Wie die Generation Y kommuniziert

Blog:

Von Armin Trost
28. Juli 2010

Vor etlichen Wochen war ich mit dem Auto von Tübingen nach Mainz unterwegs. Auf Höhe Karlsruhe merkte ich plötzlich, dass ich mein Smartphone vergessen habe. Eine leichte Panik stieg in mir auf. Wie sollte ich mitteilen, dass ich möglicherweise zu spät käme? Wie lautete nochmals die Adresse, zu der ich wollte und die sich nur in meinem elektronischen Adressbuch befand? Wie sollte ich den Tag ohne stündlichen Zugriff auf Mails oder SMS überstehen?

" Ich glaube, Internet und Handys nehmen uns allen die Geduld "
Corbis

"Ich glaube, Internet und Handys nehmen uns allen die Geduld"

Wenn schon ich mich in solch einer Situation so fühle, wie wird dann erst ein Vertreter aus der Generation der sogenannten Digital Natives reagieren? Diese Frage hat mich zu einem kleinen Experiment an unserer Fakultät bewogen: Acht Studenten an der Hochschule Furtwangen verzichten eine Woche auf Internet und mobile Kommunikation. Die Idee ist einfach - die Bedeutung der modernen Medien erfährt der am besten, der einige Zeit auf sie verzichtet. Die Generation der nach 1980 geborenen (Generation Y) erscheint mir am interessantesten, weil ihr Verhalten am stärksten durch Internet und mobile Kommunikation geprägt ist. Sie kennen nichts anderes.

Die acht Studenten unterschrieben eine Erklärung, und ich veröffentlichte den Text mit einem Foto an dem Platz, an dem sie sich am liebsten aufhielten: auf Facebook. Ich habe alle Personen getagged, sodass jeder dort weiß, dass sie nicht zu erreichen sind. Die Studenten haben ihre Erfahrungen in einem Tagebuch (aus Papier) dokumentiert, und am Ende haben wir alle Erlebnisse zusammengetragen. Um einen Eindruck vom Leben ohne Internet und Handy zu vermitteln, erzähle ich im Folgenden die Erfahrungen aus Sicht eines Studenten. Alle geschilderten Situationen und Erlebnisse basieren auf realen Berichten, ich habe sie in einer fiktiven Person zusammengefasst:

Normalerweise weckt mich mein Handy. Aber heute macht das mein Fernseher, den ich eigentlich sonst kaum noch benutze. Es hat mich eine Stunde gekostet herauszufinden, wie ich ihn als Wecker programmiere. Allerdings benötige ich den Wecker während meiner Internetabstinenz kaum mehr, weil ich so viel wie seit Jahren nicht mehr schlafe. Ich könnte mich daran gewöhnen. Sonst wünsche ich mir immer, ich wäre abends so müde, wie morgens. Ich habe eigentlich nie das Gefühl, ausgeschlafen zu sein. Bei Facebook passieren die meisten Dinge nachts, und morgens schaue ich dann üblicherweise erst einmal rein. Das gehört für mich zum Aufstehen dazu. Weil ich nicht weiß, worüber die Freunde sprechen, fühle ich mich total isoliert. Seit Tagen lebe ich mit dem Gefühl, ständig etwas zu verpassen.

Auf dem Weg zur Uni will ich am EC-Automaten Geld abheben. Doch ich muss unverrichteter Dinge weiterziehen, weil ich meine Geheimzahl im Handy gespeichert habe. Und das liegt nun mal beim Professor Trost in der Schublade. Wenige Minuten später stehe ich in einem leeren Hörsaal. Wurde die Veranstaltung verschoben oder nur der Raum geändert? Wieder habe ich das Gefühl, den Schuss nicht gehört zu haben. Normalerweise würde ich jemanden aus meinem Semester anrufen. Aber nun marschiere ich zum Dekanat. Endlich bin ich im richtigen Raum, und das Seminar ist schon voll im Gange. Der Dozent bespricht eine Fallstudie, die ich nicht bekommen habe. Sie wurde offenbar per E-Mail verschickt. Bis zum nächsten Mal sollen wir in Gruppen den Fall weiter bearbeiten. Dazu sind Recherchen notwendig. Ich werde mich weder mit meinen Kommilitonen abstimmen noch nach Informationen im Internet suchen können. Studieren ohne das Web ist nicht möglich.

