Was kann Topmanager noch überraschen?

Blog:

Von Dorothee Echter
30. April 2010

Ein Krankenhausbesuch? Nichts für mich, ich kann Krankenhäuser nicht ausstehen. Yoga? Nichts für mich, denn ich bin nicht so gelenkig. Reflexion über einen Misserfolg? Nichts für mich, denn ich bin nicht schuld. Drei Gelegenheiten, etwas über sich selbst zu lernen, drei Widerstände dagegen. Wer eine neue Erfahrung machen könnte, hat es sofort mit seinen eigenen Widerständen zu tun. Selbst leidenschaftliche Lerner kennen diese Widerstände: jederzeit gerne, aber jetzt gerade nicht; wer weiß, ob es für mich das richtige ist; ich habe keine Zeit, bin dafür nicht geeignet; ist mir zu langweilig; vielleicht gerate ich an den falschen Lehrer; jetzt bearbeite ich erstmal meine dringenden E-Mails; ich bin ja selbst Beraterin; ich habe in meinem Leben schon genug gelernt. Und so weiter, und so fort.

  Innere Widerstände:  Auch oder gerade Topmanager müssen lernen, sie zu erkennen und zu überwinden. Denn allzu leicht lenkt uns unser Unterbewusstein in vermeintlich bewährte Verhaltensmuster
Corbis

Innere Widerstände: Auch oder gerade Topmanager müssen lernen, sie zu erkennen und zu überwinden. Denn allzu leicht lenkt uns unser Unterbewusstein in vermeintlich bewährte Verhaltensmuster

Widerstände sind nichts Außergewöhnliches, sie entstehen im Gehirn ohne Unterlass, zahlreich, ganz umsonst und ohne Anstrengung - und ganz besonders im Gehirn des Topmanagers, der Topmanagerin. Das Ego sucht Sicherheit im Vertrauten. Das Unbewusste ruht nicht, bis Sie wieder das Gewohnte, das Abgesicherte tun. Dabei bleiben, was Sie sowieso schon können. Zum Beispiel arbeiten. Denken, was Sie schon die ganze Zeit denken. Sich mit dem Erlernen von Fakten begnügen, ohne die eigene Persönlichkeit infrage zu stellen. Unangenehmes, Ungewohntes, Widersprüchliches, Neues ausblenden, lieber Zeit sparen. Das Unbewusste ist auf Sicherheit programmiert, auf Wiederholung, auf Wohlfühlen, auf Selbstbestätigung. Nur ja keine Überraschungen.

Lernen ist nicht delegierbar

Warum ist das so? Warum lassen sich Topmanager nicht gern durch neue Erkenntnisse überraschen, die sie als Person betreffen? Weil Lernen bedeutet, etwas (noch) nicht zu können. Sie sind gewohnt zu können, statt zu lernen, ihre Umwelt bestätigt sie in genau dieser Haltung. Lernen lässt sie wie Anfänger aussehen, es kratzt an der Erfolgsgewissheit - die aber nötig ist. Denn Topmanager müssen Anderen Orientierung bieten.

Dorothee Echter ist Topmanagement-Beraterin für international tätige Führungspersönlichkeiten

Dorothee Echter ist Topmanagement-Beraterin für international tätige Führungspersönlichkeiten

Lernen auf der einen, Erfolgsgewissheit auf der anderen Seite erfordern im Topmanagement besondere Rollenflexibilität. Erfolgsgewissheit ohne Lernen gibt es aber nur für kurze Zeit, dann kippt sie um und wird zu Überheblichkeit, Rechthaberei und führt zum Misserfolg. "Woran würden Sie scheitern, wenn Sie je scheitern würden, und auf welche Weise hätten Sie selbst dazu beigetragen?" Die Antwort können nur Sie selbst herausfinden - dieses Lernen ist nicht delegierbar. Aber Sie können es nicht allein - Ihre Widerstände würden Sie zu falschen Antworten führen. Sie würden nur das bereits Gewusste oder Geahnte in Betracht ziehen. Dieser spezielle Lernprozess ist kein rein bewusster. Deshalb reicht es auch nicht, Feedbackverfahren einzusetzen. Denn es geht nicht um die Erkenntnis von persönlichen Eigenschaften und Merkmalen, sondern um den inneren, aufmerksamen und manchmal anstrengenden Prozess des Lernensselbst.

Wagen Sie einen Versuch

• Lernen Sie Ihre ganz persönlichen Widerstände kennen. Was sind Ihre Lieblingsausreden gegen das Lernen, das Infrage-Stellen Ihrer Person?

• Würdigen Sie Ihre Widerstände, widmen Sie sich ihnen, und legen Sie sie dann einfach beiseite, auch wenn es Ihrem Unbewussten nicht passt.

• Stellen Sie sich vor, welche Vorteile intensives Lernen für Sie haben kann.

• Betrachten Sie das Lernen als ein Abenteuer. Lernen Sie, welche Talente noch in Ihnen schlummern.

• Tun Sie dies alles nicht allein. Nutzen Sie einen Lernpartner.

Umlernen, verlernen, erkennen, aus Freude lernen, beginnen Sie damit jetzt. Stürzen Sie sich ins Abenteuer. Egal wo, egal was. Kultivieren Sie Ihren Lernmodus, lassen Sie sich überraschen.

Was sind Ihre Erfahrungen? Wie lernen Sie? Diskutieren Sie mit.


Artikel
© Harvard Business Manager 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
ANZEIGE
Die neuesten Blogs
Nach oben