den Entscheidern diskutieren und lassen sich nicht mehr mit den inhaltsleeren Floskeln der wöchentlichen Politiktalks abspeisen; sie wollen aktiv teilnehmen, mitbestimmen und verantwortlich Einfluss nehmen. Auf dieses Bedürfnis hat die deutsche Politik und Verwaltung noch keine wirkliche Antwort gefunden.

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