Aber schlimmer ist das ständige Gefühl und die chronisch lauernde Gefahr, bei den anderen und bei den Professoren als Hinterwäldler dazustehen. "Wie, du nutzt kein Internet?" Ich hatte einmal eine Freundin, die in einer Sekte war und viele Dinge nicht durfte. Ich kann sie jetzt gut verstehen. Die anderen verstehen einfach nicht, warum ich etwas scheinbar Selbstverständliches nicht tue. Das ist schon hart.

In der Pause erfahre ich, dass ich gestern eine spontane Party bei einem meiner Kommilitonen verpasst habe - weil ich nicht erreichbar war. Ich ärgere mich, gerade dort wäre ich gerne dabei gewesen. Was heute Abend passiert, steht noch in den Sternen. Ich muss das klären, solange ich meine Freunde sehe. Wenn ich mich jetzt nicht verabrede, findet schlichtweg alles ohne mich statt. Wir brauchen einen eindeutigen Treff- und Zeitpunkt - hier und jetzt. Sonst wird nichts aus dem Abend, und ich sitze allein zu Hause - ohne Facebook und mit schlechtem Fernsehen.

Eine gemeinsame Aktion spontan zu planen, erscheint mir ohne Internet und Handy fast unmöglich. Um eine Zugverbindung herauszufinden, muss ich zum Bahnhof marschieren. Welche Filme laufen, erfahre ich erst beim Kino oder aus der lokalen Zeitung, die ich nicht abonniert habe. Alle Infos, die ich benötige, um ein Event zu planen, liefert das Internet. Und wenn ich es dann doch schaffe, einen Kinobesuch in Stuttgart mit einer Freundin zu arrangieren, müssen wir regelrecht Händchen halten. Wenn wir uns verlieren würden, kämen wir nie mehr gemeinsam nach Hause.

Es ist nun später Nachmittag, ich bin in meiner Bude und versuche, an meiner Hausarbeit zu schreiben. Es ist zäh. Mir fehlt das gewisse Maß an Ablenkung. Normalerweise habe ich auf meinem Rechner immer mehrere Fenster offen. Sitze ich am Computer, dann bin ich auch online. Ich lerne, schreibe, chatte mit Freunden und höre Musik über YouTube - alles gleichzeitig. Wenn ich studiere, dann arbeite ich immer nur zum Teil. Der Zugang zu Freunden und anderen Dingen per Internet ist zu verlockend. Da konkurriert in jedem Moment das Lehrbuch gegen eine viel buntere Welt. Zwei Stunden lang einen Artikel zu studieren, der stolze zwölf Seiten lang ist und sich auf nichts anderes zu konzentrieren - so hat wohl mein Vater studiert. Aber der hatte auch kein Internet und auch kein Handy. Dafür hatte er eine Plattensammlung, hörte die Musik über eine Stereoanlage und hatte unzählige Bücher im Regal stehen. Ich habe nur zehn Bücher, darunter ein Langenscheidt-Lexikon, den Diercke-Weltatlas, den Wöhe, ein Wirtschaftslexikon, das mir mein Onkel zum Studium geschenkt hat, und die Bibel aus dem Konfirmationsunterricht. Ohne Internet schlage ich tatsächlich im Lexikon nach, aber ich beginne zu zweifeln, ob das dort Geschriebene wirklich aktuell ist. Schließlich sind die Ausgaben schon sechs Jahre alt.

Armin Trost ist Professor für Human Resource Management an der Hochschule Furtwangen
Armin Trost

Armin Trost ist Professor für Human Resource Management an der Hochschule Furtwangen

Am frühen Abend schaue ich seit Langem einmal wieder fern. Ich bin entsetzt über das, was mir geboten wird. Mein Laptop ist mein Fernseher und das Internet mein Programm. Normalerweise entscheide ich spontan, welchen Film oder welches Video ich anschauen möchte. Da Fernsehen und Facebook nun flach fallen und ich für ein, zwei Stunden etwas anderes tun will als Lernen und Hausarbeit schreiben, wäre Sport eine vernünftige Alternative. In solchen Phasen vermisse ich das Internet besonders, um mich kurzfristig zu verabreden.

