Vorsicht vor dem Peltzman-Effekt

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Von Thomas Hutzschenreuter
5. August 2010

Was passiert, wenn der Staat Autofahrer zum Anlegen eines Sicherheitsgurts verpflichtet? Die Zahl der Unfälle und die der Verkehrstoten sollten sinken - das jedenfalls ist die Hoffnung des Gesetzgebers. Zu seiner Überraschung stellte Sam Peltzman, ein Ökonom der Universität von Chicago, in den USA das genaue Gegenteil fest: Nach der Einführung der Gurtpflicht stiegen in den 70er Jahren die Unfall- und Opferzahlen. Seine Erklärung war einfach und zugleich genial. Das gestiegene Sicherheitsempfinden der Fahrer durch die reine Anwesenheit des Gurts führte zu einem riskanteren Verhalten. Hat staatliche Regulierung eine solch paradoxe Wirkung, spricht die Wissenschaft heute vom Peltzman-Effekt.

Mehr Unfallopfer nach Gurtpflicht: Intention und Wirkung von Entscheidungen klaffen oft auseinander, so auch nach der Einführung der Gurtpflicht in den USA in den 70er Jahren. Der Ökonom Sam Peltzman stellte fest, dass dieses ungewollte Phänomen auch ständiger Begleiter von Managemententscheidungen ist - der sogenannte Peltzman-Effekt war geboren.
Corbis

Mehr Unfallopfer nach Gurtpflicht: Intention und Wirkung von Entscheidungen klaffen oft auseinander, so auch nach der Einführung der Gurtpflicht in den USA in den 70er Jahren. Der Ökonom Sam Peltzman stellte fest, dass dieses ungewollte Phänomen auch ständiger Begleiter von Managemententscheidungen ist - der sogenannte Peltzman-Effekt war geboren.

Dieser Effekt ist nicht nur im Straßenverkehr zu beobachten. Er ist auch ein ständiger Begleiter des Managements. In Unternehmen klaffen Intention und Wirkung einer strategischen Entscheidung ebenfalls oft auseinander. Beispielsweise übernehmen Manager einen Konkurrenten, um die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Wenn dieser dann den Akquisiteur fast in den Ruin treibt, lässt Peltzman grüßen. Oder wenn Führungskräfte im großen Stil Unternehmensbereiche wie die Informationstechnik, die Fertigung sowie Forschung und Entwicklung in ferne Ländern verlagern, um Kosten zu senken. Und dann Rückrufaktionen und Nachbesserungen wegen mangelnder Qualität der Produkte viel Geld kosten.

All das bedeutet nicht, dass Manager auf Übernahmen und Fusionen, auf Outsourcing und auf andere Instrumente der Unternehmensführung verzichten sollten. Vielmehr sollten sie bei allen Entscheidungen darauf achten, den Peltzman-Effekt zu vermeiden. Im Straßenverkehr hat der Autofahrer die Verantwortung für die Sicherheit auf den Gurt übertragen - obwohl das niemals funktionieren kann.

Bei strategischen Entscheidungen handeln Manager ähnlich und vertrauen allzu häufig darauf, dass ein bestimmtes Instrument schon die beabsichtigte Wirkung haben wird. Aber Wettbewerbsfähigkeit stellt sich nicht automatisch durch eine Übernahme ein, durch die ein Unternehmen erst einmal nur Marktanteile hinzugewinnt. Sie entsteht erst durch bestimmte Prozesse und Strategien - und nur durch sie. Drückt sich das Management vor seiner Verantwortung, für die entsprechenden Strukturen und Abläufe zu sorgen, und vertraut es blind darauf, dass eine Akquisition es schon richten wird, dann unterliegt es dem Peltzman-Effekt.

  Thomas Hutzschenreuter  ist Inhaber des Lehrstuhls Unternehmensentwicklung an der WHU in Vallendar bei Koblenz
Katrin Denkewitz

Thomas Hutzschenreuter ist Inhaber des Lehrstuhls Unternehmensentwicklung an der WHU in Vallendar bei Koblenz

Dasselbe droht, wenn Führungskräfte die Produktion ins Ausland verlagern, um die Kosten zu senken. Dabei gefährden sie leicht die Qualität, denn in Osteuropa oder China ist das Unternehmen erst einmal Außenseiter und braucht lange, bis es dieselben Standards wie in der Heimat erreichen kann.

Die Beispiele zeigen: Intention und Wirkung einer Strategie driften immer dann auseinander, wenn sie nicht am Kern eines Problems ansetzt. Früher oder später wird dieses Defizit offensichtlich werden - mit häufig katastrophalen Folgen. Deshalb: Vorsicht vor dem Peltzman-Effekt im strategischen Management!

Haben Sie schon einmal erlebt, dass Ihr eigenes oder ein anderes Unternehmen dem Peltzman-Effekt aufgesessen ist? Wie hat sich das dargestellt, welche Folgen hatte dies für das Unternehmen und die Beschäftigten?

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