Ich glaube, Internet und Handys nehmen uns allen die Geduld. Auf eine Nachricht per SMS erwarte ich eine Antwort innerhalb von Minuten. Noch krasser ist das im Chat bei Facebook. Wer nicht innerhalb von Sekunden antwortet, ist draußen. E-Mails schreibe ich eigentlich nur noch, wenn es offizieller wird, wenn ich mit Profs kommuniziere oder Datei-Anhänge versenden muss. Ansonsten sind Mails irgendwie zu sperrig. Vielleicht wird dadurch vieles oberflächlicher als in Zeiten, zu denen sich die Menschen noch Briefe schrieben. Andererseits ist es extrem effizient, mal schnell eine Frage zu posten und in kürzester Zeit eine Antwort zu bekommen. Vor allem ist es irgendwie aufregend, mit mehreren Menschen gleichzeitig zu chatten. Es ist, als sprächen wir miteinander, aber es hat die Kraft des geschriebenen Wortes. Ich vergesse dabei immer die Zeit. Das fehlt mir in der Woche der Abstinenz besonders. Ich fühle mich isoliert und minderwertig. Ich nehme an etwas nicht teil, wovon ich nicht wirklich weiß, was es mir bringt. Mir wird erst jetzt bewusst, wie viel Schwachsinn ich mir auf Seiten wie Facebook täglich antue. Eine Zeit lang nicht erreichbar zu sein, ist irgendwie auch ein gutes Gefühl. Ich hatte selten so viel Zeit und Ruhe.

Ich bin um 21 Uhr mit Freunden verabredet. Ich muss wirklich pünktlich sein. Sollte ich mehr als zehn Minuten zu spät kommen, laufe ich Gefahr, die anderen zu verpassen. Ich hoffe, Ort und Zeitpunkt stimmen noch, und meine Freunde haben zwischenzeitlich nichts anderes ausgemacht. Es geht alles gut. Wir treffen uns wie vereinbart. Es folgen schöne Stunden, in denen weder Internet noch Handy eine Rolle spielen.

Gegen ein Uhr mache ich mich auf den Heimweg, allein. Ich muss an meine Eltern denken, mit denen ich seit Tagen nicht mehr telefoniert habe, was ungewöhnlich ist. Sie sorgen sich wirklich, weil ich im Notfall niemand anrufen kann. Auch im Alltag mache ich mir automatisch Sorgen, wenn wir mal einige Tage nichts voneinander hören.

Wenn ich mit meinen Freunden abends unterwegs bin und dann nach Hause komme, ist immer erst einmal Facebook angesagt, auch wenn es schon drei Uhr ist. Wir treffen uns dort wieder und lassen den Abend ausklingen. Heimzukommen und direkt ins Bett zu gehen, ist eine gewöhnungsbedürftige Erfahrung. Mir fehlt etwas. Vielleicht fühlen sich so Entzugserscheinungen an?

Ich schlafe schnell ein und träume von Facebook und wie ich mit Freunden chatte. Mir wird schnell klar, dass ich etwas Verbotenes tue, schließlich habe ich eine Erklärung unterschrieben. Ich habe im Traum ein schlechtes Gewissen. Dass es so was gibt?

Soweit die Geschichte des Studenten und seine Erfahrungen während der Abstinenz.

Eltern sollten verstehen, wie ihre Kinder in diesem Alter kommunizieren. Dasselbe gilt für Manager. Auch sie sollten das Kommunikationsverhalten ihrer jüngeren Mitarbeiter kennen. Das ist für die künftige Gestaltung der Arbeitswelt enorm wichtig - auch unabhängig davon, was das am Ende konkret bedeuten mag. Die Generation Y ist anders als Ältere enorm geschickt, schnell und beweglich beim Umgang mit dem Web 2.0. Die meisten der jüngeren Menschen, Studenten und Mitarbeiter nutzen das Internet anders und effektiver. Dahinter stecken ungeahnte Potenziale - aber auch Gefahren.

Unser Experiment hat allen Beteiligten klargemacht, wie anders die jüngere Generation mit modernen Medien umgeht. Doch was bedeutet dies für die Arbeitswelt? Was sind Ihre Erfahrungen? Wie sollten die Verantwortlichen in den Unternehmen auf diese Entwicklungen reagieren?

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